Warum manche Bilder eine solche Wirkung entfalten – und was die CDU daraus lernen könnte.
Ein Film und seine FolgenPartei diskutiert heftig über die ZDF-Doku „Inside CDU“

Philipp Amthor in einem Strandkorb aus Mecklenburg-Vorpommern auf dem Balkon seines Büro. Inzwischen trennte sich Amthor wieder von dem Strandkorb.
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Ein Strandkorb im Kanzleramt, ein AfD-Politiker mit Tankbeleg im TV-Duell und Politiker, die sich möglichst authentisch zeigen wollen: Die zweite Staffel der ZDF-Doku „Inside CDU“ hat eine Debatte über das Auftreten und die Kommunikation der Partei ausgelöst. Die vier Folgen der zweiten Staffel von „Inside CDU“ sind seit dem 22. September im ZDF-Streaming-Portal zu sehen.
Besonders viel Kritik entzündete sich an Philipp Amthors Strandkorb. Den Strandkorb sowie die Anlieferung und den Aufbau hatte der Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Kanzleramt privat bezahlt. In „Inside CDU“ ist zu sehen, wie das Möbelstück auf den Balkon neben Amthors Büro gebracht wird. „Ja, das sieht doch super aus“, sagt der 33-Jährige. Für den „unwahrscheinlichen Fall“, dass er ihn einmal zum Erholen nutze, könne er ihn immer noch Richtung Kanzlergarten drehen.
In den sozialen Netzwerken sorgten die Bilder für heftige Reaktionen. Mehrere Nutzer erklärten, sie hätten die Szene zunächst für Satire oder KI-generierte Inhalte gehalten. Andere warfen Amthor Überheblichkeit vor. Es gab aber auch Stimmen, die die Szene mit Humor nahmen und dem CDU-Politiker seinen Strandkorb gönnten.

Die ZDF-Doku „Inside CDU“ sorgt für Diskussionsstoff.
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Auch über andere Szenen der Doku wird in den sozialen Netzwerken intensiv diskutiert, darunter von CDU-Mitgliedern selbst. „Inside CDU“ geht damit in die zweite Runde. Für die erste Staffel begleitete das Kamerateam die Partei rund um die Bundestagswahl 2025. In der zweiten Staffel gehören neben Amthor unter anderem Gesundheitsminister Carsten Linnemann und Noch-Ministerpräsident Sven Schulze in Sachsen-Anhalt zu den Politikern, die immer wieder begleitet werden.
Auf dpa-Anfrage wollte sich Amthor nicht zu seiner Darstellung in der Doku und der Kritik daran äußern. Anfragen an Linnemann und die CDU-Bundespartei zu „Inside CDU“ blieben zunächst unbeantwortet.
Eine Doku unter anderen Vorzeichen
Für den Kommunikationsberater Béla Anda ist die veränderte politische Lage ein entscheidender Unterschied zwischen der jüngsten Staffel und der ersten Staffel, die noch zur Regierungszeit der Ampel-Koalition entstanden war. Anda war von 2002 bis 2005 Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamtes unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Von 2012 bis 2015 war er zudem stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung.
„In der ersten Staffel war die Union im Aufstieg, in der zweiten Staffel ist sie im Abstieg. Und der Abstieg wird natürlich die dominierende Erzählung in dieser zweiten Geschichte“, sagte Anda der Deutschen Presse-Agentur. „Dazu kommen selbstgemachte Fehler. Aber das Momentum war nicht auf der Seite der Union.“
Amthor und die Frage nach Authentizität
Amthor nimmt in der zweiten Staffel viel Raum ein. Die Kamera begleitet ihn durch das Kanzleramt, zeigt ihn im Anzug vor den Porträts früherer Bundeskanzler oder im Dienstwagen. Wiederholt sind seine Szenen mit klassischer Musik unterlegt.
Beim Strandkorb fällt Andas Urteil deutlich aus. „Philipp Amthor macht in dieser Szene eigentlich jeden Fehler, den man nur machen kann.“ Der Staatsminister bediene mit seiner Sprache und seinem Auftreten Klischees und präsentiere „die Insignien dieses Amtes, als wären sie seine eigenen“.
Autor und Kommunikationsexperte Philipp Jessen macht an Amthors Auftritt noch einen anderen Punkt fest: Authentizität bedeute nicht automatisch, dass ein Auftritt positiv wirke. „Dieses Wort authentisch wird häufig ganz falsch benutzt. Ich halte Amthor in dieser Folge für total authentisch. Die Frage ist: Gefällt mir das wahre Ich, das ich da sehe? Das ist etwas ganz anderes.“
Das Problem ist aus Jessens Sicht deshalb nicht, dass Amthor dem Kamerateam solche Einblicke gewährt hat. „Die Nähe zuzulassen, ist gar kein Problem. Amthor ist ja keine Paparazzi-Aufnahme gewesen. Er hat beschlossen, die Anlieferung seines Strandkorbs filmen zu lassen. Das Problem ist, gar kein Gefühl dafür zu haben, wie das wirkt.“
Für Jessen ist der Strandkorb dabei nicht das einzige Beispiel. „Da sind einfach Bilder in dieser Doku, bei denen ich sage: Die dürftest du nie zulassen. Alleine diese Einstellung: Wenn mich jemand in der Dienstlimousine mit der Kamera von unten nach oben filmt und ich da im Dreiteiler sitze - wenn ich der Hauptdarsteller von „Succession“ oder von der Fortsetzung von „House of Cards“ bin, ist das eine super Einstellung. Aber für alles andere nicht.“
Der Tankbeleg und die sozialen Netzwerke
Mit der Wirkung sozialer Netzwerke auf politische Kommunikation beschäftigt sich Jessen auch in seinem neuen Buch „Shitfluencer - Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird - oder retten kann“. Darin geht es unter anderem darum, wie politische Auftritte auf kurze, digital verwertbare Momente zugeschnitten werden.
Eine Szene aus „Inside CDU“ passt für ihn besonders gut dazu. Bei einem TV-Duell in Sachsen-Anhalt zieht AfD-Politiker Ulrich Siegmund einen Tankbeleg hervor und spricht über die Spritpreise. „Den Tankbeleg hat er ja nicht zufällig in seiner Tasche, sondern er überlegt: Was ist der eine Stunt? Was ist gerade das größte Thema? Das ist Tanken“, sagt Jessen.
Kritik an Schnitt und Musik
Kritik gibt es allerdings auch an der Machart der Doku. In sozialen Netzwerken und in der CDU wird über Auswahl, Schnitt und musikalische Untermalung einzelner Szenen diskutiert. Eine Antwort des ZDF auf eine dpa-Anfrage dazu lag bis Montagabend zunächst nicht vor.
Anda hält es für zu einfach, die Wirkung alleine den Filmemachern anzulasten. „Wer ein Kamerateam so nah an sich heranlässt, muss einkalkulieren, dass das Ergebnis auch anders werden kann als erhofft. Und wer sich so gibt, wie Philipp Amthor sich da gegeben hat, muss auch wissen, was er damit auslöst.“
Macht die CDU künftig wieder mehr Türen zu?
Die Debatte könnte Folgen dafür haben, wie viel Nähe die CDU künftig zulässt. Anda hält es für möglich, dass die Partei vorsichtiger wird. „Die Gefahr besteht auf jeden Fall, dass die CDU nach dieser Erfahrung wieder stärker dichtmacht.“ Dabei habe es sich nicht um ein Team irgendeines „Krawallmediums“ gehandelt, sondern um das ZDF. „Seriöser kann es eigentlich kaum sein.“
Bei Amthor hat die Debatte um die Bilder inzwischen eine ganz konkrete Konsequenz: Der Strandkorb muss weichen. Amthor nehme die an ihn gerichtete Kritik sehr ernst und habe deshalb entschieden, ihn abtransportieren zu lassen, hieß es von einem Regierungssprecher. Nun geht es für den Strandkorb zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. (dpa)