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Rundschau-Debatte des TagesBrauchen wir die Atomkraft doch länger?

4 min
Atomkraftwerk an der Isar

Symbolbild 

  1. Eine möglichst klimafreundliche Stromerzeugung wird nicht nur hierzulande immer wichtiger.
  2. Der schleppende Ausbau von Windkraftanlagen und der Ausstieg aus der Kohleverstromung rücken nun die Atomenergie zumindest für den Übergang in den Fokus.
  3. Ist das der richtige Weg?

Köln – Könnte die Atomkraft infolge ehrgeiziger Klimaziele und hoher Strompreise auch hierzulande eine Renaissance erleben? Aus Sicht von Experten gibt es aus sicherheitstechnischer Sicht keine grundlegenden Bedenken gegen einen möglichen Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke über den vorgesehenen Ausstiegstermin 2022 hinaus.

Wie ist der Stand bei den Atomanlagen in Deutschland?

„Stand heute, sehen wir aus rein technischer Sicht keine Anhaltspunkte dafür, dass in den nächsten Jahren außergewöhnlich große Nachrüstungen erforderlich würden – über Zeiträume von ein oder zwei Jahrzehnten mag sich das natürlich anders darstellen“, sagte der technisch-wissenschaftliche Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln, Uwe Stoll, unserer Redaktion.

Bei vier der sechs aktuell noch in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke stünde allerdings kurzfristig eine sogenannte periodische Sicherheitsüberprüfung auf dem Programm, die nach dem Atomgesetz alle zehn Jahre notwendig ist. „Man kann sicher nicht völlig ausschließen, dass sich aus den Ergebnissen solcher Überprüfungen ein Bedarf an Nachrüstungen ergäbe. Auch in den letzten Jahrzehnten sind immer Nachrüstungen erforderlich geworden, beispielsweise aufgrund neuer Forschungsergebnisse“, so der GRS-Experte weiter.

Warum wird die Atomkraft wieder als Alternative gehandelt?

Vor dem Hintergrund hoher Strompreise und ambitionierter Klimaziele hatte die Debatte über Atomkraft als Alternative zu fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas international in jüngster Zeit Fahrt aufgenommen. Die Hälfte der Bundesbürger spricht sich inzwischen wieder für eine längere Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke aus. Laut Ausstiegsgesetz sollen alle bis Ende 2022 stillgelegt sein. Noch in diesem Jahr gehen Brokdorf, Gundremmingen C und Grohnde vom Netz. Im nächsten Jahr werden dann Neckarwestheim II, Emsland und Isar II stillgelegt. Je schwieriger es wird, die Klimaziele zu erreichen, umso stärker rückt aber die Atomkraft zur Energiegewinnung wieder in den Fokus. Denn die Kernkraft liegt beim CO2 -Ausstoß pro erzeugte Kilowattstunde Strom deutlich hinter Kohle und Gas.

Wie ist die Lage bei den erneuerbaren Energien?

Tatsächlich wird Deutschland in den kommenden Jahren sehr wahrscheinlich einen steigenden Strombedarf verzeichnen – nicht zuletzt wegen der stärker zunehmenden Elektromobilität. Ob es möglich sein wird, den Bedarf nur mit erneuerbarer Energie zu stillen, ist fraglich.

Frankreich setzt auf neue Kraftwerke

Weltweit setzen einige Staaten wieder auf den Ausbau der Kernenergie, in Europa vor allem die Franzosen. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA revidierte ihre Prognose zum weltweiten Ausbau der Atomenergie jüngst zum ersten Mal seit zehn Jahren nach oben. Ohne Atomstrom, argumentiert etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, könne die Union nicht wie geplant bis 2050 klimaneutral werden; sein Land setzt deshalb weiter auf Atomkraft und plant sogar den Bau neuer Reaktoren, wie Macron jüngst ankündigte. Im gleichen Zuge sollten aber auch erneuerbare Energien im Land ausgebaut werden, bekräftigte Frankreichs Präsident.

In der EU ist ein Streit darüber entbrannt, ob Atomkraft als nachhaltig einzustufen sei. Tatsächlich hat es Paris geschafft, eine Mehrheit der EU-Staaten davon zu überzeugen, dass Atomkraft Teil der sogenannten Taxonomie sein sollte. Dabei handelt es sich um einen Rechtstext der EU-Kommission, den Investoren weltweit mit Spannung erwarten: Sollte die Brüsseler Behörde Atomenergie als „nachhaltig“ einstufen, käme das einer Empfehlung an die Finanzmärkte gleich, in Nuklear-Anlagen zu investieren.

Der in Deutschland erzeugte und ins Netz eingespeiste Strom stammte im 1. Halbjahr 2021 mehrheitlich aus konventionellen Energieträgern. Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung liegt in Deutschland noch bei gut zwölf Prozent. Gelingt es auf den letzten Metern des Atomausstiegs nicht, den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie deutlich zu beschleunigen, wird Deutschland wohl nicht umhinkommen, Atom- und Kohlestrom aus anderen Ländern zuzukaufen.

Könnte Deutschland den Atomausstieg verzögern?

Dass Kernkraftwerke in Deutschland gleichwohl über den 31. Dezember 2022 am Netz bleiben könnten, ist trotz allem höchst unwahrscheinlich. „Die Betreiber sind inzwischen ganz auf Rückbau eingestellt, und es gibt keine Neigung, daran etwas zu ändern“, heißt es in der Branche. Ein Weiterbetrieb, dem eine möglichst baldige Änderung des Ausstiegsgesetzes vorangehen müsste, bedürfte eines echten Kraftakts.

„Zum einen erlischt die Berechtigung zum sogenannten Leistungsbetrieb – also zur Stromerzeugung – nach dem Atomgesetz, sobald entweder die für jede Anlage festgelegte Strommenge erzeugt oder aber der gesetzliche Termin erreicht ist. Danach müssten neue Genehmigungen beantragt werden“, erläutert GRS-Geschäftsführer Uwe Stoll. „So ein Verfahren würde sicher viele Jahre in Anspruch nehmen, selbst wenn es nicht zu Klagen und Gerichtsverfahren käme.“

Zum anderen benötigten die Betreiber ganz praktisch auch frische Brennelemente. „Sofern die Anlagen nicht noch genügend vorrätig haben – was kurz vor der Abschaltung unwahrscheinlich ist – , müssten die bestellt werden. So etwas wird aber üblicherweise nicht in wenigen Wochen oder Monaten geliefert“, so Stoll.