- An vielen Orten haben Menschen der beiden Polizeibeamten gedacht, die im Einsatz erschossen wurden.
- Es ging aber nicht nur um Trauer: In der öffentlichen Debatte rückt die Frage nach den Konsequenzen in den Vordergrund. Was kann man tun, um so etwas zu verhindern?
Kusel/Berlin – In Trauer vereint haben viele Polizeibeamte, Bürger und Politiker am Freitag mit einer bundesweiten Schweigeminute den beiden erschossenen Polizisten aus Rheinland-Pfalz gedacht. Vielerorts läuteten Kirchenglocken für die 24-Jährige und den 29-Jährigen, die am Montagmorgen bei einer Verkehrskontrolle getötet worden waren. In Kusel unweit des Tatorts kam Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit Angehörigen und Kollegen der Opfer zu einer Trauerfeier zusammen.
Am frühen Montagmorgen waren der Oberkommissar und seine Kollegin, eine Polizeianwärterin, mit Kopfschüssen aus Gewehren getötet worden. Unter dringendem Tatverdacht stehen zwei 32 und 38 Jahre alte Männer, die noch am selben Tag festgenommen wurden. Am Tatort lagen am Freitag viele Blumen, auch Kerzen brannten dort. In sozialen Medien trendete der Hashtag #zweivonuns zum Gedenken an die Beamten.
Hasskommentare im Internet
Am Rande des Gedenkens verurteilte Dreyer hämische Kommentare im Internet scharf, die nach den tödlichen Schüssen verbreitet worden waren. „Wir erleben im Netz gerade widerwärtige Dinge, dass diese Tat von manchen bejubelt wird“, sagte Dreyer. Die Behörden würden weder Beleidigungen noch Drohungen dulden – und nicht nur löschen, sondern verfolgen und bestrafen.

Polizeibeamte stehen nach der Gedenkfeier für die beiden erschossenen Polizeibeamten in der Fritz-Wunderlich-Halle vor dem Gedenktisch.
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Laut Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) hat es im Raum Idar-Oberstein (Kreis Birkenfeld) bereits einen Zugriff nach einem Hasskommentar gegeben. „Dort hatte eine Person im Netz aufgerufen, Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte auf Feldwege zu locken und dort zu beschießen“, sagte er. Der Staat akzeptiere solche Aufrufe nicht. „Das Verfahren läuft“, sagte Lewentz.
Wie die Polizei mitteilte, hatte der Mann in seinem öffentlichen Facebook-Profil zwei Videos hochgeladen. Spezialkräfte überwältigten den 55-Jährigen am späten Donnerstagabend. Der Mann wurde in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Gewahrsam genommen und später zunächst auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen laufen.
Folgen für Ausbildung und Dienst
Die getötete 24-Jährige stand kurz vor dem Abschluss ihres Polizeistudiums. Innenminister Lewentz sagte, es sei ein Einsatz gewesen, der auch im Rahmen der Ausbildung nicht unüblich sei. Wegen der dramatischen Folgen werde der Einsatz aber genau ausgewertet, kündigte er an. Die Ergebnisse flössen in die Polizeiausbildung ein: „Dass man auch bei Kontrollen solche Gewaltexzesse vor Augen haben muss, die man bis dato in Rheinland-Pfalz nicht kannte.“
Verdächtige handelten mit gewildertem Fleisch
Die beiden mutmaßlichen Täter im Fall Kusel haben offenbar in großem Stil mit gewildertem Fleisch gehandelt. Ermittler entdeckten im Wagen der Tatverdächtigen 22 Damhirsche, teilte die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern mit. Zudem seien im Saarland in einer Wurstküche eines der Männer Tierabfälle und anderenorts 20 ausgeweidete Wildtier-Kadaver gefunden worden. Vor der Tür habe dort ein Kühlanhänger mit verkaufsfertig verpacktem Fleisch im Wert von mehreren tausend Euro gestanden. Die 32 und 38 Jahre alten Männer sitzen wegen des Vorwurfs des gemeinschaftlichen Mordes und der gewerbsmäßigen Jagdwilderei in Untersuchungshaft. Die Ermittler vermuten, dass sie die beiden jungen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen haben, weil sie die Wilderei vertuschen wollten. Laut Staatsanwaltschaft im Saarland war einer der beiden Männer 2006 wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt worden. Der heute 38-Jährige hatte einen Jagdkollegen mit einem Schuss im Hals- und Brustbereich sowie insbesondere an einem Auge erheblich verletzt. (dpa)
Der Vizechef der Polizeigewerkschaft GdP, Jörg Radek, lehnt jedoch ein robusteres Vorgehen der Beamten als Konsequenz aus dem Fall ab. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte er auf die Frage, ob Polizisten künftig nach amerikanischem Vorbild Fahrzeugkontrollen mit vorgehaltener Waffe vornehmen sollten: „Nein, das ist doch keine Lösung.“ Radek fügte hinzu: „Die Polizei in Deutschland entspricht dem Idealbild einer bürgernahen, zivilen Polizei, die die Gesellschaft schützt. Das soll so bleiben.“
Er gehe nicht davon aus, dass eine bessere Schutzausrüstung oder häufigere Trainings die Tötung der beiden Polizisten hätten verhindern können. Der Gewerkschafts-Vize sagte: „In dem Fall Kusel haben zwei Täter skrupellos und kaltblütig bei einer Fahrzeugkontrolle zwei Polizisten ermordet. Dagegen kann sich Polizei nicht schützen.“ Sogenannte Bodycams, die während des Einsatzes aufzeichnen, hätten sich zwar im Dienstalltag und bei der Aufklärung bewährt. „Aber ich sage auch: Ein Täter, der zu allem entschlossen ist, den beeindrucken Sie auch nicht mit einer Bodycam.“
Gesellschaft ist gefordert
Nach Radeks Ansicht sollte es nun weniger darum gehen, dass die Polizei aus dieser Tat Lehren ziehen müsse, sondern dass die Gesellschaft daraus lerne: „Nämlich herauszufinden, was sich ändern muss, damit so etwas nicht mehr vorkommt“, sagte er. Die Polizei benötige mehr Respekt für ihre Arbeit.
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Auch der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) beobachtet eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. „Eine solche Rohheit hat auch etwas damit zu tun, dass wir insgesamt schrittweise Übergriffe hingenommen haben“, sagte der 72-Jährige. Insbesondere durch das Internet habe sich Brutalität in die Gesellschaft geschlichen und die Hemmschwelle zur Gewalt gesenkt. (dpa/trim)


