- Katharina Kracht wurde als junges Mädchen von einem evangelischen Pfarrer missbraucht.
- Sie hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie offen darüber sprechen konnte.
- Heute gehört sie dem Betroffenenbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland an.
- Raimund Neuß hat mit ihr gesprochen.
In der Öffentlichkeit wird viel über Sexualdelikte an Kindern, Jugendlichen, Schutzbefohlenen in der katholischen Kirche geredet, wenig über die Lage in der evangelischen Kirche. 3600 dokumentierten Fällen auf katholischer Seite stehen angeblich nur 900 auf evangelischer gegenüber – ist so eine Darstellung angemessen?
Die katholische Kirche steht zu Recht in der Kritik. Und die evangelische Kirche steht zu Unrecht nicht in der Kritik. Die Zahl 900 ist nicht einmal die Spitze des Eisberges. Wir brauchen dringend eine Dunkelfeldstudie. Bei den Heimen können wir davon ausgehen, dass es zwischen katholischer und evangelischer Kirche kaum Unterschiede gibt. Über andere Bereiche wissen wir nichts.
Sie selbst sind Betroffene. Was haben Sie erfahren, als Sie sich an die Kirche gewandt haben?
Das hat eine lange Vorgeschichte. Ich komme aus Niedersachsen. In meiner Kirchengemeinde gab es einen Pfarrer, der systematisch sexuelle Beziehungen zu Mädchen suchte, zu 14-, 15-, 16-Jährigen wie damals mir. Das war in allen Gemeinden, in denen er gearbeitet hat, bekannt – wie ich später erfahren habe. Und es wurde nicht gehandelt. Ich war 17, als der schwere sexuelle Missbrauc anfing, die Vorgeschichte ist noch länger. Das ist jetzt mehr als dreißig Jahre her. Der Pfarrer war sehr manipulativ. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um mir klar zu werden: Das war Missbrauch. Erst 2010, als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in einer evangelischen Gemeinde in Ahrensburg öffentlich wurde, habe ich verstanden, dass ich da überhaupt etwas machen kann.
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Wir reden über jemanden, der nicht zölibatär leben musste wie katholische Priester.
Ich glaube, die Gemeinsamkeiten sind größer als die Unterschiede. Auch ein katholischer Priester, der mit dem Zölibat nicht zurechtkommt, hätte doch andere Auswege. Es geht den Tätern um etwas anderes, vor allem: Um Macht. In meinem Fall habe ich den Eindruck, es handelte sich um einen speziellen Tätertyp, den es so in den 1970er, 1980er Jahren in der evangelischen Kirche öfter gab – mit Parallelen zum Fall Odenwaldschule: der lockere, lässige, coole, fortschrittliche Typ. Noch etwas ist in der evangelischen Kirche charakteristisch: Die Arbeit mit Jugendlichen steht stärker im Vordergrund als die mit Kindern. JTäter können Jugendliche manipulieren, indem sie so tun, als gäbe es eine Einvernehmlichkeit. Sie tun so, als bestünde die Machtdifferenz gar nicht. Am Ende reden sich die Opfer ein, es sei eine ganz komische Liebesgeschichte mit dem Pfarrer gewesen.
Ist es Ihnen so gegangen?
Das ist meine Geschichte. Ich habe ganz lange gedacht, dass er mich geliebt habe, unendlich geliebt habe. Und es war eine Befreiung für mich, als ich viel später erfuhr: Nein, das war keine Liebe. Ich war eine von ganz, ganz vielen, die er sexuell missbraucht hat.
Sie sprechen in der Öffentlichkeit darüber, mit mir zum Beispiel, unter vollem Namen. Das wird keine einfache Entscheidung gewesen sein.
Nein, das ist eine ganz individuelle Entscheidung. Viele können sich das nicht leisten. Wenn die Täter noch leben, kommt ganz schnell ein Schreiben vom Anwalt. Ich kann es mir leisten, ich bin beruflich gut situiert, und ich tue es, weil es hoffentlich anderen den Umgang mit ihrer Geschichte leichter macht. Jahrelang habe ich mich nur unter Pseudonym geäußert, aber dann habe ich mir klar gemacht: Das ist ein Verbrechen, aber nicht ich habe begangen. Schuldig ist der Täter. Und ich schäme mich auch nicht mehr dafür. Denn als Betroffene von Missbrauch, da schämt man sich. Die Scham ist sehr, sehr groß. Es war ein langer Kampf, bis ich mir gesagt habe: Ich stehe dazu, denn ich habe nichts falsch gemacht.
War das dann im Jahr 2010?
Nein, viel später. Ich habe mir das erst im September 2020 klar gemacht. 2010 hatte ich gar keinen Ansprechpartner. Ich stand der Kirche inzwischen fern und hatte keine Idee, wohin ich mich wenden sollte. Passiert war der Missbrauch auf dem Gebiet der Hannoverschen Landeskirche, heute lebe ich in Bremen. Dort ist man nicht zuständig. Ich war völlig verloren. Ich schaltete eine Anwältin ein, dann gab ich irgendwann auf. Aber ich googelte weiter nach Informationen. 2015 fand ich endlich eine Anlaufstelle bei der Hannoverschen Kirche. Der Täter war mittlerweile verstorben, was für mich eine ganz wichtige Nachricht war, man geht dann anders damit um. Ich habe mich mit der zuständigen Ansprechpartnerin getroffen. Das lief erst gut, später wurden immer wieder Versprechen gemacht und nicht gehalten – inzwischen habe ich Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt und eine andere Ansprechperson. Das erleben viele Betroffene auch anderswo. Der Erstkontakt ist gut, danach wird es problematisch.
Hat die Landeskirche anerkannt, was Ihnen widerfahren ist?
Ja, ich habe eine Anerkennungsleistung von 35 000 Euro bekommen. Das war damals der höchste Betrag, der je ausgezahlt wurde, heute gibt es mehr, aber die meisten Betroffenen erhalten leider nur etwa 5000 Euro. Auch die 35 000 Euro haben aber die Einkommensausfälle nicht ausgeglichen, die ich durch die psychischen Folgen des Missbrauchs hatte.
Sie sagen, die Gemeinde wusste, wie sich der Pfarrer verhielt. Gab es denn Versuche, gegen ihn vorzugehen?
Ich weiß inzwischen von Fällen aus den Jahren 1972 bis 2010 und von zehn Betroffenen. In einer Gemeinde, in der er vorher gearbeitet hatte, haben sich Mädchen an Kirchenvorsteherinnen gewendet, die nur abgewiegelt haben. In meiner ehemaligen Gemeinde wurde der Pfarrer nach zehn Jahren nicht im Amt bestätigt, aber ohne Begründung. Es wurde nichts gemacht, auch später nicht, als ich die Landeskirche auf die anderen Fälle hinwies, die ich recherchiert hatte. Inzwischen hat sich die Landeskirche aber der Sache angenommen, und der Kirchenvorstand der Gemeinde ist 2020 an die Öffentlichkeit gegangen. Das fand ich sehr mutig.
Was muss denn jetzt in der evangelischen Kirche passieren?
Es geht erst einmal darum, dass der Betroffenenbeirat, dem ich angehöre, ordentlich ausgestattet wird. Wir brauchen professionelle Beratung, zum Beispiel in den kirchenrechtlichen Fragen. Die Kirche hat schon lange eine Plattform zur Vernetzung von Betroffenen versprochen, ich sehe keine Fortschritte. Vor allem aber muss die evangelische Kirche aufhören, immer nur mit dem Finger auf die Katholiken zeigen. Vor kurzem hat Ex-Bischöfin Margot Käßmann sich noch darüber beklagt, dass Leute wegen des Missbrauchsskandals bei den Katholiken aus der evangelischen Kirche austreten. Ich finde das unmöglich. Sie sieht den Balken im eigenen Auge nicht.
Wie unabhängig ist die Aufarbeitung?
Die Kirche kann sich nicht sozusagen selber aufarbeiten. Es muss eine unabhängige Ombudsstelle geben, nicht mit Mitarbeitern der Kirche. Leute, die auch Betroffenen helfen, die sich nicht so gut mit kirchlichen Strukturen auskennen und denen es schwerfällt, eine E-Mail zu schreiben. Was soll es denn, wenn Bischöfin Kirsten Fehrs in einer sogenannten Unabhängigen Kommission der Nordkirche sitzt, wenn Unabhängigkeit nur nicht weisungsgebunden heißt? Die Bischöfin ist also nicht an ihre eigenen Weisungen gebunden? Und die Evangelische Kirche im Rheinland bindet uns als Betroffenenbeirat überhaupt nicht ein.
Was ist mit der Dunkelfeldstudie?
Auf katholischer Seite hat das 2013 begonnen, 2018 erschien die MHG-Studie. Da liegt die evangelische Kirche wirklich zurück. Ich finde es gut, dass es jetzt eine umfangreiche Studie im evangelischen Bereich gibt. Die Forschenden genießen ein großes Maß an Unabhängigkeit. Es darf aber nicht die einzige Studie sein. Und ich fürchte, dass die Kirche sich zurücklehnt und auf die Studie verweist, die aber erst in drei Jahren vorliegen wird. Das ist zu spät für viele Betroffene. Für ehemalige Heimkinder etwa, die oft in Altersarmut leben – auch wegen der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden.
Offene Fragen im Rheinland
Die Rheinische Landeskirche beteiligt an einer Aufarbeitungsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch diese 3,6 Millionen Euro teure Untersuchung soll erst innerhalb von drei Jahren Ergebnisse liefern.
„Im Vorgriff auf diese Aufarbeitung plant die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland kurzfristig eine extern begleitete Aufarbeitung von konkreten Fällen sexualisierter Gewalt auf ihrem Kirchengebiet“, sagte Jens Peter Iven (Foto), Sprecher der Landeskirche, der Rundschau. Dazu bedürfe es aber noch eines Gremienbeschlusses. Der werde vorbereitet. Wann die Vorbereitungen abgeschlossen sind und der Beschluss getroffen werden kann, lässt er offen.
Die Untersuchung im Auftrag der Landeskirche soll auch vorerst nur „exemplarische“ Fälle behandeln. Eine flächendeckende Aufklärung sei aufgrund der Strukturen der evangelischen Kirche schwierig, so der Sprecher. Will sagen, jede Gemeinde müsse bei sich nach Fällen forschen, weil die evangelische Kirche eben nicht „bischöflich-zentral“ organisiert sei.
Gesicherte Zahlen kann die Landeskirche lediglich bis zum Jahr 2004 nennen. Demnach gab es in diesem Zeitraum 23 Disziplinarverfahren im Zusammenhang mit Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung. „Vier dieser Verfahren laufen derzeit noch“, so Iven. Darüber hinaus gebe es wohl ein großes Dunkelfeld, heißt es. Indiz dafür ist unter anderem die Anzahl der Beschuldigungen. Seit 2011 wurden über die Ansprechstelle 136 Beschuldigungen gemeldet. Einige der Fälle beziehen sich auf Jahrzehnte noch vor 2011. 48 Beschuldigungen richten sich gegen Pfarrpersonen, 49 gegen Mitarbeitende aus anderen Berufen und 39 gegen Ehrenamtliche. (ngo)



