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„Uns erwartet, was 1917 passiert ist“Putin bekommt harsche Kritik – droht Moskau der „Zusammenbruch“?

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Kremlchef Wladimir Putin bekommt in Russland zuletzt deutliche Kritik zu hören. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin bekommt in Russland zuletzt deutliche Kritik zu hören. (Archivbild)

Erst kritisiert eine Influencerin den Kremlchef, dann muss Putin sich sogar in der Duma ungewöhnlich drastische Warnungen gefallen lassen.

Derartige offene Kritik an Kremlchef Wladimir Putin und seiner Regierung bekommt man in der Staatsduma nur selten zu hören – nun hat der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, im Parlament vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes gewarnt. Russland stehe die Wiederholung der Krise von 1917 bevor, erklärte Sjuganow.

„Wir haben es Ihnen schon zehnmal gesagt – der Zusammenbruch der Wirtschaft ist unvermeidlich“, fand der kommunistische Politiker ungewöhnlich deutliche Worte. „Das erste Quartal ist komplett den Bach heruntergegangen. Wenn ihr nicht dringend finanz- und wirtschaftspolitische sowie andere Maßnahmen ergreift, dann erwartet uns im Herbst das, was 1917 passiert ist. Wir haben kein Recht, das zu wiederholen.“

Ungewöhnlich offene Kritik an Wladimir Putin in Russland

Bereits vor Sjuganows Auftritt in der Duma hatte es zuletzt ungewöhnlich offene Kritik an Putin gegeben. Im Mittelpunkt stand dabei zunächst die Influencerin Viktoria Bonya, die mit einem Video viral ging, in dem sie beklagte, das russische Volk habe mittlerweile „Angst“ vor Putin. „Es gibt eine riesige Mauer zwischen Ihnen und uns gewöhnlichen Menschen“, sagte Bonya in dem Video, das über 30 Millionen Aufrufe erhielt.

Gennadi Sjuganow ist der Vorsitzende der Kommunistischen Partei. (Archivbild)

Gennadi Sjuganow ist der Vorsitzende der Kommunistischen Partei. (Archivbild)

Eine Handvoll anderer russischer Prominenter lieferte in der Folge nach Angaben der „Moscow Times“ ähnliche Statements ab – und löste so eine ungewöhnliche Debatte über mögliche Proteste in Russland aus, berichtete das Exil-Medium. Ivan Zhdanov, ein enger Verbündeter des verstorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalny, sagte etwa, dass „Bonya ein gutes Gefühl für Trends hat“ und „die öffentliche Stimmung versteht“.

Inflation in Russland laut Geheimdiensten bei 15 Prozent

Auch in diesem Kontext müssen Sjuganows kritische Worte nun aufgefasst werden. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Lage in Russland offenbar prekär: Schwedische Geheimdienste berichteten zuletzt etwa, dass die reale Inflation in Russland bereits 15 Prozent erreicht habe – und damit fast dreimal so hoch ausfalle wie die von der Regierung genannte Zahl von 5,87 Prozent. Auch Russlands Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow stellte jüngst eine deutliche Verschlechterung der Lage fest.

Kremlchef Putin leugnet die wirtschaftlichen Probleme zwar nicht, bekräftigte zuletzt jedoch seinen Kriegskurs. Bei einem Auftritt in der vergangenen Woche betonte Putin etwa, dass ganz Russland „für die Front“ arbeiten müsse, genau wie während des Zweiten Weltkriegs.

Kritik an Wladimir Putin sorgt international für Aufsehen

Dass sich der Kremlchef nun sogar in der Duma offene Kritik und Warnungen vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gefallen lassen muss, blieb international unterdessen nicht unbemerkt. „Es kommt fast nie vor, dass im russischen Parlament, der Duma, die als bloßes Abnickgremium fungiert, Kritik an Diktator Putin geäußert wird“, schrieb etwa der britische Journalist Euan MacDonald auf der Plattform X. 

„Der Redner ist der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, weshalb er mit seinem Verweis auf das Jahr 1917 übertreibt, doch die Belastungen durch Putins Krieg machen sich im faschistischen Russland allmählich bemerkbar“, ordnete MacDonald weiter ein. 

„Er kann weder Frieden stiften noch den Krieg gewinnen“

Die im Exil lebende russische Kreml-Expertin Tatjana Stanowaja sprach angesichts der offenen Kritik von einem „alternden, distanzierten Putin“, der Gefahr laufe, inmitten einer „internen Spaltung“ die Kontrolle zu verlieren.

„Er kann weder Frieden in der Ukraine stiften noch den von ihm begonnenen Krieg gewinnen“, schrieb die Politologin in einem Beitrag für den Thinktank Carnegie Russia Eurasia Center. „Putins Hauptargument war stets seine Stärke. Ein schwacher Putin nützt niemandem – auch nicht dem Sicherheitsapparat des Landes“, fügte Stanowaja hinzu.

Häme aus der Ukraine: „Jetzt schreien sie Zeter und Mordio“

Auch in der Ukraine wurde die Kritik am Kremlchef wahrgenommen. „In Russland wird die Lage von Tag zu Tag schlimmer und surrealer“, schrieb etwa der Mitgründer der ukrainischen Rüstungsfirma Fire Point, Denys Shtilierman, zu einem Video von Sjuganows Auftritt in der Duma.

Dass ausgerechnet der Chef der Kommunistischen Partei vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch und einem Staatsstreich warne, sei „ziemlich ironisch“, erklärte Shtilierman. Schließlich seien es 1917 die Kommunisten gewesen, die die Macht ergriffen haben – „und jetzt schreien sie Zeter und Mordio und fürchten eine Wiederholung“, fügte der Fire Point-Gründer hinzu.

Die Rüstungsfirma Fire Point stellt neben Kampfdrohnen auch „Flamingo“-Marschflugkörper her. Mit beiden Waffensystemen greifen die ukrainischen Streitkräfte regelmäßig Ziele in Russland an.