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Kommentar

Pisa und Gewalt an Schulen
Die Katastrophenstimmung nach miserablen Studien muss kein Dauerzustand sein

3 min
Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sitzen in ihrem Klassenraum.

Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sitzen in ihrem Klassenraum. 

Schulen sollen soziale Ungleichheit und Sprachdefizite ausgleichen, Integrationsprobleme lösen und eine sichere Zuflucht sein. Dann dürfen sie nicht personell ausgestattet werden, als bestünde ihre einzige Aufgabe darin, Mathe, Deutsch und Englisch zu unterrichten.

Es ist ein ernüchterndes Bild, welches in dieser Woche von dem deutschen Bildungssystem gezeichnet wurde. Am Dienstag löste Deutschlands beliebteste Bildungsstudie einen zweiten Pisa-Schock aus: Die Schülerinnen und Schüler lesen schlechter, rechnen schlechter, und kennen sich zu wenig in Naturwissenschaften aus. Einen Tag später zeigt das NRW-Lagebild zur Jugendkriminalität zwar insgesamt einen Rückgang der Straftaten, aber mit Blick auf die Schulen fällt die Bilanz mal wieder düster aus: Die Gewalt gegen die Lehrkräfte steigt.

Was ist nur los an Deutschlands Schulen? Auf diese Frage könnte nun eine chronisch unvollständige Abhandlung folgen. Darüber, wie TikTok und dystopische Bildschirmzeiten die Gehirne von Jugendlichen (und Erwachsenen, so gerne man das auch ausblendet) prägen, ihre Konzentrationsspanne verringern und das Sozialverhalten beeinflussen. Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie und weiterer Krisen, über Lehrkräftemangel und marode Schulgebäude, darüber, wie Künstliche Intelligenz die Schulwelt auf den Kopf stellt. Es wären viele Zeilen über eine sich schnell verändernde Welt, die sich auf einem oft zu starren Schulsystem mit prallem Lehrplan und ebenso starrer Bürokratie entlädt.

Bildungspolitiker verweisen dann gerne auf beschlossene Maßnahmen, die vieles verbessern sollen, deren Auswirkungen sich jedoch erst in einigen Jahren zeigen. Man zeigt auf einige richtige Wege: Auf das Startchancen-Programm, auf Projekte zur Gewaltprävention, auf Sprachförderprogramme. Der Hinweis auf diese zeitliche Verzögerung stimmt. Umso wichtiger ist jedoch, dass die getroffenen Maßnahmen tatsächlich ausreichen.

Die Pisa-Ergebnisse zeigen auch, wie viel ungenutztes Potenzial in den Schülern steckt

Die Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Lehrerinnen und Lehrer sind Vertrauenspersonen bei Problemen im Elternhaus. Sie sollen individuell auf den Förderbedarf jedes Schülers eingehen, bei psychischen Krisen helfen und dabei weder den Lehrplan noch die Bedürfnisse der anderen 25 Kinder im Klassenzimmer aus den Augen zu verlieren. Ein Hauptschulleiter sagte dazu einst gegenüber dieser Zeitung: „Unsere Lehrkräfte sind zu 60 Prozent Sozialarbeiter, zu 40 Prozent unterrichtende und benotende Lehrer. Die 60 Prozent werden im Studium überhaupt nicht berücksichtigt.“ Es ist eine simple Rechnung: Wir verlangen von Schulen, Bildungsdefizite, soziale Ungleichheit, Integrationsprobleme, Jugendgewalt und psychische Erkrankungen gleichzeitig zu bewältigen. Dann dürfen wir sie nicht personell so ausstatten, als bestünde ihre einzige Aufgabe darin, Mathe, Deutsch und Englisch zu unterrichten.

Die Pisa-Ergebnisse zeigen auch, wie viel ungenutztes Potenzial in den Schülerinnen und Schülern steckt. Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Leistungen sei in Deutschland so stark wie in kaum einem anderen Land, heißt es in der Studie. Kinder aus ärmeren Familien bleiben besonders deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. Es ist ein fataler Befund. Wie die Pisa-Ergebnisse wohl ausfallen würden, wenn mehr Kinder mit vergleichbaren Chancen in den Schulalltag starten? Armut und soziale Herkunft sind zudem zentrale Risikofaktoren für Gewalt – gerade bei Jugendlichen.

Der Pisa-Schock von 2001 löste Reformen aus, nach denen es zumindest eine Zeit lang bergauf ging. Die Katastrophenstimmung nach miserablen Studien und Lagebildern muss kein Dauerzustand sein. Doch sie sollten aufrütteln: Kein Land kann sich leisten, ausgerechnet beim Nachwuchs zu sparen