Abo

Kommentar

Schulstart
Lernen, einen Stift zu halten? Der Druck auf Lehrer in NRW ist groß

Ein Kommentar von
3 min
Ein Schüler meldet sich.

Ein Schüler meldet sich. Oft fehlt es Grundschülern an Basiskompetenzen.

Marode Gebäude, zu wenig Lehrer, große Lücken: Das neue Schuljahr in NRW wird eine Herausforderung, sagt Jens Meifert.

Ein guter Lehrer ist in seiner Unterrichtsvorbereitung den Schülerinnen und Schülern immer eine Stunde voraus. Alter Witz. Gilt nur nicht mehr. Heute wirft die Künstliche Intelligenz den Stoff eines Lehrjahres in wenigen Sekunden aus, und der Chatbot beantwortet jede Frage zum Hundertjährigen Krieg, zur Photosynthese oder zur chinesischen Stahlproduktion in Windeseile. Warum noch zuhören im Unterricht? 

Für fast 2,5 Millionen Schülerinnen und Schüler sind die Sommerferien zu Ende, die Schule geht wieder los. Keine Generation vor den heute Lernenden ist in einer so komplexen und digitalen Welt aufgewachsen. Das mag Dinge vereinfachen und hilfreich sein, es ist aber auch eine enorme Herausforderung. Vor allem für die Lehrkräfte, die dem Schulstart sicher nicht nur euphorisch entgegensehen. Die Schulministerin des Landes NRW hat vor wenigen Tagen angekündigt, dass sie Schüler stärker individuell in den Blick nehmen will. Das klingt nach einem Allgemeinplatz.

Kita-Kinder können Smartphones bedienen, aber keinen Stift halten

In Lernstandserhebungen will Dorothee Feller ermitteln, wo Fünftklässler Stärken und Schwächen haben, wo Förderung dringend Not tut. Zunächst in einer Pilotphase freiwillig, in einem Jahr verpflichtend und dann auch für weitere Jahrgänge. Die Bestandsaufnahme, die die Ministerin hinterherschickt, muss wachrütteln: Unter dem Motto „Stift zur Hand“ sollen Grundschüler wieder genau das lernen: einen Stift zu halten.

Zunehmend berichten Lehrkräfte, dass Kita-Kinder zwar in der Lage sind, ein Smartphone zu bedienen, die Urlaubsbilder darauf durchzuwischen und Emojis zielsicher antippen können, nur ein Stift, der entpuppt sich immer mehr als exotisches Hilfsmittel. Mit Nachdruck bekräftigt die verantwortliche Ministerin, dass beim Schulstart zuallererst wieder an den Basiskompetenzen gearbeitet werden müsse. Lesen, schreiben, rechnen.  

Pisa-Studie mit alarmierenden Ergebnissen

Tatsächlich sind die Daten alarmierend, Verbesserungen sind dringend notwendig. Bei der Pisa-Studie aus dem Jahr 2022 fielen die 15-Jährigen in allen Bereichen auf die niedrigsten Werte ab, die im Rahmen der Pisa-Erhebung je in Deutschland gemessen wurden. In Mathematik verfehlten 30 Prozent der Jugendlichen die Mindestanforderungen, im Lesen waren es 25 Prozent. Viele landen bei der Ursachenforschung schnell bei dem gestiegenen Medienkonsum der Kinder.

Schon weit vor dem Schuleintritt konsumiert der größte Teil der Kleinkinder regelmäßig digitale Medien. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Gift für die Entwicklung. Umso mehr Last fällt schon heute auf die Kindertagesstätten ab, damit zur Einschulung zumindest die Voraussetzungen gegeben sind, damit i-Dötzchen Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben lernen.

Sanierungsstau bei vielen Schulgebäuden

Das Dumme: Die Liste der Herausforderungen, vor denen Lehrende an Schulen heute stehen, ist unendlich viel länger. Der Hitzesommer hat auf dramatische Art und Weise den Sanierungsstau an vielen Gebäuden deutlich gemacht. Seit August gilt zudem ein Rechtsanspruch auf einen Platz im offenen Ganztag, zunächst für Erstklässler. Auch das ist vielerorts eine große Herausforderung. Lehrer, gerade an Rhein und Ruhr, erbringen eine große Integrationsleistung: Der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ist kontinuierlich gestiegen, er liegt heute bei knapp 45 Prozent. In der Inklusion, dem gemeinsamen Lernen auch von Schülern mit Handicap, hinkt NRW meilenweit dem Anspruch hinterher. 

Dazu kommt der Personaldruck: Der Berg an Aufgaben ist nur mit kleineren Lerngruppen und mehr Fachpersonal zu leisten. Auch da klaffen Anspruch und Wirklichkeit leider weit auseinander. Den Städten und dem Land fehlt zunehmend das Geld, um Schulen entsprechend auszustatten. Doch Bildung gehört nicht auf die Streichliste. Ein Land, das sich entwickeln will, muss in Schulen investieren. Für Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen steigt der Druck ohnehin. Leicht wird das neue Schuljahr nicht.