- Lange Zeit wurde sexueller Missbrauch eher als ein Problem der katholischen Kirche gesehen.
- Nun aber beschäftigten sich die Protestanten intensiv mit der Thematik.
- Auch beim Kirchentag in Dortmund steht es auf der Tagesordnung.
Kurz vor dem Start des Evangelischen Kirchentages in Dortmund mit dem Motto „Was für ein Vertrauen“ nimmt eine Gruppe leitender Geistlicher ein Thema in den Blick, das auf dem Treffen von mehr als 100.000 Gläubigen kaum eine Rolle spielen wird. Im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover ging es am Dienstag um sexuellen Missbrauch - eine Problematik, die in der öffentlichen Wahrnehmung bisher eher den Katholiken zugeordnet wurde. Nach dem Bekanntwerden von inzwischen 600 Fällen auch in evangelischen Einrichtungen entschieden die Protestanten im November, bei der Aufarbeitung endlich Dampf zu machen.
Was bisher über Missbrauch auch in Köln bekannt wurde
Eine Untersuchung in zehn der 20 evangelischen Landeskirchen ergab 479 meist strafrechtlich verjährte Missbrauchsfälle. Inzwischen geht man von 600 Betroffenen aus, die wohl nur eine Teilmenge der tatsächlichen Opfer sind. Die meisten Missbrauchsfälle ereigneten sich in den 1950er, 60er und 70er Jahren sowohl in Kirchengemeinden als auch in diakonischen Einrichtungen. Bei zwei Dritteln der Betroffenen handelt es sich nach Mitteilung der EKD um ehemalige Heimkinder.
In der evangelischen Kirche in Köln und der Region wurden im März 2010 Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt, die ein Presbyter aus einer Südstadtgemeinde begangen hatte. Die evangelische Kirche rief daraufhin dazu auf, dass sich Missbrauchsopfer melden sollten. Weitere 23 Fälle aus dem Kirchenkreis wurden so bekannt. In 50 Prozent dieser Fälle lag sexueller Missbrauch vor. In den andern Fällen ging es um Gewalt. Am 1. Juni ist ein Schutzkonzept in der evangelischen Kirche in Köln und der Region in Kraft getreten.
Grundsätzlich sind Missbrauchsfälle auch in evangelischen Heimen seit Jahren bekannt, schon 2011 baten EKD und Diakonie die Betroffenen um Verzeihung und sprachen von einem „Versagen der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren“. Erst seit dem vergangenen Herbst aber hat die EKD eine zentrale Aufarbeitung in Angriff genommen.
Wie die EKD mit dem Thema umgehen will
Auf der Jahrestagung des Kirchenparlaments im November in Würzburg legte die EKD einen Elf-Punkte-Handlungsplan vor. Dazu gehören die Einrichtung einer zentralen, von der Kirche unabhängigen Ansprechstelle, die am 1. Juli ihre Arbeit aufnimmt. Auf mehreren Ebenen sind Studien zur Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in der EKD und in den einzelnen Landeskirchen geplant. Zunächst soll es regionale Erhebungen geben, die die Fälle in den einzelnen Landeskirchen untersuchen. Wie viele dieser regionalen Studien es geben wird, ist derzeit noch unklar. Dazu kommt eine bundesweite Untersuchung von Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie; erste Ergebnisse sollen 2021 vorliegen. Ziel der Untersuchung und einer möglichen Dunkelfeldstudie ist es auch, spezifische evangelische Risiken zu ermitteln. Mit der Dunkelfeldstudie will sich die EKD einen Eindruck darüber verschaffen, wie hoch die Dunkelziffer von Betroffenen und Tätern sein könnte. 1,3 Millionen Euro hat die EKD im Haushalt dieses Jahres für die Aufarbeitung von Missbrauch vorgesehen.
Eine allgemeine Entschädigungsregelung für Betroffene ist derzeit von der EKD nicht geplant: „Das Thema Entschädigungen muss jede Landeskirche selber regeln“, sagte Oberkirchenrat Nikolaus Blum. Die bayerische Landeskirche habe bereits mehr als eine halbe Million Euro an Betroffene gezahlt.
Der Unterschied zur katholischen Kirche
Zum einen die Dimension. Eine 2018 vorgelegte bundesweite Studie im Auftrag der katholischen Kirche ergab gestützt auf Kirchenakten, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Über das Dunkelfeld kann nur spekuliert werden. Zum anderen sind bei der evangelischen Kirche Gemeindeseelsorger – anders als bei den Katholiken – nur in geringem Umfang in Missbrauchsfälle verwickelt. Die katholische Kirche geht die Problematik allerdings seit 2010 zentral an, die EKD hat nun erst begonnen und räumt Verzögerungen ein.
Konsequenzen aus den Skandalen
Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche löste 2010 ein Erdbeben aus. In der evangelischen Kirche trat ebenfalls 2010 die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen zurück, nachdem sie im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor unter Druck geraten war. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche sprachen Betroffene von Wegschauen und Vertuschen.
Prävention und strukturelle Ursachen
Vereinzelt, aber immer wieder gibt es auch in evangelischen Einrichtungen neue Missbrauchsfälle. Die EKD will die ohnehin in den Landeskirchen bestehenden Präventionsangebote verbessern. Eine externe Studie soll aber auch systemisch bedingte Risikofaktoren in der evangelischen Kirche identifizieren. Eine unabhängige Kommission nämlich hatte bereits festgestellt, dass Missbrauchsfälle in evangelischen Einrichtungen „strukturelle Ursachen in der Kirche“ gehabt hätten. (dpa)
Evangelischer Kirchentag in Dortmund
Frank-Walter Steinmeier wird kommen. Alle drei lebenden Vorgänger des Bundespräsidenten ebenfalls. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird dabei sein, dazu große Teile ihres Kabinetts. Und Zehntausende Christen wird es ebenfalls nach Dortmund ziehen, wenn vom 19. bis 23. Juni unter dem Motto „Was für ein Vertrauen“ der Deutsche Evangelische Kirchentag in der Ruhrgebietsmetropole stattfindet.
Im Verhältnis zu früheren Kirchentagen soll Dortmund allerdings eher familiär werden. Denn die Veranstaltung liegt genau zwischen dem Reformationsjubiläum 2017 und dem nächsten Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt am Main. Zu den wichtigsten Themen zählt, dass sich immer mehr Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen. So debattiert Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) mit dem Meissner Theologen Frank Richter und dem Dortmunder Oberbürgermeister Ulrich Sierau über die Frage: „Wie gerecht geht es zu in der Republik?“ Der Leiter der Recherchekooperation von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR, Georg Mascolo, hält einen Hauptvortrag zum Thema „Vertrauen verdienen“ und beschäftigt sich mit der Situation des Journalismus. Und die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, der frühere EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Benediktinerpater Anselm Grün diskutieren über „Vertrauen und Vertrauensmissbrauch“ und nehmen dabei besonders den sexuellen Missbrauch in der Kirche in den Blick.
„Beim Kirchentag wird nichts von oben herab verkündet“, sagt Generalsekretärin Julia Helmke. „Die Menschen nehmen teil, partizipieren, wollen ins Gespräch kommen.“ Aber gilt das auch gerade für jene Wutbürger, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen? Der Kirchentag will zumindest versuchen, auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die bei den letzten Wahlen vielleicht ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. So findet in Dortmund erstmals ein sogenanntes „Barcamp“ statt. Es ist mit den Worten „Das soll doch noch gesagt werden dürfen!“ überschrieben. „Bürger*innen mit Sorgen treffen auf besorgte Bürger*innen“, heißt es im knapp 600 Seiten starken Programmbuch dazu.
Die AfD ist beim Kirchentag im Unterschied zum Münsteraner Katholikentag übrigens nicht eingeladen. „Das sind Radikalinskis“, sagt Kirchentagspräsident Hans Leyendecker kurz und knapp. Mehrere AfD-Landtagsfraktionen, darunter die aus NRW, warfen der evangelischen Kirche gestern vor, sie grenze die AfD aus. (lbn)
Kommentar über EKD-Pläne gegen Missbrauch: Große Zweifel
von Benjamin Lawisse
Was für ein Vertrauen“. So ist der evangelische Kirchentag in Dortmund überschrieben, der in der kommenden Woche eröffnet wird. Eine Formulierung, die biblisch ist, harmlos klingt – und von manchen Menschen doch nicht mehr geteilt werden kann. Denn sie haben in der Kirche Schlimmes erfahren, sind als Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden.
Gut ist es deswegen, dass die Kirchentage schon seit dem Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle dieses Thema immer wieder auf ihren Podien diskutiert haben. Gut ist es, dass mit der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs in der evangelischen Kirche eine empathische Theologin die Fäden der Missbrauchsaufarbeitung in der Hand hat, die auf die Betroffenen hört und deren Anliegen ernst nimmt. Und gut ist es auch, dass die EKD nun eine unabhängige, zen-trale Anlaufstelle schafft, die Missbrauchsopfern den Weg durch das Dickicht der Landeskirchen und ihre schwer zu durchschauenden Strukturen bahnt. Doch diese Maßnahmen kommen zu spät. Dass sie zu neuem Vertrauen führen, darf zu Recht bezweifelt werden.
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