Abo

Türkei-KolumneCan Dündar über Sex und Macht und Politik

5 min
Der Chef der wichtigsten türkischen Oppositionspartei CHP, Özgür Özel, spricht im Parlament in Ankara (Archivfoto vom Juni 2026). Özel, aussichtsreicher Konkurrent von Staatschef Recep Tayyip Erdogan soll mit Hilfe von Kampagnen diskreditiert werden.

Der Chef der wichtigsten türkischen Oppositionspartei CHP, Özgür Özel, spricht im Parlament in Ankara (Archivfoto vom Juni 2026). Özel, aussichtsreicher Konkurrent von Staatschef Recep Tayyip Erdogan soll mit Hilfe von Kampagnen diskreditiert werden. 

Unser Kolumnist, der Journalist Can Dündar, zeichnet eine lange Linie von Schmutzkampagnen, die bis heute die Politik in der Türkei durchziehen.

In den frühen Morgenstunden des 27. März klopfte eine Polizeistreife in Ankara an die Tür eines Zimmers in einem Luxushotel. Ein halbnackter Mann öffnete. Es handelte sich um Özkan Yalim, den Bürgermeister der Stadt Usak. Gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor“, erklärten die Polizisten und betraten das Zimmer, in dem sich auch eine 21 Jahre alte Mitarbeiterin der Stadtverwaltung befand. Während der Durchsuchung händigte Yalim sein Diensthandy aus und gab den Code preis. Das private Handy des Bürgermeisters wurde hingegen in der Unterwäsche der jungen Frau versteckt gefunden.

Einige Stunden später wurde den regierungsnahen Medien der Türkei ein Video der Razzia zugespielt. Während das Fernsehen den Bürgermeister zeigte, wie er die Tür mit einem Handtuch um die Hüften öffnete, titelten die Zeitungen: „Schock! Dreifacher Familienvater und CHP-Bürgermeister mit seiner Geliebten erwischt.“

Can Dündar

Can Dündar

Bald darauf wurden auch Bilder und Nachrichten vom Handy des Bürgermeisters an die Medien durchgestochen: Videos zeigten den Bürgermeister, wie er mit verschiedenen Frauen im Urlaub oder in einem Nachtclub feierte. Zur gleichen Zeit wurde bekannt gegeben, dass eine zweite Geliebte des Bürgermeisters, ebenfalls eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, festgenommen worden sei. Unterdessen wurden vier Tourismusbetriebe des Bürgermeisters durchsucht. Auf einem Computer seien „254 obszöne Fotos“ gefunden worden. Unerwähnt blieb, dass es sich bei den besagten Aufnahmen um Videos handelte, die von legalen Pornoseiten für Erwachsene heruntergeladen worden waren.

Angriff auf den Oppositionschef

Das entscheidende Detail sollte die Öffentlichkeit etwas später erreichen: Yalim, so wurde behauptet, habe in einer Nachricht an den Parteivorsitzenden seiner Partei, Özgür Özel, von einem „soliden Paket“ gesprochen. Dieser Begriff ist eine Chiffre für Schmiergelder, die Özel angeblich von Yalim erhalten hatte. Damit wurde das eigentliche Ziel der gesamten Aktion offenbar: der Angriff auf den Vorsitzenden der wichtigsten Oppositionspartei und Anwärter auf die Regierungsmacht.

Die Opposition mithilfe von Schlafzimmeraffären zu diskreditieren, ist in der türkischen Politik eine häufig anzutreffende Methode. Als das Militär 1960 die rechtsgerichtete Regierung von Adnan Menderes stürzte, versuchte es einen Rufmord, indem es behauptete, im Safe des gestürzten Ministerpräsidenten ein Stück Damenunterwäsche gefunden zu haben, das vor Gericht zur Schau gestellt wurde.

Heimliche Aufnahmen aus dem Schlafzimmer

50 Jahre später, 2010, wurde der damalige CHP-Vorsitzende, Deniz Baykal, Opfer einer ähnlichen politischen Attacke: Im Internet wurden heimlich entstandene Aufnahmen veröffentlicht, die Baykal mit einer Abgeordneten, seiner ehemaligen Sekretärin, im Schlafzimmer zeigten. Die Publikation war überschrieben mit „Episode 1“ – als ob bald eine Fortsetzung folgen würde. Baykal trat zurück. Ein zweites Video erschien nie. Aber das Ziel war auch so erreicht: der Wechsel in der Führung der CHP.

Baykals Nachfolger an der Spitze der CHP, Kemal Kiliçdaroglu, verlor in 13 Jahren Amtszeit insgesamt 13 Wahlen und ging als großer Verlierer in die Geschichte ein. Auf dem Parteitag im vorigen Jahr unterlag er schließlich Özgür Özel. Sobald Özel das Amt antrat, stellte er die Partei mit großer Energie wieder auf die Beine und brachte Präsident Recep Tayyip Erdogan in den Kommunalwahlen die erste Niederlage bei. Meinungsumfragen deuteten darauf hin, dass die CHP in der nächsten Wahl 2028 an die Macht kommen könnte. Genau daher rührte für die Regierung die Notwendigkeit, Özel zu stürzen. Was lag da näher, als erneut auf den Unterleib zu zielen und ihm Sexgeschichten anzuhängen?

Auf Türkisch gibt es ein neues Wort: Justizputsch

Doch damit nicht genug. Unter dem Vorwand, Özel habe den Parteitag durch schmutzige Machenschaften gewonnen, wurde ein „Justizputsch“ geplant. Dieses in Erdogans Türkei neu entstandene Wort meint die Aushebelung des Rechtsstaats durch fragwürdige juristische Entscheidungen. Ein Amtsgericht erklärte den Parteitag für „vollständig ungültig“ und entließ Özel Ende Mai aus dem Amt, um stattdessen den unersättlichen Verlierer“ Kilicdaroglu wieder auf den Vorsitz zu hieven. In der Zwischenzeit galt es, Özel durch Anschuldigungen bezüglich seines Privatlebens zu diskreditieren und ihn mit Korruptionsvorwürfen zu zermürben.

Ein zweiter Bürgermeister geriet ins Visier: Muhittin Böcek, der Bürgermeister von Antalya, dessen Name manchen deutschen Touristen etwas sagen dürfte. Böcek war im vorigen Sommer wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet und seines Amtes enthoben worden, hatte sich aber trotz des Drucks geweigert, eine Aussage zu machen, die seinen Parteivorsitzenden in ein schlechtes Licht gerückt hätte. Die Behauptung, er habe Koffer voller Geld gezahlt, um als Kandidat antreten zu können, erwies sich als falsch.

Klatschgeschichten in erpresserischer Absicht

Im Mai wurde Böceks Schwiegertochter wegen angeblicher Geldwäsche festgenommen, begleitet von einer Verleumdungskampagne zu Böceks Sexualleben und weiteren Sexvideos. Ein für seine Klatschgeschichten bekannter Boulevardjournalist verbreitete täglich Aufnahmen in den sozialen Medien und streute Behauptungen, CHP-Chef Özel habe eine Affäre mit seiner Sekretärin, CHP-Abgeordnete praktizierten Gruppensex. Die erpresserische Absicht war offensichtlich.

Der abgesetzte Bürgermeister Böcek erkrankte im Gefängnis. Ihm wurde signalisiert: Wenn du Özel beschuldigst, kommst du davon. Böcek erlitt einen Nervenzusammenbruch. Am Ende beugte er sich dem Druck: „Bringt mir, was ihr wollt, ich werde es unterschreiben“, soll er gesagt haben. Prompt bestätigte Böcek den Vorwurf, dass die CHP-Zentrale während der Kandidatenaufstellung finanzielle Unterstützung von ihm verlangt habe. Nach dem Führungswechsel in der sturmreif geschossenen größten Oppositionspartei konnte daraufhin auch der abgesetzte Parteivorsitzende Özel verhaftet werden.

Plötzlicher Gesinnungswandel

Der andere Partner der Regierung, die nationalistische MHP, stand 2011 vor der gleichen Herausforderung: dem Druck, der durch Sexvideos entstanden war, nachgeben zu müssen. Kurz vor der Wahl waren damals im Internet Schlafzimmerszenen veröffentlicht worden, die die außerehelichen Beziehungen von MHP-Abgeordneten zeigten. Parteichef Devlet Bahçeli stellte urplötzlich seine Kritik an der Regierung ein und mutierte zu Erdogans größtem Unterstützer.

In Gesellschaften wie der türkischen mit patriarchaler Moral können Geschichten aus dem Schlafzimmer zum nützlichen Druckmittel in den Händen der Machthaber werden. Um dies zu verhindern, muss man als erstes daran gehen, Sexualität zu enttabuisieren – fraglos ein Mammutprojekt.


Can Dündar, geb. 1961 in Ankara, ist Journalist, Dokumentarfilmer und Buchautor. Als Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet wurde er 2015 in der Türkei wegen Spionage angeklagt. Vor der drohenden Verurteilung ging er 2016 nach Deutschland. Seine Kolumne gibt Einblicke in Politik und Gesellschaft der Türkei.