Abo

Bewegung hilftPsychiater erklärt, welche Sportarten sich bei ADHS am besten eignen

4 min
Eine Frau macht Yoga im Freien

Gar nicht so einfach, wie es aussieht: Bei Yoga (hier: Low lunge twist) kommt es auf Koordination und Balance an - das sind bei ADHS oft Herausforderungen, auch aufgrund der speziellen Struktur im Hinteren Kleinhirn.

Sport kann bei ADHS helfen, die innere Anspannung zu lösen. Ein Experte erklärt, wie Bewegung hilft und welche Sportarten sich eignen.

Innere Anspannung sowie Probleme, mit Tätigkeiten anzufangen und sie zu beenden, sind für Menschen mit ADHS häufig alltäglich. Die Annahme, dass körperliche Aktivität hierbei unterstützend wirkt, ist weit verbreitet. Aber was ist die wissenschaftliche Perspektive? Johannes Hennings, ein Psychiater und Psychotherapeut aus München, bestätigt, dass Sport bei sämtlichen psychischen Leiden vorteilhaft ist. „Abgesehen von den Effekten auf die kardiovaskuläre Fitness trainiert Sport das sogenannte vegetative Nervensystem“, erklärt Hennings. Dieses ist für das Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung verantwortlich.

Zusätzlich bewirkt Sport besondere Effekte im Gehirn. Durch die Ausschüttung des Nervenwachstumsfaktors BDNF wird die neuronale Plastizität gefördert. Dieser Faktor ermöglicht es Nervenzellen, neue Verbindungen zu knüpfen und vermehrt Synapsen zu bilden, was eine grundlegende Bedingung für die Regeneration des Gehirns darstellt. Anhaltender Stress unterbindet diesen Prozess, weil das Hormon Cortisol die Produktion dieser Wachstumsfaktoren bremst. Körperliche Betätigung reduziert Anspannung, senkt Stresshormone und steigert die Resilienz des Gehirns, ein Aspekt von besonderer Bedeutung für Personen mit ADHS.

ADHS: Die Bedeutung von Ausdauer, Kraft und Koordination

Laut Hennings lässt sich die Frage nach der idealen Sportart nicht pauschal beantworten, weil es an vergleichenden wissenschaftlichen Untersuchungen mangelt. Eine entscheidende Maxime für Personen mit ADHS lautet jedoch: „Es muss Spaß machen.“ Da eine geringe Frustrationstoleranz häufig eine Rolle spiele, werden Tätigkeiten ohne Freude rasch wieder eingestellt. Fehlt die Regelmäßigkeit, bleibt aber auch die positive Wirkung aus.

Allerdings deuten Erkenntnisse darauf hin, dass spezifische Komponenten beim Sport für Personen mit ADHS besonders günstig sind. Hierzu zählen Ausdauer- und Kraftanteile sowie Übungen, die das Gleichgewicht und die Koordination fordern. Der Experte merkt an: „Tatsächlich haben ADHS-Betroffene mit Gleichgewicht und Koordination nicht selten ein Thema“. Disziplinen wie das Fahren mit dem Mountainbike oder das Klettern kombinieren diese Aspekte. Letzteres wird von Betroffenen häufig bevorzugt, weil es eine hohe Konzentration erfordert und den Geist kurzzeitig beruhigt.

Die Körperwahrnehmung stellt einen weiteren zentralen Faktor dar. Hennings verdeutlicht dies mit den Worten: „Wenn ich an der Wand hänge, kann ich nicht gleichzeitig an etwas ganz anderes denken“. Man wird gezwungen, sich auf den gegenwärtigen Augenblick zu konzentrieren. Vergleichbares trifft auf Yoga zu: Wer während einer Balance-Pose mit den Gedanken woanders ist, verliert das Gleichgewicht. Eine solche Schulung der Konzentration auf den Moment und den eigenen Körper kann bei ADHS sehr förderlich sein. Um aufkommender Langeweile entgegenzuwirken, ist es überdies legitim, immer wieder neue Disziplinen zu testen.

Wie man eine Routine entwickelt und beibehält

Für das Dranbleiben rät der Psychiater zu täglichen Trainingseinheiten von wenigstens 20 Minuten. Maßgeblich sei, dass die Aktivität Freude bereitet und mühelos in den Tagesablauf passt. Komplizierte Unternehmungen, die viel Ausrüstung, weite Wege oder einen Trainingspartner erfordern, bilden größere Hindernisse und werden daher seltener konsequent durchgeführt.

Optimalerweise wird der Sport zu einem festen Bestandteil des Alltags, beispielsweise zu einer festen Zeit oder als Teil des Arbeitsweges. Kleine Kniffe können ebenfalls unterstützen: „Es klingt banal, aber es hat einen Effekt, wenn ich die Sporttasche am Abend vorher packe und vor die Tür stelle“, erklärt Hennings. Auf diese Weise wird das Vorhaben nicht so einfach übersehen.

ADHS: Das Suchtrisiko bei Extremsportarten

Sport kann sich problematisch entwickeln, wenn der Fokus auf dem „Kick“ und außergewöhnlichen Reizen liegt. Hennings warnt: „Alles, was kickt, alles, was mit viel Adrenalin verbunden ist, hat gerade bei ADHS tendenziell ein Suchtpotenzial“. Dies kann als eine Form der Selbstbehandlung fungieren, bei der Adrenalin temporär einen Mangel an Dopamin kompensiert. Langfristig ist ein Übermaß an Adrenalin jedoch gesundheitsschädlich, insbesondere für das kardiovaskuläre System.

Bei Personen mit unbehandeltem ADHS werden öfter extrem reizintensive Sportarten wie Bungee-Jumping oder Downhill-Mountainbiken festgestellt. Übermäßiges Laufen oder Radfahren bis zur totalen Erschöpfung kann ebenfalls ein Symptom der inneren Rastlosigkeit sein. Nach Aussage von Hennings lässt dieses exzessive Verhalten häufig von selbst nach, sobald das ADHS fachgerecht therapiert wird. 

Privatdozent Johannes Hennings praktiziert als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In seiner Münchner Privatpraxis widmet er sich unter anderem der Diagnose und Behandlung von ADHS. (dpa/red)