Alte Lieben, alte Wunden, alte RollenWarum Abitreffen wirklich niemanden kaltlassen

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Klassentreffen Magazin

Treffen mit der Klasse oder dem Abi-Jahrgang sind eine Reise in die Vergangenheit.

Abitreffen sind eine emotionale Angelegenheit. Für die einen der schönste Termin, für andere ein Stressgarant. Zu welchem Typ gehören Sie?

Meine Oma erzählte früher gern, wie sie regelmäßig zum Klassentreffen fuhr. Dann grinste sie immer etwas diebisch und fügte hinzu: „Da wird der immer eifersüchtig!“ Der, das war mein inzwischen verstorbener Großvater, der diesen Seitenhieb stets mit einem beifälligen Kopfschütteln kommentierte, was für ein Unsinn! Wir wussten alle, dass er bluffte. Opa platzte innerlich vor Eifersucht, wenn Oma ihre Freunde aus Schulzeiten traf. Darunter auch: ihr Jugendschwarm.

Alexandra Eul

Alexandra Eul

Redakteurin im Ressort Magazin, Ratgeber und Freizeit. Im Rahmen des Arthur F. Burns Fellowship hat sie 2017 aus Kanada berichtet. Als eine der Medienbotschafter Indien-Deutschland der Robert Bosch St...

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Diese kleine Episode jedenfalls beschreibt einen Fakt, der über die Generationen unverändert geblieben ist: Klassentreffen – für viele heute: Abitreffen – sind eine höchst emotionale Angelegenheit. Ein Tag, der wie ein Spiegel für das eigene Leben funktioniert. Wie gut oder wie schlecht man sich bei dem Gedanken an diese Reise in die Vergangenheit fühlt, hängt nicht nur von den Erfahrungen an der Schule ab. Sondern auch davon, wie man seine Gegenwart so findet. Im Fall meiner Großmutter war klar: Eine ansonsten zufriedene Frau erlaubte sich eine kleine Koketterie.

Leute wiedertreffen, die früher fies zu einem waren – gar nicht so leicht

Als ich vor einigen Jahren auf mein bislang einziges Abitreffen fuhr, war ich aufgeregt. Nicht wegen einer alten Liebe. Auch nicht wegen meiner Lebenssituation, ich arbeitete schon als Journalistin, war viel gereist, hatte studiert und war aus der Kleinstadt erst nach München und dann nach Hamburg gezogen. Schon gar nicht wegen der Freunde aus der Schulzeit, die ich ja ohnehin noch regelmäßig traf. Sondern genau wegen der anderen, mit denen man sich nicht so recht verstanden hatte damals, zu denen mit dem Abitur zehn Jahre zuvor auch der Kontakt abgebrochen war. Wie würde das Wiedersehen wohl sein?

Der Abend verlief überraschend: Am längsten sprach ich mit einem, mit dem ich zu Schulzeiten wenig zu tun hatte. Der Typ, der früher immer so fies zu mir war, machte gut Wetter, vor diesem Wiedersehen hatte ich mich also völlig umsonst gefürchtet. Und eine Frau, die ich als eher oberflächlich in Erinnerung hatte, hatte den interessantesten Beruf ergriffen. Zwei Konstanten blieben: Wir tranken zu viel Kölsch. Und am Ende knutschten die beiden Personen, die auch auf unseren Schulpartys schon immer miteinander abgestürzt waren. Irgendwie schön, dachte ich auf der Heimfahrt versöhnlich.

Auch wenn ich selbst eine gegenteilige Erfahrung gemacht hatte, sagt man Abitreffen eher Letzteres nach: Jede und jeder fällt wieder in seine alte Rolle zurück. Menschen haben in den Jahren nach ihrem Schulabschluss ein Leben aufgebaut, vielleicht sogar schon wieder eines hingeschmissen und neu angefangen. Sind Mechatroniker, Anwältin oder Biotechnologe geworden, haben geheiratet und Kinder bekommen. Und sind trotzdem von jetzt auf gleich wieder die Klara, die in Bio ganz vorne saß; oder der Stefan, der im Deutsch LK immer so viel geredet hat. Der Klassenclown, die Schulsprecherin, der Stille, die Schöne, der Fiese.

Je cooler die eigene Rolle war, desto größer die Vorfreude aufs Abitreffen

Je wohlwollender die Wahrnehmung der eigenen Rolle ausfällt, desto größer scheint die Vorfreude auf das Treffen, denke ich bei einem anderen Gespräch zu dem Thema. Mit einem Bekannten, der ein fast schon beneidenswert harmonisches Verhältnis zu seiner Schulzeit hat. Seine Vorfreude auf die Abitreffen sei jedes Mal so groß, erzählte er, dass er zur Vorbereitung immer seine Abizeitung studiert, als Erinnerungsstütze.

Gelegenheiten dazu gab es genug, anfangs traf sich seine Stufe jährlich, dann zweijährig und inzwischen immer noch alle fünf Jahre – seit vier Jahrzehnten. Natürlich hätten sich Dinge verändert, fügte er hinzu. Noch vor einigen Jahren wurde sehr viel früher sehr viel mehr getanzt und bei Sonnenaufgang fiel der harte Kern zum Spiegeleier-Braten in irgendeine Küche ein, wie zu Schulzeiten in den 1980er Jahren. Heute seien die Treffen hingegen etwas spießiger geworden, das Jüngste fand in einem Schloss-Café statt, inklusive Lustwandeln durch die Parkanlage.

Melancholischer werden die Begegnungen außerdem. Vierzig Jahre nach dem Abi ist die Zeit gekommen, in der nicht nur einige Lehrkräfte schon verstorben sind – sondern auch die ersten Schulkameraden. Weswegen sich auch die Gesprächsinhalte verändern, sagte mein Bekannter. „Über Berufe reden wir – wenn überhaupt – nur noch ironisiert.“ Dafür nimmt das Thema Gesundheit einen viel größeren Raum ein als früher. „Wir vergreisen also kollektiv.“ Darüber lacht er leise. Klar, je älter die Menschen auf Klassentreffen werden, desto schwieriger ist es, dieses besondere Gefühl eines solchen Abends aufrechtzuerhalten: Alles ist nochmal so wie damals.

Eine andere Freundin kam kürzlich von ihrem 25-jährigen Abi-Treffen zurück und wunderte sich über das Folgende: Einige der ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler waren ihrem Stil treu geblieben, genauso bieder oder genauso exzentrisch wie damals. Bei anderen hingegen war es deutlich schwieriger, sie zu erkennen. Die coolen Skater-Jungs von früher waren nun eher Typ kariertes Hemd samt Gemütlichkeits-Bauch und schütterem Haar. Manche, berichtete meine Freundin, waren stärker gealtert, als sie das erwartet hatte. Galt das womöglich auch für sie selbst? Wieder andere hatten extrem abgenommen, waren jetzt drahtige, sportliche Typen, vor allem die Frauen. „Wir haben uns alle auf jeden Fall viel mehr abgecheckt. Im Stil von: Hat die jetzt schon Botox drin – oder nur einen besonders straffen Zopf?“

Was sich noch verändert hatte: Die meisten ehemaligen Mitschüler sprachen einfach gar nicht über ihren Job – anders als noch beim zehnjährigen Abitreffen. Nicht nur, weil es darum ging, einen netten Abend zu haben, ohne Alltagsprobleme. Sondern auch aus einem weiteren Grund: Mit über 40, und so alt ist man etwa ein viertel Jahrhundert nach dem Schulabschluss, sind bestimmte Träume unwiderruflich gescheitert. Bei manchen läuft es hervorragend im Leben, andere sind enttäuscht, vielleicht sogar frustriert. Wieder andere haben sich eher auf ihre Familie als auf den Beruf konzentriert. Bei noch anderen ist womöglich der Kinderwunsch nicht erfüllt worden. Alles keine Themen für ein Treffen mit Schulfreunden, von denen man die meisten jahrelang nicht gesehen hat, fand meine Freundin. Zurecht?

Früher Bollerwagen und Bier, heute Schnitzel essen im großen Saal mit Tanz

Stattgefunden hat ihr Abitreffen übrigens in dem Saal, in dem auch schon der Abiball veranstaltet worden war. So sei das auf dem Dorf eben, sagte sie. Es gab Schnitzel zu essen, nebenan feierten die Schützen. Zu später Stunde dann Tanz. „Beim Zehnjährigen sind wir noch mit Bollerwagen und Bier durch die Gegend gezogen. Auch typisch Land.“

Mein 20-jähriges Abitreffen ist ausgefallen, wegen der Corona-Pandemie. Was mir dennoch in Erinnerung geblieben ist, ist eine frühe Absage. Eine ehemalige Mitschülerin ließ ausrichten, dass sie nicht teilnehmen wolle. Das könne sie sehr gut verstehen, meinte eine befreundete Mutter. Auch sie fand ihre beiden Abitreffen mehr als nervenaufreibend und hatte beide Male gezögert hinzufahren. „Plötzlich waren alle diese Zweifel und Ängste wieder da, die ich als junger Mensch an der Schule hatte“, sagte sie. Die blöden Sprüche, das Gefühl nicht zu denen gehören zu dürfen, die sich selbst als „cool“ bezeichneten. „Es mag etwas lächerlich klingen. Aber mich beschäftigte bei dem Wiedersehen vor allem die Frage: Bin ich denn immer noch nicht cool genug?“

Auch das gehört zu Abitreffen dazu: Mit den alten Mustern und Rollen kommen auch die Verletzungen zurück. „Was ich während der Schulzeit an Seitenhieben erlebt habe, das sitzt einfach zu tief“, sagte sie. Bei ihrem ersten Abitreffen hatte sie noch gehofft, dass die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit etwas Heilsames haben könnte, endlich drüberstehen, nach all den Jahren. Schließlich hatte ihr die Eigenschaft, über die ihre Mitschüler am meisten die Augen verdrehten – ihre Strebsamkeit – nur Vorteile verschafft. Einen Doktortitel zum Beispiel und Erfolg im Beruf. Und trotzdem sagte sie: „Ich hatte solches Herzrasen, als ich wieder zwischen all diesen Leuten saß.“

Ich dachte Ende des vergangenen Jahres seit langem mal wieder daran, dass es doch eigentlich schön wäre, unser ausgefallenes Abitreffen nachzuholen. Ein paar der alten Handynummern von Mitschülerinnen und Mitschülern habe ich noch. Mal sehen, vielleicht schreibe ich ihnen die Tage mal.

Wie haben Sie Ihre Abitreffen erlebt? Schreiben Sie mir an alexandra.eul@kstamedien.de.

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