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„Aufessen, sonst gibt's morgen Regen“Dürfen Eltern ihre Kinder anlügen?

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„Schön aufessen, sonst gibt's morgen schlechtes Wetter.“ – ist das legitim?

Flunkereien, Notlügen, es gibt viele süß klingende Umschreibungen für Unwahrheiten, die verbreitet werden. Die Frage ist: Bis wann sind sie okay – und ab welchem Punkt eben nicht mehr? In einem Facebook-Beitrag macht sich Zweifachmama und Ex-Topmodel-Kandidatin Sara Kulka, 27, gerade Gedanken darüber, was auf Anklang trifft. 

Notlügen: Der Weg des geringsten Widerstands

Kulka hatte in der Warteschlange an einer Eisdiele gestanden, als sie mitbekam, dass das etwa dreijährige Kind hinter ihr auf ein Plakat mit einem extra großen Eis zeigte. Darauf entgegnete die Mutter: „Nein, das gibt es nicht, da ist Alkohol drinnen.“ Sara Kulka fühlte sich dadurch offenbar zurück erinnert an ihre eigene Kindheit. Sie schreibt:  „Ich bin mit Lügen aufgewachsen, ob es um ein Zahnarztbesuch ging, alleine gelassen zu werden oder so 'banale' Sachen wie 'wenn du nicht aufisst, scheint die Sonne nicht.'“

Der Widerspruch: Große dürfen lügen, Kleine nicht

Das Problem: Wenn ihre eigenen Lügen rauskamen, sei sie dafür bestraft worden. „Mein kleiner Kopf hat nie verstanden, warum alle die größer sind lügen dürfen, ich aber nicht.“ Für Kinder ist das ein Dilemma. Aber gibt es möglicherweise trotzdem Unterschiede zwischen echten Lügen und Fantasie-Geschichten? Zwischen Flunkereien und betrügerischen Unwahrheiten?

Wenn eine Mutter Wasser in eine Sprühflasche füllt und sagt: „Das ist Anti-Monster-Spray“, dann ist das ein Flunkern, das zumindest moralisch besser wirkt. Oder geht das auch schon nicht?

Danielle Graf und Katja Seide, Autorinnen des Buchs „Das Gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“, die auch in ihrem Blog immer wieder wichtige Erziehungsthemen aufgreifen, halten Ehrlichkeit für einen wichtigen Grundpfeiler in der Eltern-Kind-Beziehung – maßgeblich beteiligt an der Moralentwicklung von Kindern.

Harmlose Flunkereien: Verschiedene Formen des Lügens

Trotzdem hält Danielle Graf zumindest kleine fantasievolle Flunker-Hilfen im Alltag für vertretbar. Wenn eine Mutter oder ein Vater mit angeblichem Monsterspray ein bisschen Magie ins Kinderleben bringt oder wenn über Nacht die Schnullerfee kommt, dann geschehe das schließlich nicht zu Manipulationszwecken oder aus reiner Bequemlichkeit.

Anders ist es in der Situation, die Sara Kulka erlebt hat. „Wir wissen etwa genau, dass unsere Kinder akzeptieren, dass Alkohol für sie tabu ist“, sagt Graf, „ das nutzen wir aus, um an dieser Stelle eine für uns unangenehme Auseinandersetzung oder einen Trotzanfall zu umgehen. Doch Kinder haben sehr feine Antennen und spüren in vielen Fällen, dass wir flunkern.“

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Vertrauensverlust durch Unwahrheiten

Echte Vertrauensverluste könnten entstehen, wenn die Eltern, die versprachen, abends nicht auszugehen, doch weg sind, wenn die Kinder aufwachen. „Das kann das Sicherheitsgefühl eines Kindes zutiefst erschüttern“, so Graf. Auch gängige Sprichwörter wie „Wenn Du nicht aufisst, regnet es morgen“ oder „Wenn Du zu viel fernsiehst, bekommst Du viereckige Augen“ hält sie für „inakzeptabel, da sie manipulieren und Ängste auslösen können.“

So hat es auch Sara Kulka erlebt. Sie schreibt, es sei ein langer Prozess gewesen, ehrlich zu werden – zu sich selbst und zu anderen. „Erst durch die Liebe meiner kleinen, eigenen Familie habe ich so selbstverständliche Dinge wie Ehrlichkeit und Vertrauen gelernt.“

Auch bei ihrer Tochter sei sie schon an den Punkt gekommen, an dem sie überlegt habe, zu lügen, um den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen.  „Aber ich möchte, dass sie niemals fühlt, was ich gefühlt habe. Ich möchte, dass sie mir vertraut, dass sie ehrlich ist und das kann ich nur von ihr erwarten, wenn ich Vorbild bin und es ihr durch mein Vorleben beibringe.“

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