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Interview

Die Suche nach innerer Ruhe
„Im Staunen wird die Welt größer – und mein Ich kleiner“, sagt Autor Sebastian Witte

6 min
Sebastian Witte

Sebastian Witte war auf der Suche nach innerer Ruhe - und hat ein Buch darüber geschrieben, das nun bei Dumont veröffentlicht wird. Am 24.9. präsentiert er es in der Workstage des „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Wie findet man zu innerer Ruhe? Ein Gespräch über den Zwang zur Selbstoptimierung, Orte der Stille und das Glück, eine Schneeflocke nicht festhalten zu können.

Herr Witte, Ihr Buch Vom tiefen Glück, einer Schneeflocke beim Fallen zuzuschauen beginnt nicht mit einer Definition von Ruhe, sondern mit einer Wiese im Hochschwarzwald. Warum ausgerechnet dort?

Sebastian Witte: Ich glaube, diese Wiese steht für eine grundsätzliche Beobachtung: Wir erleben zunehmend Unruhe in uns selbst und fragen uns, wie wir aus ihr herauskommen. Der klassische Impuls lautet dann: der Unruhe entfliehen. Man fährt in ein Retreat, reist weit weg oder versucht, sich mit irgendeiner Technik in die Stille zu überführen. Nur funktioniert das oft nicht. Man kann im schönsten Kloster sitzen – der Kopf rattert immer noch. Die unbeantwortete E-Mail und die Sorge, die man mit sich herumträgt, verschwinden nicht automatisch, nur weil es außen still wird.

Auf der Wiese habe ich dagegen erlebt, dass innere Ruhe nicht mit Reizlosigkeit oder vollkommener Stille zu tun haben muss. Dort prasselt ebenfalls viel auf einen ein: Insekten, Wolken, Wind. Aber diese Reize fordern nichts von mir. Sie wollen keine Antwort, keine Leistung, keine Entscheidung.

Sie sagen also: Ruhe entsteht nicht dort, wo nichts geschieht, sondern dort, wo nichts etwas von uns will?

Genau. Die Welt kann selbst ein Ereignis sein, das ich nur bezeuge. Ich muss sie nicht sofort funktionalisieren. Im Alltag ist fast alles mit einer Forderung verbunden: Ich muss etwas erledigen, darstellen, verbessern. Auf der Wiese kann ich einfach wahrnehmen, ohne dass damit ein Zweck verbunden ist. Das ermöglicht eine Verbindung zur Welt, die nicht auf Nutzen beruht.

Dafür verwenden Sie den Begriff „Vergegenwärtigung“ und stellen ihn neben die viel bekanntere Achtsamkeit. Ist das nicht zunächst nur ein neues Etikett für ein altes Konzept?

Gegen Achtsamkeit spricht überhaupt nichts. Vieles, was ich beschreibe, hat mit ihr zu tun. Achtsamkeit bedeutet für mich zunächst, bewusst im Moment zu stehen und den Fokus auf die Wahrnehmung zu richten. Vergegenwärtigung geht noch einen Schritt weiter: Sie umfasst nicht nur sinnliche, sondern auch gedankliche Präsenz. Ich sehe nicht nur einen Stern, sondern begreife, dass sein Licht Tausende von Jahren unterwegs war, bevor es meine Netzhaut erreicht. Letztlich ist Vergegenwärtigung für mich ein kluges Wort für das Staunen.

„In Momenten des Staunens wird das Grübelnetzwerk leiser“

„Staunen“ klingt nach Kindheit, vielleicht sogar nach einer Flucht vor den Problemen des Erwachsenenlebens. Bringt uns das wirklich weiter?

Staunen kann sehr entlastend wirken. Die Psychologie nennt das „Awe-Erfahrung“: Dabei wird das, worüber ich staune, größer als meine bisherigen Vorstellungen. Kurz gesagt: Im Staunen wird die Welt größer und mein Ich kleiner. Das bedeutet nicht, dass meine Unruhe verschwindet. Aber ich kann lernen, mich nicht vollständig mit dem zu identifizieren, was gerade in meinem Kopf geschieht. Ich bin nicht nur meine Gedanken, meine Sorgen, mein Druck und mein Stress. Dafür gibt es sogar neurologische Hinweise. Wenn wir um uns selbst kreisen und grübeln, ist unter anderem das sogenannte Default-Mode-Network im Gehirn aktiv. In Momenten des Staunens fährt diese Aktivität zurück. Das Grübelnetzwerk wird leiser.

Ihre Diagnose reicht über das Individuum hinaus. Sie beschreiben Unruhe als gesellschaftliches Phänomen. Wer ist dafür verantwortlich?

Ich würde nicht einen einzelnen Schuldigen benennen. Vielmehr erleben wir uns ständig als ein „performatives Ich“: Wir müssen funktionieren, leisten, etwas erreichen. Das kennen wir aus der Arbeitswelt. Fatal ist, dass diese Logik inzwischen auch die Freizeit erfasst hat. Wir wollen möglichst viel erleben, viele Menschen treffen, fit bleiben und unsere Zeit sinnvoll nutzen. Soziologen wie Hartmut Rosa haben diese Dynamik beschrieben. Moderne kapitalistische Gesellschaften müssen sich ständig steigern, beschleunigen und wachsen, um stabil zu bleiben. Man könnte sagen: Wir stehen auf einer Rolltreppe, die abwärts läuft, und müssen strampeln, um an derselben Stelle zu bleiben. Diese Logik betrifft nicht mehr nur Unternehmen, sondern zunehmend auch den Einzelnen. Wir glauben, aus uns selbst und unserem Leben immer mehr herausholen zu müssen.

„Auf dem Smartphone ist das performative Ich rund um die Uhr sichtbar: Wir inszenieren uns, stellen uns dar und erfüllen Rollen“

Welche Rolle spielt das Smartphone in diesem System?

Eine große. Die Digitalisierung hat unser Privatleben grundlegend verändert. Auf dem Smartphone ist das performative Ich rund um die Uhr sichtbar: Wir inszenieren uns, stellen uns dar und erfüllen Rollen. Gleichzeitig sind viele Algorithmen so konstruiert, dass sie suchtähnliche Mechanismen auslösen. Sie machen es uns schwer, uns zu entziehen. Es hilft deshalb, die Sache nicht bloß als persönliches Versagen zu betrachten. Wir stecken in einer gesamtgesellschaftlichen Logik.

Trotzdem braucht es eine bewusste Anstrengung, andere Modi des Erlebens zu entdecken. Hartmut Rosa würde vielleicht von Resonanz sprechen: von Momenten, in denen die Welt nicht kalt und feindlich gegenübersteht, sondern antwortet.

Im Titel Ihres Buches steht die Schneeflocke. Sie ist nicht planbar, nicht festhaltbar, im nächsten Moment verschwunden. Warum sollte uns gerade sie glücklich machen?

Weil sie sich unserer Kontrolle entzieht. Die Schneeflocke ist eine Chiffre für all die kleinen Momente des Staunens. Was wir im Alltag berechnen, kontrollieren und optimieren, erleben wir oft als Aufgabe. Es überrascht uns nicht mehr und wirkt dadurch ein Stück weit tot. Eine Schneeflocke kann ich als lästigen Niederschlag wahrnehmen – oder ich lasse mich von ihr fesseln. Ich kann mir vergegenwärtigen, dass irgendwo in einer Wolke unter besonderen atmosphärischen Bedingungen ein Kristall gewachsen ist, mit anderen Kristallen zusammengestoßen ist, nun durch die Luft taumelt und vielleicht auf meiner Hand landet. An der Schneeflocke selbst hat sich durch diese Gedanken nichts verändert. Verändert hat sich meine Beziehung zu ihr. Ich sehe plötzlich etwas, das ich nicht berechnen oder besitzen muss. Gerade deshalb kann sie mich lebendig ansprechen.

Buchcover Sebastian Witte

Sebastian Witte: Vom tiefen Glück, einer Schneeflocke beim Fallen zuzuschauen. 25 Wege zur inneren Ruhe.

Kann persönliche Gelassenheit auch politische Verhältnisse verändern?

Ich würde nicht behaupten, dass innere Ruhe allein die Gesellschaft verändert. Das Buch beginnt bewusst bei der einzelnen Person. Aber ein Teil des Lärms, der durch unsere Köpfe rauscht, entsteht auch dadurch, dass wir uns gegenseitig immer stärker anbrüllen und in Lager zerfallen.

Aus einer ruhigeren Haltung können Gelassenheit, Empfänglichkeit und Empathie erwachsen. Es hilft, einen Abstand zwischen Reiz und Reaktion zu schaffen. Auf eine Anschuldigung muss ich nicht sofort reagieren. Ein Moment des Innehaltens gibt mir die Möglichkeit, eine andere Perspektive zuzulassen und zu prüfen. Das garantiert noch keinen gesellschaftlichen Frieden. Aber es kann helfen, besser zuzuhören und mit sich selbst – und dadurch vielleicht auch mit anderen – besser klarzukommen.

Welche Ihrer Tipps fällt Ihnen leicht? Und woran scheitern auch Sie oft?

Ich bin kein Profi im Gelassensein. Was mir inzwischen gelingt, ist eine andere Haltung zu den Dingen zu entwickeln. Der Stress verschwindet deshalb nicht, aber ich erinnere mich daran, dass er nicht alles ist. Am leichtesten fällt mir, mich als Körper zu vergegenwärtigen. Ich stehe mit beiden Füßen auf dem Boden, kann mit meiner Hand eine andere halten, ich atme. Manchmal rieche ich kurz an meinem Handrücken. Das wirkt wie ein unmittelbares Zeichen: Da gehört mehr zum Ich als dieser merkwürdige Zustand im Kopf.

Am schwersten fällt mir das Warten. Ich habe ein Kapitel darüber geschrieben, weil wir Wartezeiten sofort überbrücken und uns ablenken wollen. In der U-Bahn lasse ich das Handy inzwischen oft bewusst in der Tasche. Zuerst fühlt sich das komisch an. Dann öffnet sich plötzlich ein Weitwinkel. Der Blick auf den Bildschirm ist ja nichts weiter wie ein Eintauchen in einen Tunnel, es ist dort zweidimensional und eng. Ein Viertel, durch das ich gehe, oder eine U-Bahn, in der ich sitze, ist dagegen ein dreidimensionaler Raum. In solchen Momenten erlebe ich mich als ein in der Welt verankertes Wesen – nicht als den kleinen, gestressten Sebastian, der nur noch auf einen Bildschirm starrt.


Veranstaltung

Sebastian Witte hat Naturwissenschaftsgeschichte in Hamburg studiert. Seit 2011 ist er Redakteur bei GEO – und schreibt über alle Themen aus dem Kosmos der Forschung. Im September erscheint bei Dumont sein Buch: „Vom tiefen Glück, einer Schneeflocke beim Fallen zuzuschauen. 25 Wege zur inneren Ruhe.“ Witte stellt sein Buch am 24. September 2026 um 19.30 Uhr in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger vor. Tickets für 14 Euro zzgl VVK gibt es bei Rausgegangen.