Kinderrechte auf Instagram„Kinder können sich nicht gegen Veröffentlichung ihrer Fotos wehren“

Lesezeit 5 Minuten
Influencerin nimmt ein Selfie mit ihrer Tochter auf Symbolbild.

Eine Influencerin nimmt ein Selfie mit ihrer Tochter auf (Symbolbild).

Die Soziologin Sara Flieder hat eine Petition für Kinderrechte auf Instagram gestartet. Darin geht es um mehr als die Frage, ob Influencerinnen und Familienblogger den Alltag ihrer Kinder komplett offenlegen sollten.

Frau Flieder, Sie haben die Petition „Kinderrechte auf Instagram wahren“ gestartet, warum?

Sara Flieder: Das Thema beschäftigt mich schon lange. Ich bin früher als Social-Media-Referentin für NGOs jobbedingt vielen Instagram-Mamas gefolgt und habe Familienblogs gelesen. Und damals dachte ich schon: Ich finde die Art und Weise, auf die Kinder da präsentiert werden, nicht gut. Ich wusste alles über diese Kinder, obwohl ich sie noch nie persönlich getroffen hatte: Auf welche Schule sie gehen, wie sie letzte Nacht geschlafen haben und wie ihre Verdauung so läuft, wann sie das letzte Mal krank und wann bockig waren und wo sie ihren Urlaub verbracht haben. Und irgendwann fand ich das alles so krass, dass ich dachte: Ich mache jetzt diese Petition.

Für alle, die solchen Influencerinnen nicht folgen: Was machen die denn?

Portrait von Sara Flieder

Zur Person: Sara Flieder ist selbst Mutter. Sie hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert und viele Jahre als Social-Media-Referentin gearbeitet, unter anderem bei Greenpeace und Plan International. Heute arbeitet sie als Online-Redakteurin bei einem IT-Unternehmen.

Die machen vor allem Geld. Das Geschäftsmodell besteht darin, dass sie Menschen mit durch ihren Tag nehmen. Sie filmen und fotografieren alles, was passiert – und der Hauptinhalt sind ihre Kinder. Je mehr sie von ihrem Privatleben und dem der Kinder preisgeben, desto größer ist in der Regel ihre Reichweite. Und eine große Reichweite bedeutet, dass sie leichter Werbepartner finden und mehr verdienen.

Warum finden Sie das so problematisch?

Die Kinder werden in diese Arbeit eingespannt, ohne dass es irgendeine Form von Kontrolle gibt. Bei Fernsehwerbung zum Beispiel sind die Regularien klar festgesteckt, wie lange und in welchen Zusammenhängen Kinder vor der Kamera stehen dürfen. Für Soziale Medien gibt es diese Regeln so nicht. Dabei werden die Kinder hier auch zurechtgemacht und müssen dann mit Klötzchen spielen, egal ob sie dazu gerade Lust haben oder nicht. Sie können sich nicht gegen die Veröffentlichung solcher Fotos oder Videos wehren, dafür sind sie ja meistens viel zu klein.

Das heißt, die Kinder werden bewusst oder unbewusst ausgebeutet?

Ja, auf gewisse Weise schon. Und es gibt häufig gar kein Problembewusstsein dafür. Wenn ich solche Mütter auf ihren Accounts für einen Beitrag kritisiert habe, haben einige mich danach einfach geblockt und sind auf meine Kritik gar nicht eingegangen. Wobei ich auf keinen Fall sagen will, dass alle Influencerinnen in dem Bereich so sind.

Welche Risiken gibt es noch?

Die Kinder haben keine Privatsphäre. Es besteht immer die Gefahr, dass sie später gemobbt werden, weil ihre Mutter zum Beispiel im Netz ganz offenherzig über ihre Vorhautverengung geschrieben hat. Am schlimmsten finde ich, dass die Bilder im Darknet landen können. Es gibt einfach kriminelle Pädophile, die Fotos von Kindern herunterladen und in ihren Netzwerken teilen. Da geht es auch schon um Bilder, die die Eltern womöglich ganz unschuldig finden, die dann aber von den Tätern in einen anderen Kontext gerückt werden. Das ist eine Form von Missbrauch, der sehr schlimme Folgen haben kann. Diese Bilder sind in der Regel kaum zurückzuholen.

Richtet sich Ihre Kritik damit auch an Menschen, die einen kleinen, privaten Account haben?

Die Gefahren bestehen immer, egal wie viele Follower man hat. Deswegen sollte jeder dafür sensibilisiert werden. Aber natürlich ist es bei den Influencerinnen nochmal etwas anderes. Zum einen muss man sie eher wie Unternehmen betrachten, die damit ihr Geld verdienen. Zum anderen haben sie durch die enorme Reichweite auch eine gewisse Vorbildfunktion.

Ich war auf Ihrem Instagram-Kanal. Dort erfahre ich sehr viel Privates über Ihre Schwangerschaft und über Ihr Familienleben. Steht das für Sie nicht in einem Widerspruch zu Ihrem Vorhaben?

Ehrlich gesagt bin ich durch die Petition selbst viel aufmerksamer geworden, was das Thema angeht. Ich habe auch Beiträge im Nachhinein gelöscht, von denen ich früher dachte, sie wären gar nicht schlimm. Und gleichzeitig will ich Kinder nicht generell aus dem Internet verbannen. Und ich finde es auch wichtig, dass Menschen, dass gerade Frauen über diese Familienthemen offen sprechen können. Wie anstrengend eine Schwangerschaft zum Beispiel verlaufen kann. Und dass Familienleben nicht immer einfach und auch die Vereinbarkeit mit dem Job schwierig ist. Oder nehmen Sie Eltern chronisch kranker Kinder: Die können auf diesem Weg zum Beispiel auf Versorgungslücken im Gesundheitssystem aufmerksam machen oder für mehr Inklusion sorgen. Damit kann man durchaus auch politisch etwas bewirken. Es ist also immer eine Gratwanderung. Am Ende kommt es meiner Meinung nach darauf an: Wie rede, wie schreibe ich über meine Kinder?

Aber ist so ein öffentlicher Post nicht immer eine Verletzung der Intimsphäre eines Kindes?

Das ist schwierig, ich habe selbst noch keine Antwort darauf. Ich frage mich nachträglich auch: War das okay, dass ich ein Ultraschall-Foto gepostet habe? Man sieht nichts darauf, eigentlich. Andere finden das trotzdem viel zu intim. Zuerst sollte man sich deswegen immer die folgenden Fragen stellen: Was wird mein Kind denken, wenn es meinen Beitrag später liest? Fände ich es gut, wenn ein solches Foto von mir im Internet oder im Darknet stehen würde? Möchte ich dieses Bild nur aus Stolz veröffentlichen, oder gibt es einen Mehrwert für andere? Wenn Zweifel bestehen, würde ich lieber nichts posten.

Es sind vor allem Frauen, die ihre Rolle als Mutter in Sozialen Medien inszenieren und dabei häufig auch überkommene Rollenklischees bedienen.

Das belegen inzwischen sogar Studien. Eigentlich sind Influencerinnen ja erfolgreiche Geschäftsfrauen. Aber was sie zeigen, ist manchmal klischeehafter als die Realität der Hausfrauen in den 1950er Jahren. Die sitzen dann in einem ausladenden Kleid in ihrer Küche und filmen sich dabei, wie sie Brotboxen packen. Ich kann das manchmal gar nicht fassen.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Petition?

Im Idealfall würde ich mir Gesetze wünschen, die diesen Bereich stärker reglementieren. Vor allem den der Kinderarbeit in Sozialen Medien. Und ich wünsche mir ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Kinder eine Privatsphäre haben und man sie im Internet nicht bloßstellen sollte. Egal, wie niedlich oder lustig man ein Video oder Foto findet.

Link zur Petition: https://weact.campact.de/petitions/kinderrechte-auf-instagram-wahren

Nachtmodus
Rundschau abonnieren