Das Ende einer Ehe wird zunehmend mit Partys gefeiert. Eine Familientherapeutin erläutert die Bedeutung dieser Zeremonien für den Abschied und einen Neubeginn.
Das Brautkleid zerschneidenScheidungspartys als Ritual für den Neuanfang

Die Scheidungsparty mit Freunden kann ein Ritual sein, um den Übergang zwischen zwei Lebensabschnitten zu zelebrieren.
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In Berlin und anderen Städten etablieren sich zunehmend Partys zur Scheidung. Diese modernen Zeremonien, die von entspannenden Wellness-Angeboten bis zu Darbietungen wie Striptease reichen, dienen der Feier des Abschieds und des Neuanfangs. Solche Feste haben eine psychologische Dimension und verraten viel über das Ende von Beziehungen, geplatzte Hoffnungen und die Fähigkeit zum Loslassen.
Den Ursprung ihres Geschäftsmodells bildete Nadine Schafhausens eigene Trennungsfeier im Jahr 2011, bei der sie eine Nische im Markt erkannte. Wie die Nachrichtenagentur dpa meldet, umfasste ihre Feier damals einen Stripper, eine Torte sowie ein großes Fest mit Buffet. Ein professionelles Make-up und eine neue Frisur rundeten den Tag ab. „Danach habe ich mich wieder als Frau gefühlt“, berichtet Schafhausen.
Die Klientel des von Schafhausen gegründeten Unternehmens „Scheidungsengel“ stammt hauptsächlich aus der Hauptstadtregion. Laut ihrer Aussage ist der Wettbewerb in dieser Branche bislang überschaubar. Ihre berufliche Vergangenheit als Organisatorin von Hochzeiten sieht sie als gute Grundlage. „Das ist gar kein so großer Unterschied, ob man eine Hochzeit oder eine Scheidungsparty organisiert“, äußert sie heute dazu.
Vom Wellnesstag bis zum Zertrümmern eines Autos
Für Kunden mit konkreten Vorstellungen ist eine vollständig personalisierte Planung der Feier möglich. Sollten eigene Einfälle fehlen, stellt Schafhausen auch fertige Arrangements wie „Auto zertrümmern“ oder einen Abend in einer Tabledance-Bar zur Verfügung. Abhängig von der Teilnehmerzahl beginnt das günstigste Angebot bei 500 Euro und umfasst einen Tag im Spa mit Sauna, kosmetischen Behandlungen und einer Massage.
„Wir entwickeln gemeinsam Ideen“, erklärt Schafhausen, fügt aber hinzu: „die Kundin muss sich aber darüber im Klaren sein, dass das nicht nur 100 Euro kostet.“
Die Zelebrierung von Übergangsritualen
Die Familientherapeutin Valeska Riedel befürwortet solche Feiern aus fachlicher Perspektive und betrachtet sie als eine Form von Ritual. Ein solches Ritual markiert präzise den Wechsel zwischen den Lebensphasen der Ehe und der Scheidung, dem Dasein als Single oder dem Beginn einer neuen Partnerschaft.
„Weltweit begehen Menschen ihre Lebensübergänge mit Ritualen“, erläutert Riedel, die eine Praxis für Familien- und Paartherapie leitet. Ereignisse wie Taufen, Hochzeiten, Kommunion, Konfirmation und Bestattungen sind in zeremonielle Handlungen eingebettet. Oftmals sind dabei Anwesende zugegen, um dem Geschehen mehr Gewicht zu verleihen oder es zu untermauern. In diesem Kontext stellt auch ein Fotoshooting eine Form der Bezeugung dar, da es das Ereignis dokumentiert und als Erinnerung dient.
Gleiche Bedeutung für Altes und Neues
Eine Option wäre beispielsweise das Zerteilen des Hochzeitskleides. Dieses Angebot ist momentan das gefragteste Arrangement bei Nadine Schafhausen und schließt ein professionelles Styling sowie eine Fotosession ein. Sollte die Klientin ihr eigenes Brautkleid nicht mehr besitzen, wird vom „Scheidungsengel“ ein Ersatz als symbolischer Akt beschafft.
„Das Brautkleid zu zerschneiden, ist ein sehr wuchtiges, destruktives und rückwärtsgewandtes Ritual“, analysiert Valeska Riedel. Wenn dies im Beisein von Freundinnen geschehe, die Zuspruch geben oder Taschentücher bereithalten, könne der Akt eine kräftigende und aufbauende Wirkung entfalten. Dabei seien Lachen und Weinen ausdrücklich erlaubt.
Laut Riedel ist der Abschied ein zentrales Element, damit die Trennungsfeier ihre rituelle Funktion erfüllen kann – auch bei einem ausgelassenen Fest. Eine Zeremonie des Übergangs verbindet stets Aspekte des Vergangenen mit dem Zukünftigen. „Wichtig ist die Akzeptanz, dass das Alte unwiederbringlich vorbei ist, gleichzeitig sollte man das Neue willkommen heißen.“ Feste dieser Art, die ausschließlich auf die Zukunft fokussiert sind, wären demnach weniger förderlich.
Männer benötigen seltener eine Party für den Übergang
Riedel betrachtet es als „wunderbar, wenn man individuell entscheiden darf, wie man so einen Übergang begeht.“ Manche Menschen pilgern auf dem Jakobsweg oder nehmen an einem Retreat (zu Deutsch: „Auszeit“) mit Programmpunkten wie Meditation, Yoga und Wellness teil, während andere sich zurückziehen oder eben ein großes Fest veranstalten.
Die Klientel von Nadine Schafhausen besteht hauptsächlich aus Frauen. „Männer schließen damit schneller ab und brauchen keine Party“, meint die Expertin für Scheidungsfeiern.
Die Familientherapeutin Valeska Riedel erkennt darin jedoch überholte Muster aus dem vergangenen Jahrhundert, die in modernen Ehen und Partnerschaften fortbestehen. „Frauen stecken immer noch mehr zurück, das kann bei Ende der Ehe nicht mehr ausgeglichen werden.“ Das, was während der glücklichen Ehejahre freiwillig gegeben wurde, verwandelt sich mit der endgültigen Trennung in eine leidvolle Einbuße. Diesen Kummer im Rahmen eines Festes zu kanalisieren, scheint daher vor allem weiblichen Anliegen zu entsprechen.
„Männer machen das eher mit sich aus, sie gehen vielleicht mit Freunden etwas trinken und dann muss es abgeschlossen sein“, führt Riedel aus.
Das Scheitern einer Hoffnung
Ein solches Fest ist selbstverständlich nur eine von mehreren Möglichkeiten der Verarbeitung, erklärt die Familientherapeutin aus Nürnberg. Viele Menschen verbringen den Tag der Scheidung im Kreis von Freunden oder der Familie. „Die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen, ist zu empfehlen wegen der Zeugenschaft.“
Es sei ratsam, sich im Vorfeld zu überlegen, mit wem man diesen Tag verbringen möchte. „Eine Scheidung, selbst wenn sie gefeiert wird, ist und bleibt das Ende einer Hoffnung und ist so gesehen auch ein Anlass für Trauer und Tränen“, betont Riedel. „Da waren Erwartungen, die enttäuscht wurden.“ Wenn all diese Gefühle missachtet werden, könnten sie zu einem späteren Zeitpunkt verstärkt zurückkehren, ähnlich einer nicht auskurierten Erkältung. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
