Kölner Schulhund im Einsatz„Linn läuft ganz gezielt zu jenen Kindern, denen es nicht gut geht“

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Hündin Linn läuft durch die Klasse.

Die dreijährige Linn ist als Klassenbegleithund mehrere Tage in der Woche im Unterricht dabei.

Wie sieht der Alltag eines Schulhundes aus und wie hilft er Kindern beim Lernen und Leben? Ein Besuch bei Schulhündin Linn und ihrer Klasse 4b.

Es herrscht leises Stimmengewirr in der Schneckenklasse. An großen Tischen wird in Gruppen gearbeitet, Kinder wuseln mit Arbeitsmaterialien durch die Gegend. Die neunjährige Fatou scheint von all dem nichts wahrzunehmen, sie sitzt mitten im Raum auf dem Boden und krault Linns weichen Bauch. Die Klassenhündin berührt sie mit der nassen Schnauze, legt dann bestätigend eine Pfote auf Fatous Schoß und genießt die Zuwendung. Minutenlang kuscheln die beiden, völlig unbeeindruckt vom geschäftigen Trubel – so zufrieden, als hockten sie in einem gemütlichen Schneckenhäuschen in ihrer eigenen Welt.

Die Schülerin Sarah streichelt Klassenhund Linn

Kraulpause im Unterricht: Die zehnjährige Sarah genießt die Zeit mit Klassenhund Linn.

In der Klasse 4b der Kölner Peter-Lustig-Schule ist dieser Anblick völlig normal. Die dreijährige Jagdhündin Linn gehört fest zur Klassengemeinschaft, seit sie im Alter von dreieinhalb Monaten dort „eingezogen“ ist. Drei Tage die Woche ist sie als Klassenbegleit- oder auch Präsenzhund zusammen mit ihrer Besitzerin, Klassenlehrerin Cordula Vorwerk, im Unterricht dabei. Ab und an besucht sie auch noch andere Klassen an der Schule. „Linn begegnet allen Kindern freundlich“, sagt Vorwerk, „aber ‚ihre‘ Schneckenkinder sind für sie etwas ganz Besonderes, die kennt sie genau.“ Jedes Kind in der Klasse habe eine intensive, aber auch ganz eigene Bindung zu Linn. „Manche kuscheln häufig mit ihr, andere beobachten lieber und schreiben Geschichten über sie.“

Schulhunde beeinflussen die Lernatmosphäre

Die „kleine Linn“, wie sie hier liebevoll genannt wird, tapst jetzt schwanzwedelnd durch den Raum, bleibt immer wieder bei einem Kind stehen und lässt sich im Vorbeigehen streicheln. „Manchmal setzt sich Linn neben mich auf die Bank, das fühlt sich richtig schön an“, erzählt die zehnjährige Sarah. „Ich gehe ein bis zweimal pro Stunde direkt zu ihr“, sagt Fatou, „das beruhigt mich und hilft mir beim Lernen.“ Auch der zehnjährige Firat kennt dieses Gefühl: „Wenn Linn da ist, kann ich mich einfach besser konzentrieren.“

Tatsächlich sind Schulhunde wie Linn sogenannte Lernhelfer, durch ihre Anwesenheit sollen sie die Lernatmosphäre, das Sozialverhalten und die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler verbessern. Dass die Präsenz eines Hundes Auswirkungen hat, ist sogar wissenschaftlich erwiesen: demnach wird beim Streicheln eines Hundes das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Und auch hier in der Schneckenklasse spürt man bereits nach wenigen Minuten, dass Linn das Klassenklima positiv prägt.

Die Schülerin Fatou sitzt auf dem Boden und krault Hündin Linn.

Die neunjährige Fatou geht häufig zu Linn, die beiden haben ein inniges Verhältnis.

Wenn Linn da ist, kann ich mich einfach besser konzentrieren.
Firat, 10 Jahre alt

Der Hund als Freund, Ruhepol und Eisbrecher

„Linn nimmt die Kinder so an, wie sie sind – egal wie sie aussehen oder wie gut sie in der Schule sind. Sie fühlen sich von ihr gesehen“, sagt Vorwerk. „Und kleine Menschen haben ein großes Bedürfnis danach, ohne Bedingungen geliebt zu werden.“ Der Hund lasse sich ganz auf ein Kind ein und gebe ihm, was es gerade brauche. Das sei auch ein gutes Rezept gegen Unsicherheit und Angst. „Fällt es einem Kind schwer, mit Gleichaltrigen zu interagieren, hilft die Beziehung zu Linn, um auch mit den Mitschülern besser in Kontakt zu kommen. Hunde können eine echte Eisbrecherfunktion haben.“

Auch Gefühle und Stimmungen nehme Linn besonders wahr. „Linn bekommt sofort mit, wenn es in der Klasse Streit gibt“, berichtet Fatou. „Ich war einmal bei einer Klassenarbeit total aufgeregt“, erinnert sich Sarah, „dann bin ich zu Linn gegangen, danach konnte ich mich entspannen und losschreiben. Bei der nächsten Arbeit ist Linn von alleine zu mir gekommen, sie hat das wohl gespürt.“ Das sei häufig so, sagt die Lehrerin. „Der Hund läuft ganz gezielt zu jenen Kindern, denen es nicht gut geht“, sagt Vorwerk. „Sie tröstet sie und nimmt ihnen Unruhe ab.“ Irgendwann trotte sie dann weiter und zeige den Kindern dadurch: „Ab hier schaffst du es wieder alleine.“

Schülerin Matilda macht eine Schreibaufgabe, Hund Linn sitzt neben ihr.

Partnerin im Unterricht: Linn schaut gerne nach, was ihre Kinder so schreiben.

Ein Schulhund muss zeigen können, wenn es ihm zu viel wird

Nicht jeder Hund hat so ein feines Gespür für Kinder wie Linn. Als English Springer Spaniel arbeitet sie von Natur aus gerne mit Menschen zusammen und hat einen ausgeprägten sozialen Rudelinstinkt. „Es sind nur wenige Rassen für die Arbeit als Schulhund geeignet“, erklärt Cordula Vorwerk. Ein Begleithund dürfe zum Beispiel nicht zu viel Territorialinstinkt besitzen. „Sonst würde er die Kinder ständig bewachen und beschützen wollen.“ Ob sich ein Hund eigne, komme aber auch auf den individuellen Charakter des Tiers an. „Linn hat die Ruhe weg, sie ist klug und kann gut für sich sorgen – es ist wichtig für einen Schulhund, eigene Grenzen zu kennen.“ Linn sage auf deutliche, aber nette Weise „nein“. „Sie geht einfach ruhig weg – noch nie hat sie ein Kind angeknurrt.“ Die Schüler lernten indes, zu respektieren, wenn Linn einmal keinen Kontakt wolle.


Ob ein Schulhund in einer Klasse eingesetzt werden darf, entscheidet die Schulleitung – das geschieht zumeist in Absprache mit der Lehrerkonferenz, der Schulpflegschaft und der Schulkonferenz. Außerdem wird der Schulträger informiert. Bei den Erziehungsberechtigten wird zuvor abgeklärt, ob ein Kind Allergien hat.


Wenn sie ganz genug hat, zieht sich Linn in ihre bequeme Hundebox in der Ecke des Klassenraums zurück. „Hier kann der Bär steppen und der Hund liegt mit dem Rücken zur Klasse und schläft“, sagt Vorwerk. „Sie ist an diese Geräuschkulisse von klein auf gewöhnt. Schon vor ihrem ersten Tag im Klassenzimmer haben die Kinder typischen Schullärm aufgenommen und ich habe ihr das dann zu Hause immer wieder vorgespielt.“ Von Anfang hätten sie Linn auch gemeinsam an neue Reize herangeführt. „Es ist optimal, wenn man früh anfängt und der Hund mit den Kindern groß wird.“

Hundewissen im Alltag – Kinder lernen, die Sprache des Tiers zu lesen

Eine spezielle Ausbildung für Schulhunde ist bisher nicht verpflichtend. Es gibt aber verschiedene Kursangebote. Auch Linn und ihre Hundemama machen eine solche Schulhundausbildung. „Ich finde es wichtig, dass auch Hundeexperten von außen schauen, wie der Hund mit den Kindern agiert.“ Cordula Vorwerk ist zudem selbst Hundeerziehungsberaterin und arbeitet mit Linn nach der Erziehungsphilosophie „Natural Dogmanship“. „Hier geht es darum, Hunde nicht zu dressieren, sondern sie orientiert an ihren Bedürfnissen und Instinkten zu erziehen.“

Hündin Linn rennt über den Schulhof.

Bei der Jagd auf dem Schulhof gibt Linn alles.

Linn bekommt sofort mit, wenn es in der Klasse Streit gibt.
Fatou, 9 Jahre alt

Die Kinder bekommen dieses Hundewissen täglich am lebenden Beispiel vermittelt. „Wir haben schon richtig viel hündisch gelernt“, lacht Cordula Vorwerk. „Früher wusste ich gar nichts über Hunde, heute kenne ich mich super aus“, freut sich Firat. Von Beginn an haben die Viertklässler geübt, Linns Bedürfnisse zu erkennen und zu verstehen. „Die Kinder lernen, die Körpersprache des Tiers zu lesen, aber auch, wie sich ihr Verhalten auf den Hund auswirkt“, erklärt Vorwerk. „Das ist für mich das Wichtigste, die Kinder sollen Empathie für ein anderes Lebewesen entwickeln.“ Und was sie bei Linn lernten, übertrage sich auch auf die Gemeinschaft. „Das ist meine erste Klasse mit Schulhund und ich finde es auffällig, wie achtsam die Kinder miteinander umgehen und sich annehmen, wie sie sind.“

Schüler Firat steht im Baum und reicht dem Hund ein Beutespielzeug.

Schüler Firat hilft Hündin Linn, die Beute vom Baum zu holen.

Teamarbeit: Kinder und Hund jagen gemeinsam auf dem Schulhof

Zurück in der Klasse ist Linn plötzlich ganz aufgeregt und stellt die Ohren auf. Sie weiß genau, was jetzt kommt: Es ist Jagdzeit! Mit den Kindern läuft sie die Treppe hinunter auf den grünen Schulhof. „Wie geht es Linn gerade?“, fragt die Lehrerin. „Sie freut sich!“, schallt es im Chor. Dann darf die Hündin losrennen und eine Ersatzbeute suchen, die zuvor auf dem Schulgelände versteckt wurde.

Das ist für mich das Wichtigste, die Kinder sollen Empathie für ein anderes Lebewesen entwickeln.
Cordula Vorwerk, Klassenlehrerin

Schnell hat die Hundenase den Geruch des Beutels aufgenommen, das falsche Kaninchen sitzt im Baum. Linn springt am Stamm hoch, als sie die Beute nicht erreicht, schaut sie in Richtung Kinder. Die verstehen sofort: Sie bittet um Hilfe. Firat klettert den Baum hoch und holt die Beute für Linn runter. Stolz trägt sie die zur Schau. Um Futter geht es dem Tier dabei nicht, für Linn als Stöberhund steht die Freude am gemeinsamen Jagen im Vordergrund. „Es ist ein schönes Gefühl, Linn bei der Jagd zu helfen“, findet auch Firat.

Bald aber wird die Hündin sich auf andere kleine Jagdpartner einstellen müssen, denn im Sommer gehen die Viertklässler auf die weiterführende Schule. „Wir werden Linn so sehr vermissen“, sagen Sarah, Firat und Fatou. Und auch für das Tier wird diese Veränderung schwer werden. „Sie ist mit der Schneckenklasse aufgewachsen, diese Kinder sind ihre Familie“, sagt Cordula Vorwerk, „ich kann mir vorstellen, dass sie trauern wird.“ Dann aber werden neue Erstklässler in Linns Klassenraum einziehen – viele neue Schneckchen, die von ihrem Hundeglück noch gar nichts ahnen.

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