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Vergesslich und unruhigDahinter kann eine unerkannte ADHS-Erkrankung stecken

6 min
Eine Frau sitzt nachdenklich auf einem Sofa

Ein anderer Blick aufs Leben: Viele erleben nach einer späten ADHS-Diagnose große Erleichterung, weil sie ihre Symptome neu einordnen können.

Viele Erwachsene haben unentdeckt ADHS. Eine späte Diagnose ist schwierig, kann aber das Leben grundlegend verändern.

Jahrelang vergesslich, sprunghaft und schnell überfordert – zahlreiche Personen schreiben diese Eigenschaften ihrem Wesen oder Stress zu. Der Gedanke, dass eine neurologische Eigenheit, die seit der Geburt besteht, die Ursache sein könnte, wird oft nicht in Betracht gezogen. Dies gilt gleichermaßen für das persönliche Umfeld und häufig auch für medizinisches Fachpersonal.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird von vielen Menschen weiterhin vorrangig mit dem Kindesalter assoziiert. Schätzungen von Experten zufolge leiden jedoch mindestens zwei Millionen Erwachsene hierzulande darunter. Insbesondere für Personen über 40 gestaltet sich die Diagnosestellung oft als kompliziert. Nachfolgend wird erläutert, welche Ursachen dem zugrunde liegen, wie ADHS im fortgeschrittenen Alter identifiziert wird und welche Veränderungen eine Diagnose mit sich bringen kann.

Symptome von ADHS im Erwachsenenalter

Ein Zusammenhang zwischen ADHS und einem beeinträchtigten Metabolismus des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn ist bekannt, wobei die Störung typischerweise seit der Kindheit besteht. Das impliziert, dass die Kondition nicht unvermittelt im Erwachsenenalter auftreten kann.

Allerdings äußert sich ADHS bei erwachsenen Personen oft auf eine dezentere Weise als bei Kindern und Jugendlichen, wie das Portal «gesundheitsinformation.de» berichtet. Häufig haben Erwachsene mit dieser Störung Schwierigkeiten bei der Organisation ihres Alltags und ihrer beruflichen Tätigkeiten, beim Einhalten von Fristen sowie bei der Konzentration auf Aufgaben über einen längeren Zeitraum – es sei denn, es handelt sich um Themen von großem persönlichem Interesse.

Astrid Neuy-Lobkowicz, eine Fachärztin für Psychotherapie und Psychosomatik, erklärt: «Das Schwierigste bei ADHS ist diese Prokrastination». Sie führt aus: «Ich weiß, was ich tun soll, aber ich kann den ersten Schritt nicht machen. Ich kann nicht anfangen.» Des Weiteren können Vergesslichkeit, ein Gefühl innerer Rastlosigkeit und sprunghafte Gedanken charakteristisch sein.

Hinzu kommt laut der Fachärztin, die als ADHS-Expertin und Autorin des Buches («AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte») bekannt ist, «eine enorme emotionale Auslenkbarkeit». Sie beschreibt dies mit den Worten: «Ich bin schnell gekränkt, reagiere heftig, fühle mich rasch angegriffen.»

Sollten alltägliche Belastungen das Leben über einen ausgedehnten Zeitraum negativ beeinflussen, wird eine Abklärung durch Fachärzte empfohlen. Für eine Diagnose ist eine detaillierte Anamnese sowie eine Bewertung nach geltenden Leitlinien durch Spezialisten notwendig – dazu zählen beispielsweise Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztliche Psychotherapeuten oder psychologische Psychotherapeuten.

Gründe für die seltene Diagnose von ADHS bei Erwachsenen

Laut Neuy-Lobkowicz lag der Fokus beim Thema ADHS lange Zeit ausschließlich auf Kindern. Die Auswirkungen davon seien bis in die Gegenwart spürbar, was zu einer erheblichen Lücke bei Diagnosen und der anschließenden Versorgung führe. Eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung belegt zwar, dass mittlerweile wesentlich mehr Erwachsene in Deutschland eine Erstdiagnose für ADHS erhalten als noch vor einem Jahrzehnt. Experten vermuten jedoch weiterhin eine beträchtliche Anzahl unerkannter Fälle.

Eine der Schwierigkeiten bei einer zutreffenden Diagnose im Erwachsenenalter besteht darin, dass zahlreiche Betroffene unter psychischen Komorbiditäten leiden. In einigen Situationen werden lediglich diese Begleiterkrankungen therapiert, während die eigentliche Ursache, beispielsweise für Depressionen oder Angststörungen, unberücksichtigt bleibt.

Mit fortschreitendem Alter kann es zudem passieren, dass die Symptomatik sowohl von den Betroffenen selbst als auch von Behandlern mit anderen Krankheitsbildern verwechselt wird. Werden Personen Anfang 50 vergesslicher, können sich schlecht konzentrieren und fühlen sich erschöpft, liegt der Gedanke an eine beginnende Demenzerkrankung nahe. «Aber viele von ihnen haben eine ADHS, die man gut behandeln kann», sagt Neuy-Lobkowicz.

Die unzureichende Diagnoserate wird außerdem dadurch begünstigt, dass einige Menschen mit ADHS in der Lage sind, ihre Symptome über lange Zeit zu verbergen. Insbesondere betroffene Frauen neigen dazu, sich stark anzupassen, was mitunter in einem Burnout münden kann und oft zu einer späten Diagnosestellung führt.

Anzeichen für eine lebenslange ADHS-Betroffenheit

«Das ist schwierig, weil ADHS keine erworbene Störung ist – man kommt damit zur Welt und hat keinen Vergleich, weil man sich ja nie anders erlebt hat», räumt Astrid Neuy-Lobkowicz ein.

Die Expertin rät dazu, sich gezielt mit folgenden Fragen auseinanderzusetzen:

«Wenn das Gefühl entsteht, dass das zutrifft: erst lesen – aber bitte nicht nur im Internet, wo 50 Prozent der Inhalte über ADHS falsch sind», gibt die Fachärztin zu bedenken. Sie empfiehlt stattdessen Bücher und andere verifizierte Quellen, wie zum Beispiel die Webseiten von Fachorganisationen, darunter das Portal adhs.info vom Zentralen ADHS-Netz. Informationen zu ADHS bei Erwachsenen werden ebenfalls von zahlreichen Krankenkassen bereitgestellt.

Der Weg zur Diagnosestellung

Anschließend sollte ein Spezialist für Psychiatrie und Psychotherapie aufgesucht werden. Es ist ratsam, sich explizit nach der Expertise im Bereich ADHS bei Erwachsenen zu erkundigen, da dies nicht von allen Praxen angeboten wird. Für Personen über 50 Jahren rät Neuy-Lobkowicz zudem zu einer internistischen Untersuchung, ehe eine medikamentöse Behandlung startet.

Die Suche nach einem geeigneten Facharzt oder einer passenden Fachärztin für die Diagnostik gestaltet sich weiterhin kompliziert. «Viele Psychiater trauen sich nicht an ältere Patientinnen und Patienten heran», so Neuy-Lobkowicz. Man müsse nachhaken und ausdauernd sein. «Das Interessante ist: Wenn ADHS-Betroffene sich wirklich für etwas interessieren, können sie auch Berge versetzen. Das erlebe ich immer wieder.» Als nächster Schritt wird der Besuch von Selbsthilfegruppen empfohlen, die beispielsweise über die Plattform «adhs-deutschland.de» zu finden sind.

Laut dem «Infoportal ADHS» werden im Rahmen der Diagnostik, in der sogenannten Exploration, beispielsweise gegenwärtige Schwierigkeiten, Belastungsfaktoren und spezifische Symptome detailliert erfasst und die Biografie sowie die bisherige Entwicklung der Problematik bis heute aufgearbeitet.

Gegebenenfalls werden auch Lebenspartner, Elternteile oder andere langjährige Bekannte in den Prozess miteinbezogen. Diese können schildern, zu welchem Zeitpunkt ihnen Besonderheiten im Verhalten der betreffenden Person auffielen. Ergänzend werden Fragebögen, Verhaltensanalysen oder physische Untersuchungen eingesetzt. In der Regel erstreckt sich die diagnostische Abklärung von ADHS über mehrere Termine.

Was sich nach der Diagnose verändern kann

Zwar ändert eine späte Diagnosestellung die Vergangenheit nicht, jedoch kann sie die Perspektive darauf maßgeblich verändern. «Viele Patienten sind allein schon mit dem Wissen unglaublich entlastet», sagt Neuy-Lobkowicz.

Eine Therapie ist nicht für jede Person mit einer ADHS-Diagnose zwingend erforderlich. Wo der Leidensdruck groß ist, kann eine individuell abgestimmte Kombination aus Psychoedukation, kognitiver Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung erfolgreich sein, so Petra Beschoner, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Vielen Patienten und Patientinnen wird durch Medikamente geholfen, ihre Konzentrationsfähigkeit und Impulssteuerung zu steigern.

«Wenn die Diagnose stimmt und die Medikation passt, können wir Menschen auch mit 60 oder 70 noch einmal neu auf die Beine stellen», sagt Astrid Neuy-Lobkowicz. «Ich sehe immer wieder, dass auch bei tiefer Erschöpfung und zunehmender Vergesslichkeit die Medikamente eine beeindruckende Wirkung haben. So mancher Patient steht dann wieder wie Phönix aus der Asche auf und findet wieder eine neue Lebensqualität und Lebensmut.»

Im familiären Kontext können sich ebenfalls Spannungen auflösen. ADHS ist genetisch veranlagt – oft sind Kinder oder Enkelkinder ebenfalls betroffen. Dies kann zu neuem Verständnis und Möglichkeiten zum Austausch führen. Und Konflikte, die sich jahrelang angestaut hatten, finden plötzlich eine Erklärung. Angehörige, die sich nie ernst genommen fühlten, weil Dinge vergessen oder überhört wurden, verstehen plötzlich, warum das so war. Und Betroffene können «jetzt lernen, anderen eine Art Gebrauchsanweisung zu geben», so Neuy-Lobkowicz. (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.