Wenn die Sorge, was andere denken, den Arbeitsalltag bestimmt, leidet die Karriere. Fachleute erläutern das Phänomen FOPO und zeigen Auswege auf.
Angst bremst Ihre KarriereWas hinter dem Phänomen FOPO steckt und was dagegen hilft

Kann man die Mail so abschicken oder klingt das komisch? Manche Beschäftigte zerbrechen sich über solche Fragen stundenlang den Kopf.
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Trotz brillanter Einfälle in Konferenzen stumm bleiben? Nachrichten vor dem Verschicken wiederholt überarbeiten? Permanent darüber grübeln, welches Bild die Mitarbeitenden von einem haben? Solche Verhaltensweisen können auf eine Furcht vor ablehnender Beurteilung hindeuten. Dieses Phänomen wird im Englischen als „Fear of People’s Opinion“, kurz FOPO, zusammengefasst.
Personen, die ihre Aktionen fortwährend an den potenziellen Gedanken ihres Umfelds orientieren, behindern sich selbst und gefährden ihren beruflichen Werdegang. Doch welche Strategien wirken gegen FOPO? Nachfolgend finden sich Erklärungen zu den wesentlichen Aspekten.
Was genau verbirgt sich hinter FOPO?
Hinter FOPO verbirgt sich die physisch wahrnehmbare Besorgnis darüber, wie man von anderen wahrgenommen wird, erläutert der Diplom-Psychologe und Coach Hans-Georg Willmann. Dies äußert sich durch einen erhöhten Puls, Anspannung oder Magenbeschwerden. Wie die Nachrichtenagentur dpa meldet, sagt Willmann dazu: „Am liebsten wollen Betroffene solche Situation vermeiden oder aus ihr fliehen“.
Ein bestimmtes Maß an Nervosität sei laut dem Coach normal und kann die Leistungsfähigkeit sogar steigern. Problematisch wird es, wenn die Anspannung hemmend wirkt und eine Person davon abhält, ihre Fähigkeiten voll zu entfalten. Im Extremfall kann FOPO zu einer sozialen Phobie führen: „Betroffene geraten in eine Vermeidungsspirale und sind nicht mehr handlungsfähig.“
Abgrenzung: FOPO versus Rücksichtnahme
Im Arbeitsleben steht die gemeinschaftliche Bewältigung von Aufgaben im Vordergrund. „Rücksichtnahme ist die Orientierung an diesem gemeinsamen Prozess“, erklärt der Coach. Personen mit FOPO hingegen richten ihr Verhalten an den angenommenen Erwartungen an sie als Individuum aus. Konsequenterweise reflektieren Betroffene stärker ihre Außenwirkung als die zu lösende Aufgabe selbst. „Dann geht es nicht um die Sache, sondern um die Sicherung der Akzeptanz meiner Person“, führt Willmann aus.
Die Wurzeln der Bewertungsangst
Laut Willmann gibt es drei ineinandergreifende Ursachen. Die erste ist evolutionär bedingt: Der Mensch ist darauf ausgelegt, nach sozialer Einbindung zu streben, weshalb ein Gruppenausschluss als Gefahr gedeutet wird. Unser Gehirn empfindet Ausgrenzung und Zurückweisung bis heute als fundamentale Bedrohung.
Die zweite Ursache findet sich in der Kindheit: Wenn Kinder Zuspruch lediglich bei der Erfüllung von Erwartungen erfahren, wird dieser Mechanismus häufig in die Arbeitswelt mitgenommen. „Besonders prägend sind solche Erfahrungen, wenn Lob und Kritik im Elternhaus inkonsistent und völlig unberechenbar waren“, so Willmann.
Als dritte Ursache nennt der Experte das berufliche Umfeld. Ein stark leistungsorientiertes Arbeitsklima, Vorgesetzte mit widersprüchlichen Anforderungen oder abfälligen Bemerkungen stellen laut Willmann „ein idealer Nährboden für FOPO“ dar.
Typische Auslöser im Berufsalltag
Jede Lage, in der man im Fokus steht, eine Leistung erbringen muss und sich beurteilt fühlt, kann die Furcht intensivieren, so Willmann. Dazu zählen Besprechungen, Präsentationen, Mitarbeitergespräche und Vorträge. Ebenso können Wettbewerbssituationen oder die Anwesenheit von dominanten Persönlichkeiten die Symptome hervorrufen. Die Angst kann sich sogar in alltäglichen Momenten zeigen: „Manchen Betroffenen fällt es sogar schwer, in der Kantine vor Kollegen zu essen“, berichtet der Coach.
Warnsignale: Wann FOPO zur Karrierebremse wird
Die Karriereberaterin und Unternehmerin Ragnhild Struss listet diverse Alarmsignale auf. Ein Indiz ist der exzessive Zeitaufwand für Absicherungsmaßnahmen, wie das wiederholte Korrigieren von E-Mails und Präsentationen. In der direkten Interaktion wird übervorsichtig abgewogen, welche Information an wen weitergegeben wird. Aus Furcht vor Auseinandersetzungen werden Äußerungen abgeschwächt, was im Nachhinein oft zu Ärger führt.
Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist das Grübeln nach Unterhaltungen. „Die Leute versuchen ständig zu rekonstruieren, wie sie gewirkt haben“, erklärt Struss. Rückmeldungen zum eigenen Auftreten werden als Bewertung der gesamten Person missverstanden. Sogar Anerkennung wird nur schwer akzeptiert, „weil ihnen die innere Grundlage dafür fehlt“.
Folglich wird Sichtbarkeit von den Betroffenen oft gezielt vermieden. Sie überlassen beispielsweise Vorträge anderen oder entziehen sich Situationen, in denen sie stark im Mittelpunkt stehen. Die Coachin warnt: „FOPO kann zu einem echten Karrierehindernis werden“.
Sofortmaßnahmen und langfristige Strategien
Bei plötzlich auftretenden Symptomen rät Ragnhild Struss zur Beruhigung des Nervensystems. Sie empfiehlt: „Länger ausatmen als einatmen, zwei bis drei Atemzüge lang“. Diese Technik reduziere das Stressniveau, ohne dass es vom Umfeld bemerkt wird. Hilfreich könne auch sein, die Situation kurzzeitig zu verlassen. „Holen Sie sich zum Beispiel ein Getränk, ordnen Sie ihre Gedanken und machen Sie sich immer wieder klar: Ich bin hier, um der Sache zu dienen“, so Struss.
Für Besprechungen und Unterhaltungen schlägt sie die Nutzung von „Joker-Sätzen“ vor. Das sind vorbereitete, knappe Formulierungen wie „Ich sehe hier ein Risiko“ oder „Ich habe eine Rückfrage“. Laut der Beraterin vereinfachen solche Phrasen den Gesprächseinstieg. Es sei entscheidend, mit kleineren Beiträgen anzufangen, anstatt auf die eine, makellose Wortmeldung hinzuarbeiten.
„Langfristig geht es darum, den Selbstwert zu stärken und Grenzen zu setzen“, erklärt Struss. Personen, die bemerken, dass die Furcht vor Fremdmeinungen ihren Arbeitsalltag erheblich beeinträchtigt, sollten evaluieren, welche Anpassungen am Arbeitsplatz umsetzbar sind. Sollte dies nicht ausreichen, rät sie zu professioneller Hilfe. Die Entscheidung zwischen Coaching und Therapie sei von der Intensität des Leidensdrucks abhängig. „Wer permanent körperliche Stresssymptome hat, dauernd schlecht schläft oder ständig grübelt, sollte eher eine Therapie in Betracht ziehen“, meint Struss. Was aber, wenn Betroffene unsicher sind, welche Form der Unterstützung sie benötigen? Hierfür legt Struss ein initiales Gespräch mit einem Fachexperten nahe: „Ein guter Coach oder Psychologe kann einschätzen, welcher Weg passt, und wird das auch deutlich sagen.“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
