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Diäten scheitern oftNur die Kalorien zählen

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Bei Gemüse darf richtig reingehauen werden. Je bunter, desto besser.

Ein alter Streit geht in eine neue Runde. Müssen Übergewichtige, die abnehmen wollen, einfach nur Kalorien zählen? Oder sollten sie dabei auch auf die Zusammensetzung von dem achten, was auf den Teller kommt? Während vor Jahren noch Reduktionskonzepte wie Nulldiät oder FDH ("Friss die Hälfte") hoch im Kurs standen, sind heute Abnehmstrategien wie Low Carb (wenig Kohlenhydrate), Low Fat (wenig Fett) oder die Punkte-Diät (ausgewogenes Verhältnis von Kohlenhydraten, Fett und Eiweißen) populär. Für beide Varianten finden sich in der Ernährungsforschung Kritiker wie Befürworter.

Jetzt haben sich gleich mehrere medizinische Gesellschaften, darunter die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin, auf die Seite der Kalorienzähler geschlagen: Für krankhaft Übergewichtige sei es egal, ob eine Low-Fat- oder Low-Carb-Diät oder eine eiweißbetonte Kost gewählt werde, heißt es in einer neuen Leitlinie zur Therapie von Adipositas (krankhafter Fettleibigkeit). Letztlich zähle nur eins: Die Energiezufuhr drosseln. "Die Erkenntnis ist so revolutionär wie ernüchternd", sagt DAG-Sprecherin Dr. Stefanie Gerlach. "Denn dadurch werden viele Diät-Mythen, die in den letzten Jahren aufgebaut wurden, entzaubert." Letztlich sei es unwichtig, ob man zum Abnehmen Fett einspare oder Kohlenhydrate. "Hauptsache, man ernährt sich abwechslungsreich und nimmt weniger Energie zu sich, als der Körper verbraucht." Abnehmwillige müssten sich nicht mehr in strenge Schemata pressen lassen, die sie sowieso nicht lange durchhalten können, so Gerlach.

Zusammensetzung bedeutungslos?

Die sogenannte S3-Leitlinie gründet auf den qualitativ besten, verfügbaren Studien zum Thema. Laut Gerlach ist das Papier "so etwas wie die Bibel der Adipositas-Szene". So analysierte bereits 2003 eine Meta-Studie im US-Fachjournal "JAMA" das gesamte - bis dahin - verfügbare wissenschaftliche Material zum Thema. Dabei zeigte sich, dass der Gewichtsverlust von adipösen Patienten zwar davon abhängt, wie lange die Diät dauerte und wie viele Kalorien insgesamt eingespart wurden, nicht aber von der Reduktion der Kohlenhydratmenge. Und in einer 2009 im renommierten "New England Journal of Medicine" veröffentlichten zweijährigen Studie wurden gleich vier Kostformen miteinander verglichen: kohlenhydratreich/fettarm, proteinreich/fettarm, fettreich und fett- und proteinreich. "Dabei fand sich kein relevanter Unterschied im Hinblick auf die Gewichtsabnahme, sodass die Makronährstoffzusammensetzung im vorgegebenen Rahmen bedeutungslos zu sein scheint", kommentieren die Autoren der Leitlinie. Ihr Fazit: "Dies führt dazu, dass die Patienten die Makronährstoffzusammensetzung nach persönlichen Vorlieben wählen können."

Können stark Übergewichtige also bedenkenlos Pommes und Pizza essen, sofern sie eine bestimmte Kalorienzahl am Tag nicht überschreiten? "Bedenkenlos nicht, aber im Prinzip schon - sofern sie keine Diabetiker sind", sagt Professor Helmut Schatz von der Ruhr-Uni Bochum, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, der Lehre von den Hormonen und vom Stoffwechsel. "Allerdings haben die fetten und süßen Speisen naturgemäß mehr Kalorien." Wer also eine Pizza mit etwa 800 Kilokalorien esse, müsse dafür an anderer Stelle einsparen, um seine Tageshöchstzufuhr einzuhalten. Je nach Alter, Größe, Gewicht und Aktivität sind das bei Frauen etwa 1600 bis 2200 kcal, bei Männern 2200 bis 2600 kcal.

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Andere Wissenschaftler wenden ein, dass bestimmte Nahrungsmittel besser sättigen als andere - und damit zu einer geringeren Gesamtkalorienaufnahme führen. Ein Stück Sahnetorte etwa mag die gleichen Kalorien enthalten wie ein großer Salat mit einem Steak - aber von der Torte wird man nicht lange satt, vom Steak mit Salat schon. Kommt es also doch auf die Zusammensetzung an?

"Ich gehe auch davon aus, dass die Ursache für Übergewicht und Adipositas in einer zu großen Energiezufuhr liegt", sagt Professor Hans-Georg Joost, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam. "Aber der Grund für diesen Überschuss ist, dass einen das, was man gegessen hat, nicht satt gemacht hat und man deshalb zu viel isst." Studien zeigten, dass speziell Fast Food - also die Kombination von Fett, Zucker, Geschmacksverstärkern und wenig Ballaststoffen - nicht sättige. "Menschen, die oft Pommes und Pizza essen, nehmen deshalb schnell ein paar Kalorien zu viel zu sich", erklärt Joost.

Die Idee, die verzehrten Kalorien einfach zu zählen und täglich nur bis zu einem bestimmten Level zu essen, hält der Experte für praxisfern. "Energiezufuhr kann man nicht so genau messen. Und wenn man vom Maximalwert täglich nur drei Prozent abweicht, schlägt sich das in einer Gewichtszunahme von mehreren Kilo pro Jahr nieder." Zudem schwanke der Kalorienbedarf je nach Gewicht und körperlicher Anstrengung.

(Miss)Erfolg ist nur langfristig zu erkennen

Ob man genug oder zu viel gegessen hat, könne man sicher nur an einem Parameter ablesen: am Trend des Körpergewichts. "Das ist wie mit dem Klimawandel", sagt Joost. "Den können Sie auch nicht an der Tagestemperatur ablesen, sondern nur an langfristigen Daten wie dem Rückzug der Gletscher." Sein Tipp: Wer abnehmen will, sollte vor allem nicht-sättigende Lebensmittel meiden, dafür auf Sättigendes wie ballaststoff- und proteinreiche Ernährung setzen und in regelmäßigen Abständen sein Gewicht kontrollieren.

Also doch lieber eine Spezial-Diät statt Kalorienzählen? Eindeutig ist diese Frage von der Ernährungsforschung offenbar nicht zu beantworten. Zweifellos stimmt: Wer abnehmen will, muss seine Gesamtkalorienzahl senken. Aber ebenso richtig ist, dass das Sättigungsgefühl eine Rolle spielt - und manche Nahrungsmittel dieses eben eher befriedigen als andere, so dass einem die Kalorieneinschränkung leichter fällt.

"Die Studienlage ist nicht eindeutig", sagt Dr. Nicolai Worm, Ökotrophologe aus München und Erfinder der sogenannten Logi-Diät, die auf eine eiweißreiche Ernährung setzt. Ernährungsexperten wie Worm, die kohlenhydratarme Kost für Menschen mit Übergewicht und Insulinresistenz empfehlen, stimmen den neuen Leitlinien der Fachgesellschaften nur bedingt zu. So sei auf neuere Meta-Studien, die zeigen, dass fett-eiweiß-betonte Diäten in Bezug auf Gewichtsverlust gute Erfolge zeigen, kein Bezug genommen worden. Ein Versäumnis, das Worm den Machern der Leitlinie anlastet: "Die Leitlinie ist wohl ernährungspolitisch gefärbt. Sie spiegelt nicht wider, was die aktuelle Datenlage hergibt." Worm ist sich sicher: Zumindest bei Diäten unter "Ad-libitum-Bedingungen" - also solchen Programmen, bei denen man zwar auf bestimmte Nährstoffklassen achtet, dafür aber ohne Kalorien-Limit essen darf, bis man keinen Hunger mehr verspürt - hätten die kohlenhydratarmen Diäten die Nase vorn. "Sie führen nachweislich zu einer höheren Gewichtsreduktion", glaubt der Experte. Vor allem für Patienten mit Insulinresistenz sei diese Kost hilfreich.

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Verantwortlich dafür ist den Verfechtern der Low-Carb-Philosophie zufolge die Blutzucker- und Insulinwirkung der Kost. Kennzahl dafür ist der sogenannte glykämische Index (GI), der für Kohlenhydrate in Verbindung mit eiweißreichen Nahrungsmitteln niedriger ist als etwa bei zuckrigen Süßigkeiten und Pommes. Speisen, die vorwiegend Kohlenhydrate mit einem hohen GI enthalten, lassen den Blutzuckerwert rasant ansteigen, woraufhin der Körper genauso schnell hohe Mengen an Insulin ausschüttet. Das signalisiert dem Gehirn zwar zunächst Sättigung, sorgt aber dafür, dass der Zucker rasch in der Leber zwischengespeichert wird. Die Folge: Der Blutzuckerwert fällt wieder ab - der Hunger kehrt rasch zurück.

Dass die Ernährungs-Fachgesellschaften nun Adipositas-Patienten nicht offensiv zu kohlenhydratarmen Spezialdiäten raten, muss indes nicht davon motiviert sein, den Erfindern dieser - oft markenrechtlich geschützten - Abnehm-Programmen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch wenn DAG-Sprecherin Stefanie Gerlach sagt: "Mit solchen Diät-Angeboten haben viele Leute viel Geld gemacht." Die Empfehlung ist vielmehr auch einer psychologischen Erkenntnis geschuldet. Menschen, das zeigen Untersuchungen, können ihr oft jahrzehntelang eingespieltes Ernährungsverhalten nur sehr schwer umstellen. "Es ist sehr schwierig, sein bevorzugtes Nahrungsmuster dauerhaft zu ändern", sagt Hans-Georg Joost. "Der Grund dafür, dass fast alle Diätversuche langfristig scheitern." Früher habe man Adipositas-Betroffenen oft eine fettarme Ernährung verordnet. Heute könne man das nicht mehr empfehlen, weil es bislang keinem Probanden in einer Studie gelungen sei, den Fettanteil seiner Nahrung dauerhaft zu reduzieren: "Der Mensch kehrt nach einiger Zeit zu seinem alten Essmuster zurück."

Vielleicht könnte die Abkehr der Medizin von komplizierten Regeln, wie sich eine Reduktionskost zusammensetzen sollte, auch allgemein ein Schritt zu einem entspannteren Umgang mit unserer Ernährung sein. "Immer häufiger wird Essen als Bedrohung für unsere Gesundheit wahrgenommen", bemerkte der Kulinarik-Experte Jakob Strobel y Serra in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Allein durch Verzicht und Selektion, so die Suggestion der Heilsversprecher, können wir unsere Haut noch retten."

Wenn nun sogar Adipositas-Patienten mit ärztlicher Erlaubnis wieder - ausgewogen, abwechslungsreich und in Maßen - zu allem greifen dürfen, was ihnen schmeckt, warum sollten das alle anderen nicht auch tun?