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Frauen und Schlaf„Wer versteht, dass die schlaflosen Nächte hormonell bedingt sind, hört auf, sich dafür verantwortlich zu fühlen“

7 min
Medizintalk „Frauen und Schlaf“ mit Suzann Kirschner-Brouns (r) und Moderatorin Claudia Lehnen

Medizintalk „Frauen und Schlaf“ mit Suzann Kirschner-Brouns im Kölner Domforum. Schlafentzug auf Dauer ist laut Kirschner-Brouns gefährlich: „Wer so kurz schläft, lebt auch kurz.“

Mit Mitte 40 hatte Suzann Kirschner-Brouns über Monate keine einzige erholsame Nacht. Auch aus dieser Erfahrung entstand ihr Buch über Frauen und Schlaf. Die wichtigsten Erkenntnisse der Ärztin.

Frauen schlafen schlechter als Männer. Das ist keine Frage der Einbildung, sondern der Biologie, der Medizin – und der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Ärztin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Suzann Kirschner-Brouns hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben. Die wichtigsten Antworten.

Schlafen Frauen wirklich schlechter?

Ja – und das ist wissenschaftlich gut belegt. Frauen brauchen laut Kirschner-Brouns rund 20 Minuten mehr Schlaf pro Nacht, um genauso ausgeruht zu sein wie Männer. Trotzdem schlafen sie schlechter: Sie wachen nachts häufiger auf, ihr Tiefschlaf ist weniger effektiv, und sie leiden häufiger an handfesten Schlafstörungen wie Insomnie. Die Schlafforschung spricht inzwischen vom Gender Sleep Gap – eine Lücke, die ähnlich strukturell bedingt ist wie der bekannte Gender Pay Gap.

Woran liegt das?

Zunächst an der Hormonbiologie. Kirschner-Brouns beschreibt Progesteron als das „Chill-Hormon": Es dockt an denselben Nervenrezeptoren an wie Benzodiazepine, also Valium, und sorgt für innere Gelassenheit und emotionale Ausgeglichenheit. „Hohe Progesteronspiegel wirken damit doppelt positiv auf den Schlaf – indirekt über die Stimmung, direkt über das Schlafzentrum im Gehirn“, so Kirschner-Brouns.

Das Problem: Im Laufe des weiblichen Lebens schwankt der Spiegel von Progesteron und Östrogen erheblich. Kurz vor der Menstruation fallen beide Hormone ab – Frauen brauchen dann im Schnitt 15 Minuten länger zum Einschlafen und schlafen während der Blutung 30 Minuten weniger pro Nacht. In der Perimenopause sinkt der Progesteronspiegel dauerhaft. „Mindestens 60 Prozent aller menopausalen Frauen schlafen deshalb schlecht“, sagt Kirschner-Brouns. Oft sind es ausgerechnet die Schlafstörungen, die als erstes Symptom auf diese Lebensphase hinweisen – noch bevor Hitzewallungen einsetzen.

Ab wann beginnen die Wechseljahre den Schlaf zu stören?

Früher als die meisten Frauen ahnen. „Schlafstörungen treten nicht erst ab 50 auf, sondern oft schon ab Anfang oder Mitte 40", sagt Kirschner-Brouns. „Viele Frauen reagieren entsetzt, wenn man sie schon so früh auf die Wechseljahre anspricht und weisen das von sich, laborieren dann aber frustriert an anderen Stellschrauben herum, ohne den eigentlichen Zusammenhang zu kennen.“ Dabei wirke das Wissen allein entlastend: „Wer versteht, dass die schlaflosen Nächte hormonell bedingt sind, hört auf, sich dafür verantwortlich zu fühlen.“

Wie gefährlich ist Schlafentzug?

Gefährlicher als viele denken. Der Schlafforscher Ingo Fietze vom Schlafmedizinischen Zentrum der Berliner Charité formuliert es präzise: Man kann nicht zu viel schlafen, man kann nur zu lange im Bett liegen bleiben. Umgekehrt aber kann dauerhafter Schlafentzug tödlich enden. Der Weltrekord im Schlafentzug – elf Tage, aufgestellt 1964 von einem 17-jährigen amerikanischen Schüler – steht bis heute im Guinness-Buch der Rekorde. Kirschner-Brouns beschreibt, was in dieser Zeit mit dem Jugendlichen geschah: „Halluzinationen, schwerste Konzentrationsstörungen, ein Körper am absoluten Limit. Weil er so jung war, erholte er sich zunächst. Doch die Langzeitfolgen blieben: Der junge Mann litt jahrelang unter schweren Schlafstörungen. Das Guinness-Buch hat seither keine gesundheitsgefährdenden Rekorde dieser Art mehr zugelassen.“

Zwei oder drei schlaflose Nächte steckten die meisten Menschen weg – manchmal pushten sie sogar, weil Schlafentzug nach einem glücklichen Ereignis Serotonin freisetze. Mehr sollten es aber nicht sein. „Wer so kurz schläft, lebt auch kurz", heißt es bei den Schlafmedizinern. Die magische Grenze sind sieben Stunden pro Nacht. Wer dauerhaft auf vier oder fünf Stunden kommt – und sich dabei noch für besonders leistungsfähig hält – täuscht sich. Der Körper zahlt die Rechnung, nur eben verzögert.

Eine medizinisch kontrollierte Ausnahme gibt es laut Kirschner-Brouns: „Gezielter Schlafentzug gilt als anerkannte Therapiemethode bei schweren Depressionen. Die sogenannte Wachtherapie wird eingesetzt, um den Wirkeintritt von Antidepressiva zu überbrücken, der oft erst nach mehreren Wochen einsetzt.“

Medizintalk „Frauen und Schlaf“ im Kölner Domforum

Suzann Kirschner-Brouns beantwortete auch Fragen aus dem Publikum und las Passagen aus ihrem neuen Buch „Frauen und Schlaf“ vor.

Gibt es auch schlaffreundliche Phasen im weiblichen Zyklus?

Ja – rund um den Eisprung. Wenn Östrogen seinen Monatshöhepunkt erreicht und danach Progesteron ansteigt, schlafen viele Frauen laut Kirschner-Brouns besonders gut. „Wer seinen Zyklus kennt, kann lernen, diesen Rhythmus zu nutzen: anspruchsvollere Aufgaben und lange Arbeitstage in die produktiven Phasen legen – und sich in den schlafärmeren Tagen mehr Erholung gönnen, ohne schlechtes Gewissen.“

Werden Schlafstörungen bei Frauen ausreichend diagnostiziert?

Nein. Schlafapnoe, Restless-Legs-Syndrom, Insomnie – all diese Erkrankungen sind bei Frauen dramatisch unterdiagnostiziert. Das liegt Kirschner-Brouns zu Folge an zwei Faktoren: „Frauen neigen dazu, Symptome auszuhalten und nicht zu benennen. Und die Medizin hat Frauen lange systematisch von Studien ausgeschlossen.“ Das geschah bis in die 1990er Jahre – sie galten als hormonell zu komplex. Doppelstudien, die geschlechtsspezifische Unterschiede erfasst hätten, wären zudem natürlich teurer gewesen.

Die Folgen reichen weit: „Autoimmunerkrankungen betreffen zu 80 bis 90 Prozent Frauen – lange wurde das nicht erkannt. ADHS galt als Jungenerkrankung. Bei Endometriose vergehen heute noch fast zehn Jahre, bis die Diagnose gestellt wird.“ Kirschner-Brouns setzt auf die Gendermedizin: „Nicht um zu werten, wer besser oder schlechter ist, sondern um zu klären, was medizinisch anders ist – und welche Therapien, Diagnostiken und Dosierungen Frauen wirklich brauchen.“

Hat schlechter Schlaf bei Frauen auch gesellschaftliche Ursachen?

Eindeutig. Frauen leisten in Deutschland durchschnittlich neun Stunden Sorge- und Hausarbeit pro Woche mehr als Männer – auch wenn beide voll berufstätig sind, sagt Kirschner-Brouns: „Neun Stunden, das ist ein ganzer Arbeitstag.“ Wer mehr Stress trägt, schläft schlechter. Nach der Geburt eines Kindes schlafen Mütter im Schnitt eine Stunde weniger pro Nacht, Väter 15 Minuten. Sechs Jahre später hat sich dieser Abstand nicht aufgelöst: Frauen schlafen noch immer 20 Minuten weniger, Männer bleiben bei ihren 15 Minuten.

Dazu kommt, was Kirschner-Brouns den Hang zum Perfektionismus nennt – ein Quälgeist im Kopf, der nachts weiterarbeitet, wenn längst Schlaf angesagt wäre. „Man geht mit ihm ins Bett, lässt ihn durch die Träume wandern, steht mit ihm auf." Auch relevant ist das Phänomen, das der Psychotherapeut Paul Watzlawick als selbsterfüllende Prophezeiung beschrieben hat: „Wer erwartet, schlecht zu schlafen, tut es auch. Wer guten Schlaf erwartet, verbessert schon damit seine Chancen.“

„Frauen und Schlaf“

„Frauen und Schlaf“ von Dr. Suzann Kirschner-Brouns. Erschienen bei Dumont.

Spielt auch das Gefühl von Sicherheit eine Rolle?

Kirschner-Brouns stellt eine weitreichende These auf: Schlaf sei ein Akt des Vertrauens. Im Tiefschlaf ist der Mensch schutzlos – sich wirklich fallen lassen zu können, setze Geborgenheit voraus. „Die Epigenetik zeigt, dass sich Gewalterfahrungen über Generationen ins Erbgut einschreiben können. Die Universität Zürich hat nachgewiesen, dass das über drei bis vier Generationen geschieht. Frauen tragen die Erfahrungen ihrer Mütter, Großmütter, Urgroßmütter in sich.“ Aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen: Partnerschaftsgewalt stieg zuletzt um 10,9 Prozent, Vergewaltigungen um 9 Prozent, politisch motivierte Gewalt gegen Frauen um 73 Prozent. Eine direkte Kausalität lässt sich noch nicht beweisen – die Studien fehlen. Aber Kirschner-Brouns möchte den Zusammenhang nicht unausgesprochen lassen: „Wenn ich zu Hause nicht ins Bett gehen kann mit dem Vertrauen, dass ich sicher bin, dass ich geborgen bin, dann hat das einen großen Einfluss auf den Schlaf."

Was hilft gegen schlechten Schlaf?

Kirschner-Brouns empfiehlt einen mehrgleisigen Ansatz. Wer über Wochen an mindestens drei Nächten pro Woche schlecht schläft, sollte das beim Arzt konkret benennen – „Schlafstörungen sind eine offizielle Diagnose“. Wer seinen Zyklus kennt, sollte schlafärmere Phasen einplanen und sich mehr Erholung zugestehen.

Für den Alltag gelte: „Guter Schlaf beginnt am Tag.“ Das bedeute auch: Mindestens zwei Stunden vor dem Zubettgehen keinen intensiven Sport, keinen Zucker und damit auch keinen Alkohol, keinen Fernseher – das Licht unterdrücke die Melatonin-Ausschüttung. Abendliche Rituale, die helfen könnten: ein paar Seiten lesen, warme Milch mit Honig – kein Mythos, denn Milch enthält Tryptophan, eine Vorstufe des Schlafhormons. Melatonin-Präparate können sinnvoll sein, sollten aber besser mit dem Arzt abgestimmt werden. Sehr niedrig dosierte Präparate aus dem Drogeriemarkt könne man auch auf eigene Faust ausprobieren.

Und schließlich: den Druck rausnehmen. „Schlaf braucht Vertrauen", sagt Kirschner-Brouns. „Der Körper weiß, wie es geht." Wer schon vieles ausprobiert hat, dem hilft vielleicht ein etwas ungewöhnlicher, aber in gewisser Weise auch naheliegender Tipp: „Gehen Sie zelten! Schon drei Nächte Draußenschlafen können uns wieder in Einklang mit dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus bringen. Die frische Luft und im besten Fall noch die Bewegung tagsüber machen die meisten fast automatisch sehr müde.“