Gruppentherapie hat einen schlechten Ruf. Experten erklären, warum sie oft wirksamer ist als eine Einzeltherapie.
Therapie mit FremdenWas eine Gruppentherapie bringt und für wen sie passt

Soziale Dynamiken entstehen oft automatisch. Deshalb kann die Psychotherapie in der Gruppe auch Herausforderungen mit sich bringen.
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Obwohl Bedenken weit verbreitet sind, betonen Fachleute: Therapiesitzungen in der Gruppe übertreffen oft die Wirkung von Einzelgesprächen. Welche Chancen und Herausforderungen gibt es?
Ist die Zusammensetzung der Gruppe unpassend? Bin ich vielleicht zu introvertiert oder werden mich die Sorgen der anderen zusätzlich belasten? Bei zahlreichen Personen ruft die Vorstellung einer therapeutischen Arbeit in der Gruppe Bedenken hervor. „Viele Patienten sind auf den ersten Blick sehr skeptisch und denken: Ich kann doch mit meinen Problemen nicht in eine Gruppe gehen, das ist viel zu belastend“, äußert Bernhard Strauß, der als Seniorprofessor am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie des Universitätsklinikums Jena tätig ist.
Diese Zurückhaltung lässt sich statistisch belegen. In Deutschland finden ambulante Psychotherapien gemäß Angaben der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) zu 97 Prozent als Einzelbehandlung statt. Gleichzeitig ist die Effektivität von Therapien in der Gruppe wissenschaftlich nachgewiesen. Wie Metaanalysen belegen, weicht ihre durchschnittliche Wirksamkeit nicht von jener der Einzeltherapie ab.
Der Ablauf einer Therapie in der Gruppe
Die wesentliche Differenz besteht in der Konstellation: Anstelle eines Zwiegesprächs erfolgt die Arbeit zusammen mit einer Mehrzahl von Patientinnen und Patienten. Nach Aussage von Strauß sind sämtliche etablierten Methoden – von der Verhaltenstherapie bis hin zu psychodynamischen Konzepten – ebenfalls als Gruppenangebot verfügbar. Man differenziert im Allgemeinen zwischen strukturierten und offenen Formaten. Erstere folgen, beispielsweise bei Angststörungen, häufig einem vordefinierten Plan, wohingegen bei offenen Formaten die Gesprächsinhalte aus dem Austausch der Mitglieder entstehen. Zusätzliche Einzelgespräche werden bei Notwendigkeit arrangiert.
Potenziale: Spiegelung und soziales Training
Eine Therapie in der Gruppe birgt mehr Möglichkeiten, als es anfangs den Anschein hat. „Ganz platt gesagt: Man lernt nicht nur von den Therapeuten, sondern man tauscht sich mit vielen anderen aus“, betont Bernhard Strauß. Die bloße Erkenntnis, mit der eigenen Schwierigkeit nicht isoliert dazustehen, hat häufig eine erleichternde Wirkung. Michael Ruh, psychologischer Psychotherapeut sowie stellvertretender Bundesvorsitzender der DPtV, fügt hinzu, dass die Konstellation in der Gruppe abwechslungsreicher ist und somit ein größeres Potenzial für Anregungen bereithält.
Der Horizont der Gedanken wird durch die Gruppe erweitert: Man gewinnt neue Sichtweisen auf persönliche Schwierigkeiten und beobachtet, wie andere mit ihren Hürden umgehen. Das Feedback von othern Teilnehmenden sowie die Gelegenheit, selbst Rückmeldung zu geben, fördern die sozialen Kompetenzen. „Auf allen drei Ebenen – Fühlen, Denken und Verhalten – bietet die Gruppe deutlich mehr Entwicklungsräume als die Einzeltherapie“, so Ruh. Weil psychische Leiden häufig auf negativen Erfahrungen in Beziehungen basieren, stellt die Gruppe laut Strauß einen optimalen Kontext dar, um solche Muster zu begreifen und zu bearbeiten.
Grenzen der Gruppentherapie und mögliche Hürden
Allerdings kann eine Therapie in der Gruppe sich ebenfalls als anspruchsvoll erweisen. Es entstehen soziale Eigendynamiken, in denen manche Mitglieder eine führende Rolle einnehmen, während andere zurücktreten. „In Gruppen kommt es automatisch früher oder später auch zu Konflikten“, so Strauß. Derartige Reibungen können eine Belastung darstellen, selbst wenn die Leitung der Gruppe ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Ferner ist die persönliche Haltung ausschlaggebend: Wer die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme nicht mitbringt, zieht unter Umständen nur einen geringen Nutzen daraus.
Im Prinzip muss jedoch fast niemand von vornherein ausgeschlossen sein, sofern die ausgesuchte Variante der Gruppentherapie geeignet ist. Laut Michael Ruh ist diese Behandlungsform bei akuten Krisenzuständen, etwa schweren Depressionen oder Traumatisierungen, in der Regel nicht die richtige Wahl. In solchen Fällen steht zunächst die Stabilisierung in einem Einzelgesprächsrahmen im Vordergrund. Ebenso ist bei deutlich eingegrenzten Problemen, wie unkomplizierten Phobien, eine Einzelbehandlung häufig die zweckmäßigere Option.
Vorübergehende und sogar intensive emotionale Reaktionen sind ein normaler Bestandteil jeder Therapie. „Bei solchen Phasen ist es wichtig, nicht sofort eine Konsequenz daraus zu ziehen, indem man die Therapie abbricht“, rät Strauß. Anstatt dessen sei es ratsam, das Gespräch mit der therapeutischen Fachkraft zu suchen. Anzeichen dafür, dass die Rahmenbedingungen ungeeignet sind, können dagegen ein andauernder Rückzug, Hoffnungslosigkeit oder fortwährender Groll gegenüber der Gruppe sein. Sollten sich diese Empfindungen nicht auflösen lassen, ist es angebracht, über andere Möglichkeiten nachzudenken. (dpa/red)
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