Kölner Kardiologe zu Herztod„Wir haben maximal drei Minuten, bis das Gehirn Schaden nimmt“

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Porträt Dr. Frank Eberhardt, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk

Dr. Frank Eberhardt ist Kardiologe und Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Köln-Kalk.

Pumpt das Herz kein Blut mehr in den Kreislauf, geht plötzlich alles sehr schnell. Der Kölner Kardiologe Frank Eberhardt erklärt den Herztod.

Herr Eberhardt, ungefähr 65.000 Menschen jährlich erleiden einen plötzlichen Herztod. Was passiert in dem Moment im Körper?

Dr. Frank Eberhardt: Wie der Name schon sagt, bedeutet plötzlicher Herztod, dass das Herz auf einmal nicht mehr pumpt, es gelangt also kein neues Blut in den Kreislauf. Nach zehn bis 15 Sekunden wird man bewusstlos. Und dann ist man im Grunde genommen tot. Die eigentliche Gefahr an dem Kreislaufstillstand ist, dass die Organe nicht mehr durchblutet werden. Unser empfindlichstes Organ, das Gehirn, nimmt schon nach zwei bis drei Minuten Schaden. Man muss also schnell sein.

Wie plötzlich tritt dieser Herztod denn ein? Gibt es keine Signale, die ihn ankündigen?

Das hängt ein bisschen davon ab, was die Ursache ist. Wenn es ein Herzinfarkt ist, was übrigens die häufigste Ursache ist, dann hat man vorher Warnsymptome: Druck auf der Brust, Beklemmungsgefühle, man bekommt schlecht Luft. Dann sollte man rasch den Notarzt rufen. Bei einem Herzinfarkt wird ein Kranzgefäß durch ein Blutgerinnsel verschlossen, dadurch wird ein Teil des Herzens nicht mehr durchblutet und stirbt ab. So ein akuter Herzinfarkt kann in seltenen Fällen zu einem Kammerflimmern führen, das bedeutet, dass sich das Herz nicht mehr regelmäßig zusammenzieht und kein Blut mehr auswirft. Dann sprechen wir von einem plötzlichen Herztod.

Was sind denn – neben dem Herzinfarkt – andere Ursachen für einen plötzlichen Herztod?

Menschen, die chronisch herzkrank sind, vor allem jene, deren Pumpleistung eingeschränkt ist, neigen zu bösartigen Rhythmusstörungen. Sie können auch dieses Kammerflimmern bekommen und plötzlich tot umfallen. Eine weitere Ursache können Herzmuskelerkrankungen, sogenannte Kardiomyopathien, oder Herzmuskelentzündungen sein.

Kann man präventiv etwas machen?

Durch eine gesunde Lebensweise kann man versuchen, sich vor einem Herzinfarkt zu schützen: Sport treiben, gesund essen, nicht rauchen, auf das Gewicht achten. Außerdem sollte man seine Bluthochdruck- und Cholesterinwerte regelmäßig überprüfen und gegebenenfalls Medikamente einnehmen. Dann können sich möglichst wenige Ablagerungen an den Herzkranzgefäßen bilden.

Wie gehe ich bei der Reanimation denn vor?

Folgenden Dreiklang sollte man sich merken: Prüfen, rufen, drücken. Als Erstes prüfe ich, ob der Patient reagiert: Ich spreche ihn laut an, kneife ihn kräftig oder ohrfeige ihn – wenn er sich nicht rührt, sollte man sofort Hilfe rufen. Das ist Schritt zwei und der ist sehr wichtig. Wenn jemand in der Nähe ist, sollte er oder sie die 112 anrufen, ist man alleine, ruft man selbst an und kehrt direkt danach wieder zum Patienten zurück. Dann sollte man schauen, ob der Patient noch atmet: Hebt und senkt der Brustkorb sich? Man kann auch einen Finger unter die Nase halten. Atmet er nicht, folgt der dritte Teil des Dreiklangs: Herzmassage, also Drücken.

Aber es kann ja auch passieren, dass jemand einfach ohnmächtig wird – da haben einige Menschen sicherlich eine Hemmung, direkt mit einer Herzmassage anzufangen…

Klar, das kann auch passieren. In der Regel bekommt man dann aber schnell das Bewusstsein wieder. Spätestens dann, wenn man laut angesprochen oder ins Gesicht geschlagen wird. Was mir ganz wichtig ist: In so einer Situation kann man durch Handeln nichts falsch machen. Man kann nur durch Nichtstun etwas falsch machen. Denn wir haben ja nur diese zwei bis drei Minuten Zeit, bis das Gehirn Schaden nimmt.

Okay, also schnelles Handeln. Aber trotzdem gibt es ja bestimmt ein paar Dinge, die man bei der Reanimation beachten sollte. Ich hab zum Beispiel gelernt, dass man abwechselnd drücken und beatmen soll.

Ja, das wurde früher gelehrt, die Regelung hat sich aber zum Glück 2019 geändert. Es reicht, kontinuierlich zu drücken. Denn durch diese passive Bewegung des Brustkorbs gelangt genug neuer Sauerstoff ins Blut. Und das Wichtigste ist sowieso, dass der Kreislauf aufrechterhalten wird, damit das Blut weiter zirkuliert.

Und wo genau drückt man?

Von der Spitze des Brustbeins aus zwei Querfinger nach oben. Aber ich will es nicht kompliziert machen: in der Mitte des Brustbeins. Man drückt mit dem Handballen und mit durchgestreckten Armen, damit man sein komplettes Körpergewicht nutzen kann. Denn so eine Reanimation ist extrem anstrengend. Nach fünf Minuten sind Sie schweißgebadet. Deswegen ist es auch so wichtig, direkt Hilfe zu rufen. Und dann drückt man mindestens 100 Mal pro Minute. Das ist übrigens auch der Takt von „Staying Alive“ von den Bee Gees. Man muss keine Sorge haben, dass man den Patienten verletzt. Selbst, wenn eine Rippe bricht – das können wir im Krankenhaus richten. Wichtig ist: Drücken und den Kreislauf aufrechterhalten. Auch eine nicht optimal durchgeführte Reanimation ist zehnmal besser als keine Reanimation.

Gut, gehen wir einen Schritt weiter: Der Rettungswagen ist da. Was passiert jetzt?

Die Rettungssanitäter reanimieren den Patienten weiter und defibrillieren ihn im Zweifelsfall. Der Rettungsdienst versucht direkt herauszufinden, was die Ursache für den plötzlichen Herztod ist und informiert das Krankenhaus. Wird ein Herzinfarkt angenommen, schreiben die Sanitäter ein EKG, sobald der Patient wieder einen normalen Herzrhythmus hat. Und dann geht es so schnell wie möglich ins Herzkatheterlabor. Dort wird mit Hilfe von Kontrastmittel und Röntgenstrahlung untersucht, wo der Herzinfarkt genau ist und dort dann ein Stent eingesetzt – das ist eine Metallhülse, die das Gefäß offen hält. Und dann geht es auf die Intensivstation zur weiteren Behandlung.

Hier im Evangelischen Krankenhaus in Kalk sind Sie spezialisiert auf reanimierte Patienten. Was machen Sie anders als andere Krankenhäuser?

Genau, seit 2021 sind wir als „Cardiac Arrest Center“ zertifiziert. Zwei Jahre lang haben wir unsere Prozesse und Strukturen optimiert, um reanimierte Patienten optimal behandeln zu können.

Sie haben einfach nur Strukturen verändert?

Ja, das klingt banal. Wir sind ja sehr technikgläubig und wollen immer eine Wunderwaffe. Natürlich haben wir auch alle technischen Geräte, um Patienten gut behandeln zu können. Aber viel wichtiger ist, dass wir Patienten sehr schnell und individuell behandeln können. Wir haben alle Prozesse hier im Haus rigoros überprüft – und festgestellt, dass da noch viel Luft nach oben ist. Dann haben wir Handlungsanweisungen für jedes Krankheitsbild schriftlich formuliert, wir schulen alle Mitarbeiter aus dem Bereich regelmäßig, treffen uns, um Fälle nachzubesprechen, haben die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen optimiert und führen eine Qualitätssicherung durch. Neben der Uniklinik sind wir das einzige Krankenhaus in Köln, das diese Zertifizierung hat.

Und mit welchem Erfolg?

Seit wir „Cardiac Arrest Center“ sind, konnten wir 30 Prozent unserer Patienten in ein selbstbestimmtes Leben entlassen. Das klingt wenig, ist aber ein super Wert, wenn Sie bedenken, dass von den 65.000 Menschen, die einen plötzlichen Herztod erleiden, nur gut 10 Prozent überhaupt überleben. Die meisten versterben, bevor überhaupt ein ärztlicher Kontakt stattfindet oder noch am Einsatzort.

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