Der Kölner Onkologe Michael Hallek spricht im Interview über die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Melanome und ordnet ein, wie die Studie von Merck und Moderna zu bewerten ist.
Forschungserfolg bei schwarzem Hautkrebs„Das Ergebnis macht Hoffnung“

Ist einer der weltweit führenden Krebsforscher: der Kölner Onkologe Michael Hallek
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Herr Hallek, es heißt, Moderna und Merck sei ein Durchbruch bei der Bekämpfung von Hautkrebs gelungen. Würden Sie das unterschreiben?
Durchbruch ist immer ein sehr großes Wort. Da muss man vorsichtig sein, zumal die Zahlen aus einer Firmenpublikation stammen. Merck und Moderna sind börsennotierte Unternehmen. Wenn sie positive Studienergebnisse veröffentlichen, muss man sich bewusst sein, dass die auch geschönt sein können. Dennoch: Was hier gezeigt wurde, ist bedeutungsvoll. Es ist das erste Mal, dass die Behandlung von Hautkrebs mit einer mRNA-Vakzine einen großen Unterschied zeigt.
Wie sieht dieser Unterschied aus?
Es handelt sich um eine große Phase-III-Studie, also die letzte Studienphase, in der man beweisen kann, dass eine medizinische Behandlung funktioniert. Hier zeigte sich eine Reduktion des Rückfallrisikos um 49 Prozent und eine Reduktion des Risikos für Fernmetastasen oder Tod um 59 Prozent. Das ist ordentlich und statistisch signifikant. Positiv hervorheben will ich außerdem das Studien-Design. Die Studie ist sauber konzipiert, mit einem wirksamen Kontrollarm. Das Ergebnis macht Hoffnung.
Ähnliche Technologie wie bei Covid-Impfstoffen
Wie funktioniert diese Therapie?
Eine individualisierte Vakzine auf mRNA-Basis, technologisch ähnlich den Covid-Impfstoffen, wird mit einem Checkpoint-Inhibitor – einer Art Immunbremsenlöser, der bereits zur Behandlung des Melanoms verwendet wird – kombiniert. Die Vakzine deckt bis zu 34 Antigene ab, die beim Melanom auftauchen. Man untersucht den Patienten, macht eine Gensequenzierung des Tumors und wählt dann die Antigene aus, die zu diesem Patienten passen – von den 34 also meinetwegen die acht oder zehn richtigen. So wird individualisiert geimpft, und der Checkpoint-Inhibitor unterstützt diesen Therapieeffekt.
Warum ist diese Auswahl so entscheidend?
Weil man sonst eine Autoimmunerkrankung auslösen würde. Wenn man gegen Eiweiße immunisiert, die auch in normalen Zellen vorkommen, greift das Immunsystem gesundes Gewebe an. Wichtig ist also, die wenigen Antigene zu finden, die für den Tumor spezifisch sind und eine Immunantwort erlauben, die nur den Tumor attackiert. Diese nennt man Neoantigene, oder Krebsantigene.
Hallek: Das Verfahren hat oft keine starken Nebenwirkungen
Was bedeutet das Ergebnis für Patientinnen und Patienten nach einer Operation: Heilung oder Zeitgewinn?
Zur Einordnung: Der schwarze Hautkrebs gehört zu den Tumoren, bei denen wir in den vergangenen Jahren einen sehr großen medizinischen Fortschritt erlebt haben, weil Immuntherapien besonders gut wirken. Heute stirbt man daran viel seltener als früher an diesem Krebs. In der Studie geht es um Patienten, bei denen das Melanom operativ entfernt und dann genetisch untersucht wurde – in den Stadien zwei bis vier. Diese Patienten haben früher häufig Rückfälle erlitten und sind daran gestorben. Jetzt wurde gezeigt, dass die Kombination aus mRNA-Impfung und Checkpoint-Inhibitor das Rückfallrisiko und auch das Risiko, daran zu sterben, deutlich reduziert. Das ist eine bedeutende Verbesserung.
Man muss hinterfragen, ob das gebräunte Körperideal noch zeitgemäß ist.
Für wen kommt die Therapie nicht infrage?
Sie gilt nur für das Melanom, den schwarzen Hautkrebs. Für andere Hautkrebsarten wie Basaliome oder Spinaliome ist eine Wirksamkeit bisher nicht gezeigt. Und der Tumor muss operabel sein, damit man Gewebe gewinnen kann. Das klingt banal, aber in seltenen Fällen kommt man an den Tumor nicht heran oder eine Operation ist aus anderen Gründen nicht möglich. Eine Einschränkung sind auch aktive Autoimmunerkrankungen. Patienten mit solchen Erkrankungen, beispielsweise einer schweren rheumatoiden Arthritis, sollten nicht mit einer solchen Therapie behandelt werden. Ansonsten gibt es nur wenige Ausschlusskriterien – schwere aktive Infektionen etwa oder eine aktive Hepatitis, aber das gilt auch für andere Tumortherapien. Das ist ein weiterer Vorteil dieses Verfahrens: Es hat oft keine starken Nebenwirkungen.
Lässt sich das Prinzip auf andere Krebsarten übertragen?
Ja. Beim Melanom funktioniert Immuntherapie besonders gut. Deswegen war es klug, dort anzufangen, aber auch mutig. Es hätte ja sein können, dass die zusätzliche Therapie mit der mRNA-Vakzine nichts bringt. Es wirkt aber durchaus. Dieselbe Kombination wird jetzt bei einer breiten Gruppe anderer Krebsarten getestet: Lungenkrebs, Blasenkrebs, Nierenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Magenkrebs – also auch solche, die immer noch sehr tödlich sein können. Auf diese Ergebnisse bin ich gespannt. Ich bin aber zuversichtlich, dass dieses Prinzip in den nächsten fünf bis zehn Jahren bei weiteren Krebserkrankungen Fortschritte bringt.
Über 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland
Wann ist mit einer Zulassung in Deutschland zu rechnen, und was wird die Therapie kosten?
Dazu habe ich keine zuverlässigen Informationen. Wahrscheinlich kann das selbst Moderna noch nicht genau sagen. Bekannt ist, dass solche Medikamente in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in der Regel schnell auf dem Markt sind. Der Preis ist am Ende Verhandlungssache und hängt in Deutschland vom nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber dem Vergleichsarm ab – ein aufwendiges Bewertungsverfahren. Eine Checkpoint-Inhibitor-Therapie kostet einige 10.000 Euro pro Jahr. Die Kombination dürfte entsprechend mehr kosten, vermutlich einige 10.000 Euro zusätzlich. Aber seriös beziffern kann ich die Kosten derzeit nicht.
Wie verbreitet ist schwarzer Hautkrebs in Deutschland?
Es ist eine häufig vorkommende Krebsart: über 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland. Das entspricht ungefähr 20 bis 30 Fällen pro 100.000 Menschen. Betroffen sind meist Ältere, die im Leben relativ viel Sonne abbekommen haben. Die relevanten Hautschädigungen passieren oft in der Jugend. Aber Krebs ist eine Alterserkrankung: Die Reparaturmechanismen der Zellen altern über die Jahre, und aus dieser mangelnden Reparatur entsteht schrittweise Krebs.
Wirkt die Aufklärung zum Sonnenschutz inzwischen?
Bei der Vorsorge bin ich pessimistisch. Die Neuerkrankungsrate nimmt in den vergangenen 20 Jahren zu. Im Moment sehen wir einen etwas langsameren Anstieg, aber keinen Rückgang. Das Ideal der Sonnenbräune, der Urlaub in sonnenverwöhnten Ländern, das Solarium – das gibt es immer noch. Ob die jüngere Generation es besser macht, wird man frühestens in 20 Jahren an den Zahlen sehen. Deshalb bleibt der Hinweis wichtig: starke Sonnenexposition meiden und konsequent Sonnencremes mit wirksamem Schutzfaktor verwenden. Und man muss hinterfragen, ob das gebräunte Körperideal noch zeitgemäß ist. Also: Wirksame Prävention von Hautkrebs ist möglich!
Michael Hallek ist einer der weltweit führenden Krebsforscher. 1978 bis 1985 studierte er Medizin in Regensburg, München und Paris. Ab 1995 war er Oberarzt in München, ab 1999 Professor. 2003 nahm er einen Ruf der Kölner Uni an. Zurzeit ist er Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Kölner Uniklinik und des von ihm gegründeten Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Köln, das im CIO Aachen Köln Bonn Düsseldorf (ABCD) zusammengeschlossen ist.
