Fast neun von zehn Kindern im Rheinland bewegen sich nicht genug. Wenn es um die Gesundheit ihrer Kinder geht, sind immer mehr Eltern verunsichert und in Sorge. Der AOK-Kindergesundheitsatlas zeigt, woran das liegen könnte.
KindergesundheitKölner Professor rät: „Eltern müssen nicht bei jedem Fehler in Alarmismus verfallen“

Weniger Bildschirmzeit ist für alle gut.
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Die Anlässe, den Alarm auszulösen, sind vielfältig und zahlreich: Der Halbwüchsige sitzt seit drei Stunden bewegungslos vor einer TikTok-Video-Endlosschleife, außerdem hat man beim Waschen eine Vape in seiner Jackentasche gefunden. Der Neunjährige hat sich gerade sein zweites Duplo einverleibt und schickt sich an, dazu noch eine Limonadenflasche aufzumachen. Die Siebenjährige wütet und heult seit einer halben Stunde, weil sie das mit dem Schuhebinden nicht hinkriegt. Eine Brut voller Mediensucht und Drogen, noch dazu schlecht ernährt und mit ADHS-verdächtig geringer Frustrationstoleranz scheint man da großzuziehen. Da kann man als Eltern schon mal in Panik ausbrechen. Sollte man aber nicht, sagt Professor Jörg Dötsch von der Uniklinik Köln bei der Vorstellung des Kindergesundheits-Atlas der AOK Rheinland/Hamburg. „Eltern müssen nicht bei jedem Fehler in Alarmismus verfallen. Die allermeisten Kinder entwickeln sich gesund. Und wer sich heute zu wenig bewegt hat, der geht morgen eben zwei Stunden raus.“
Dass der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ein paar beruhigende Streicheleinheiten für die besorgten Mütter und Väter verteilt, schuldet sich der Tatsache, dass die in ihrer Sorge zum Teil mittlerweile so überdrehen, dass sie Krankheiten bei ihren Kindern vermuten, die gar nicht diagnostiziert sind. Das legen zumindest die Daten nahe, die die AOK Rheinland/Hamburg am Dienstag vorstellte. 5000 Eltern hat die Krankenkasse befragt und wiederholte damit ihre Datenerhebung von vor zwei Jahren.
Besonders deutlich verändert hat sich seither der Blick der Eltern auf mögliche Erkrankungen. 38 Prozent vermuten mindestens eine Krankheit bei ihrem Kind, 2024 waren nur 31 Prozent dieser Meinung. Damit liegt der Anteil derer, die sich ängstigen, deutlich über dem derer, die tatsächlich ein diagnostiziert krankes Kind haben (34 Prozent). Auch der Abstand zwischen Befürchtung und Diagnose vergrößert sich. Besonders deutlich wird das am Beispiel von ADHS. In Köln und dem Rhein-Erft-Kreis haben 4,4 Prozent aller Kinder diese Diagnose, während mit 9,9 Prozent mehr als doppelt so viele Eltern davon ausgehen, dass ihr Kind unter dieser Störung leidet. Eine ähnlich hohe Diskrepanz zeigt sich bei der Nahrungsmittelunverträglichkeit, wenn auch nicht in allen Regionen in gleichem Maße. In Bonn, dem Rhein-Sieg-Kreis und Euskirchen gehen 8,2 Prozent der Eltern von einer solchen Empfindlichkeit ihrer Kinder aus, während nur 2,9 Prozent diese tatsächlich vom Arzt diagnostiziert bekamen.

Der Verdacht, es könnte eine ADHS-Erkrankung vorliegen, ist deutlich weiter verbreitet als eine Erkrankung selbst.
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Eltern suchen online – und misstrauen dem Ergebnis
Für die AOK stellt sich angesichts der Zahlen auch die Frage nach der Gesundheitskompetenz der Eltern. Denn genau dort lauert ein Paradoxon. Einerseits verfügen Mütter und Väter heute über mehr Informationsquellen denn je. Schließlich befragen sie neben dem Gesundheitspersonal wie Ärzten, Hebammen oder Pflegenden regelmäßig auch das Internet und die KI. Fast jeder Zweite nutzt Online-Suchportale mindestens einmal im Monat, 41 Prozent greifen bei der Frage nach dem Besorgnispotenzial bestimmter körperlicher Zustände ebenso häufig auf künstliche Intelligenz zurück, ein Drittel auf soziale Medien. Die Gesetze der Sozialen Medien, die von Überspitzung und einem gewissen Erregungspotenzial profitieren, könnten in die elterliche Fürsorge ein Tröpfchen Panik mit einträufeln. Wer über Instagram lauter Geschichten von an ADHS erkrankten Kindern und Erwachsenen hört, ist vielleicht eher geneigt, entsprechende Verhaltensweisen auch bei seinem Nachwuchs aufzuspüren. Fragt man die Eltern allerdings, ob sie diesen Quellen vertrauen, dreht sich die Statistik um. Nur jeder Fünfte glaubt am Ende den Inhalten, die er da zusammengegoogelt oder bei ChatGPT gefunden hat. Kinder- und Fachärzten vor Ort vertrauen dagegen acht von zehn Eltern. Allerdings suchen sie diese natürlich seltener auf, weil das weder der ärztliche noch der familiäre Terminplan hergebe.
Auf diese Diskrepanz könnte sich schließlich die Tatsache gründen, dass immerhin jeder Zweite seine Gesundheitskompetenz als deutlich ausbaufähig beschreibt. „Die Verunsicherung der Eltern steigt“, sagt Sören Schiller von der AOK. So gibt fast die Hälfte der Befragten an, zumindest teilweise Schwierigkeiten zu haben, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen oder zu bewerten. Die Unterschiede sind sozial geprägt: Geringere Gesundheitskompetenz tritt häufiger bei jüngeren Eltern, bei Eltern jüngerer Kinder, bei niedrigem Einkommen und im ländlichen Raum auf.

Professor Jörg Dötsch von der Uniklinik Köln weiß, wie Eltern Gesundheitsinformationen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können: „Glauben Sie nichts, was als Lösung für alle Lebenslagen verkauft wird oder als Information ohne Schwachstellen daherkommt.“
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Dötsch will die Gesundheitskompetenz von Eltern nun wieder aufpäppeln und hat dafür auch Handreichungen parat: „Prüfen Sie immer, ob die vorliegende Information Zusammenhänge schlüssig erklärt. Und glauben Sie nichts, was als Lösung für alle Lebenslagen verkauft wird oder als Information ohne Schwachstellen daherkommt. Gerade die Medizin ist selten so eindimensional.“
Christine Joisten Professorin am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule setzt bei der elterlichen Weiterbildung auf die sogenannte organisationale Gesundheitskompetenz. „Wir dürfen Mütter und Väter nicht alleine lassen, sondern müssen gesundheitliche Inhalte auch in den Kindergärten, Schulen und Betrieben besser verankern.“
Das könnte auch verhindern, dass sich gesundheitliche Belastungen quasi weitervererben und davon abhängen, wie viel Geld die Familie zur Verfügung hat. Bislang ist es nämlich so: Wenn Eltern ihre eigene Gesundheit als sehr gut bewerten, beurteilen sie auch den Gesundheitszustand ihres Kindes besonders häufig als sehr gut: bei 84 Prozent der Kinder. Bei eigener mittelmäßiger oder schlechter Gesundheit tun das nur noch 39 Prozent. Niedriges Einkommen, wenig Wohnfläche und geringere Gesundheitskompetenz stehen ebenfalls mit einer ungünstigeren gesundheitlichen Einschätzung der Kinder in Zusammenhang.
Klar und eindeutig zu schlecht schneiden die Kinder der befragten Eltern beim Thema Bewegung ab. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Heranwachsenden zwischen drei und 17 Jahren täglich mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität. Fast neun von zehn Kindern im Rheinland erreichen dieses Ziel nach Angaben ihrer Eltern nicht. Die gute Nachricht: In der Region zeichnen sich etwas günstigere Werte ab. So ist in Köln und dem Rhein-Erft-Kreis immerhin fast jedes sechste Kind laut WHO-Vorgaben aktiv genug. Der Zusammenhang zu einem gesunden Leben ist eindeutig: Wer sich täglich bewegt, wird von den Eltern häufiger als sehr gesund eingeschätzt, verfügt häufiger über eine hohe gesundheitsbezogene Lebensqualität und hat seltener mehrere psychosomatische Beschwerden.

Die meisten Kinder bewegen sich zu wenig. In Köln schneidet man unter den Sportmuffeln aber immerhin noch vergleichsweise gut ab.
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Die Studie legt auch nahe, wer die Zeit und Lust für den Sport aus dem Leben der von Natur aus bewegungshungrigen Kindern stehlen könnte: Die Bildschirme. Denn intensive soziale Medien- sowie Video- und Computerspielnutzung gingen demnach häufiger mit sehr geringer körperlicher Aktivität einher. Und während die Kinder Trainingszeiten verpassen, überschreiten sie ihre Medienzeit: Bei den sieben- bis 17-Jährigen sitzen mindestens 18 Prozent länger vor sozialen Medien als Pädagogen das für ihr Alter empfehlen. Längere tägliche Nutzung wiederum trete häufiger gemeinsam mit psychosomatischen Beschwerden auf.
Beim Essen zeigen sich ebenfalls belastende Muster. Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen konsumieren täglich mindestens zwei der abgefragten zuckerhaltigen Produkte: Softdrinks mit Zucker, Süßigkeiten oder süße Snacks. Gut ist das freilich nicht: Zucker- oder salzhaltige Lebensmittel werden demnach nämlich häufiger bei Kindern mit schlechterem subjektivem Gesundheitszustand, geringerer Lebensqualität und mehr psychosomatischen Beschwerden berichtet. Joisten plädiert in diesem Zusammenhang für eine Enttabuisierung von Übergewicht. Das könne zumindest verhindern, dass Eltern vor diesem Problem die Augen verschlössen. Nur ein Drittel derer, die ein zu hohes Gewicht beim Nachwuchs vermuten, sucht überhaupt einen Arzt auf. „Eltern fühlen sich häufig schuldig und unterschätzen zugleich aber auch die Auswirkungen dieser chronischen Erkrankung.“

Wer viel zuckerhaltige Snacks zu sich nimmt, klagt häufiger über eine niedrigere Lebensqualität.
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Weniger Sorge und Alarmismus könnte die Kinder am Ende also gesünder machen. Und gar nicht mal so selten wüssten Eltern aus dem Bauch heraus eigentlich selbst, was sowohl den Kindern als auch ihnen guttun würde: Weniger Bildschirm. Joisten fasst das so zusammen: „Zeit miteinander verbringen ohne Googeln und soziale Medien, die nur stressen.“ Stattdessen kochen, spielen, toben. Und mal nachfragen, wie es dem anderen geht.