Die Forschung an MS schreitet rasant voran. Im KStA-Medizintalk erklärt Volker Limmroth, wie realistisch eine Heilung ist und was Betroffene tun können
Medizintalk„Ohne eine Epstein-Barr-Virus-Infektion gibt es keine Multiple Sklerose“

Professor Dr. Volker Limmroth beim ausverkauften Medizintalk im Domforum.
Copyright: Georg Hinz
Was bringt das Immunsystem bei MS gegen den eigenen Körper auf?
Bei der Multiplen Sklerose attackiert das Immunsystem Strukturen im zentralen Nervensystem, also in Gehirn und Rückenmark. Einen einzigen Schuldigen gebe es nicht, sagt Professor Dr. Volker Limmroth, Chefarzt für Neurologie und Intensivmedizin an den Kliniken der Stadt Köln. Vielmehr müssten mehrere Zahnräder ineinandergreifen: genetische Veranlagung, Umweltfaktoren und fehlgeleitete Immunreaktionen. „MS entsteht durch viele verschiedene Mechanismen, die zur gleichen Zeit tatsächlich vorhanden sein müssen, sonst passiert es nicht.“
Gibt ein Mensch die MS an seine Kinder weiter?
„Nein, es ist keine Erkrankung, die direkt vererbt wird“, sagt Limmroth. Weitergegeben werde keine MS, sondern eine bestimmte Bereitschaft des Immunsystems, auf Erreger zu reagieren. Rund 200 Gene seien mit der Erkrankung verknüpft; sie könnten das Risiko beeinflussen, oder auch den Verlauf modulieren. „Sie können sozusagen die Disposition für Autoimmunerkrankungen mitvererben.“ Eine Vorsorgeuntersuchung gesunder Kinder beim Neurologen hält Limmroth deshalb für verfrüht.
Warum fällt in der MS-Forschung ständig der Name Epstein-Barr-Virus?
Die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, gilt als einer der entscheidenden Umweltfaktoren. Das Virus kann Immunzellen offenbar so programmieren, dass sie körpereigene Strukturen mit fremden verwechseln. Limmroth: „Ohne eine Epstein-Barr-Virus-Infektion gibt es keine MS.“
Das bedeute nicht, dass eine EBV-Infektion automatisch zur MS führe. Immerhin sind 80-90 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert. Erst wenn die genetische Anfälligkeit und weitere Bedingungen hinzukämen, könne sich die Autoimmunreaktion hervorrufen. Eine Impfung gegen EBV existiert bislang nicht. Die vielen unterschiedlichen Zielstrukturen des Virus machten die Entwicklung eines Impfstoffs auch „höllisch kompliziert“, sagt Limmroth.
Das bedeute nicht, dass eine EBV-Infektion automatisch zur MS führe. Erst wenn genetische Anfälligkeit und weitere Bedingungen hinzukämen, könne das die Autoimmunreaktion hervorrufen. Eine Impfung gegen EBV existiert bislang nicht. Die vielen unterschiedlichen Zielstrukturen des Virus machten die Entwicklung eines Impfstoffs auch „höllisch kompliziert“, sagt Limmroth.
Was hat sich bei der Diagnose verändert?
Der Blick ins Gehirn gelingt genauer. Moderne Kernspin-Aufnahmen machten typische MS-Veränderungen sichtbar. Dazu gehöre etwa das zentrale Venenzeichen. In bestimmten Fällen gelänge eine frühere Diagnose, auch ohne zwingende Untersuchung des Nervenwassers. Auch in die Zukunft blickt Limmroth: Genetische und proteomische Verfahren könnten künftig Eiweißmuster im Blut – möglicherweise auch im Speichel – auslesen und damit Risiko und Krankheitsaktivität anzeigen. „In fünf Jahren brauchen wir keine Nervenwasserdiagnostik mehr.“
Warum beginnt die Behandlung immer häufiger mit den stärkeren Medikamenten?
Die MS-Therapie habe in den vergangenen Jahrzehnten einen Sprung gemacht. Monoklonale Antikörper greifen gezielt bestimmte Immunzellen an, vor allem B-Zellen. Statt das gesamte Immunsystem niederzudrücken, entferne man möglichst präzise eine krankheitsrelevante Stelle: „Wir schwächen nicht das gesamte Immunsystem, sondern wir nehmen eine Zellsorte heraus, von der wir wissen, dass sie dafür verantwortlich ist.“
Registerdaten mit inzwischen zehntausenden Betroffenen legen laut Limmroth nahe, dass eine frühe, hochwirksame Behandlung langfristig besser schützen kann. Damit gerät das alte Stufenmodell – erst mild beginnen, später steigern – ins Wanken. „Wir sind mitten in einem Paradigmenwechsel“, sagt er. Eine B-Zellen-Therapie von Anfang an könne womöglich verhindern, dass sich später eine schwere Form der MS entwickelt.
Wie lässt sich ein Schub von einem fortschreitenden Verlauf unterscheiden?
Ein Schub komme rasch – innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen – und könne sich unter Kortison wieder zurückbilden. Bei der sekundär progredienten MS nähmen die Beschwerden dagegen schleichend zu, unabhängig von einzelnen Schüben. Eine messerscharfe Grenze gebe es aber nicht. „MS ist keine Schwarz-Weiß-Erkrankung“, sagt Limmroth. Manche Betroffene erlebten in Jahrzehnten nur wenige Schübe, andere gerieten früh in einen schwereren Verlauf.
Kann man ein Medikament nach Jahren ohne neue Schübe absetzen?
Die Frage wird derzeit intensiv untersucht. Wer mindestens fünf Jahre klinisch und im Kernspin stabil sei, könne über ein Ausschleichen nachdenken – aber nur im Einzelfall und ärztlich überwacht. Bei Menschen unter 55 Jahren flammt die Erkrankung nach einem Stopp noch vergleichsweise häufig wieder auf. Ab etwa 60 oder 65 Jahren könne das Risiko deutlich geringer sein.
Was können Menschen mit MS selbst beeinflussen?
Eine gesunde Lebensweise ersetzt keine Immuntherapie, kann aber zusätzliche Belastungen vom Nervensystem fernhalten. Limmroth rät, Blutdruck und Blutzucker konsequent einzustellen, Übergewicht zu vermeiden, nicht zu rauchen und den Salzkonsum zu begrenzen. „Die vaskulären Risikofaktoren muss man bei einer MS noch päpstlicher beachten“, sagt er. Gefäßschäden träfen schließlich ein Nervensystem, das ohnehin belastet sei. Vitamin D wirke als immunologischer Modulator. Maßvolle Sonne sei deshalb sinnvoll. Vor einer pauschalen Sonnenangst warnt Limmroth ausdrücklich: „Die Annahme, jeder Sonnenstrahl sei schlecht, ist echter Quatsch.“ Er empfiehlt eine ausgewogene, mediterran geprägte Ernährung. Omega-3-Fettsäuren könnten die Immunreaktion modulieren, seien aber kein Wundermittel. Das Mikrobiom beeinflusse Entzündungen eher als Verstärker. Radikale Darmreinigungen oder pauschale Stuhltransplantationen seien daraus nicht abzuleiten.
Können Frauen mit MS schwanger werden – und Männer wie Frauen im Beruf bleiben?
Ja. Viele Medikamente seien inzwischen mit Blick auf Schwangerschaft und kindliche Entwicklung besser untersucht. Manche könnten weitergeführt, andere müssten rechtzeitig abgesetzt oder umgestellt werden. „Man kann das heute eigentlich supergut planen“, sagt Limmroth. Auch die Diagnose allein beende keine berufliche Laufbahn. Nur in wenigen Tätigkeiten, bei denen neurologische Ausfälle unmittelbar andere gefährden könnten, seien besondere Einschränkungen zu prüfen.
Wie realistisch ist eine Heilung?
Noch ist MS nicht heilbar. Forschende versuchen, fehlgeleitete B-Zellen gezielt umzuprogrammieren oder mit neuen Verfahren zu beseitigen. Erste CAR-T-Zell-Studien laufen, sind aber klein, aufwendig und teuer. Parallel suchen Arbeitsgruppen nach Wegen, beschädigte Myelinscheiden wiederherzustellen. Die sogenannte Remyelinisierung scheitert bislang daran, dass eine unkontrollierte Zellteilung verhindert werden muss.
Trotzdem klingt Limmroth optimistisch. „Ich glaube, ich werde es noch erleben“, sagt er über eine mögliche Heilung. Bis dahin bleibe der wirksamste Kurs: früh diagnostizieren, die passende Therapie frühzeitig beginnen und jene Risiken reduzieren, die sich im Alltag tatsächlich beeinflussen lassen.