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In Sachen LiebeOma war ein Nazi – sollen wir sie jetzt noch darauf ansprechen?

3 min
Symbolbild Oma Nazi

Einfach ansprechen? Die Rolle der eigenen Eltern oder Großeltern im NS-Regime sind oft ein Tabuthema.

  1. Was gibt es Schöneres und Wichtigeres im Leben als die Liebe? Wie wir sie finden, pflegen und sie uns erhalten; was geschieht, wenn sie vergeht oder wir sie verlieren – darum geht es in unserer PLUS-Kolumne „In Sachen Liebe“.
  2. Im wöchentlichen Wechsel beantworten die Psychotherapeuten Désirée Beumers, Carolina Gerstenberg und Daniel Wagner sowie die Diplom-Psychologinnen Elisabeth Raffauf und Katharina Grünewald Ihre Fragen rund ums Liebesleben, Sex und Kindererziehung.
  3. Diesmal geht es um die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Sollte man seine Eltern oder Großeltern auf ihre Rolle im NS-Regime ansprechen? Und wie geht man dabei am besten vor?

Im Zuge einer privaten Ahnenforschung ist meine ältere Schwester darauf gestoßen, dass unsere Großmutter NSDAP-Mitglied und offenbar begeisterte Hitler-Anhängerin war. Unsere Mutter hat das immer anders berichtet, die Großeltern sowieso. Nun will meine Schwester unsere Mutter damit konfrontieren. Muss das noch sein – mit bald 90?
Martin, 57

Warum betreiben Menschen eigentlich Ahnenforschung? Ich glaube, es ist die ewige Suche nach uns selbst, der Wunsch danach, besser zu verstehen, wer uns zu dem Menschen gemacht hat, der wir heute sind. Diesen Wunsch halte ich für sehr berechtigt und vor allem für ein Bedürfnis, mit dem sich jeder mehr oder weniger identifizieren kann.

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Désirée Beumers ist Psychotherapeutin.

Die Gefahr, die damit einhergeht, ist, dass wir nicht immer nur positive Dinge über unsere Vergangenheit lernen. So wie es Ihrer Schwester ganz offenbar ergangen ist. Idealerweise sollte man sich vorher darüber Gedanken machen, wie man dann mit solch brisanten Informationen umgehen möchte, aber natürlich tritt der Idealfall nicht immer ein. Nun sollte also in Ruhe betrachtet werden, welche Bedürfnisse sich hier gegenüberstehen.

Zwei Bedürfnisse stehen sich gegenüber

Auf der einen Seite sicherlich das Bedürfnis Ihrer Schwester nach Aufklärung und Wahrhaftigkeit. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie sich von Ihrer Mutter und deren Eltern betrogen fühlt. Schließlich ist es auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte, die man ihr vorenthalten hat. Dieses Gefühl ist legitim und gilt zuerst einmal anerkannt zu werden.

Auf der anderen Seite scheint Ihre Mutter aber ganz offensichtlich das Bedürfnis zu haben, die NSDAP-Vergangenheit Ihrer Großmutter zu verleugnen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass Ihre Mutter tatsächlich nichts von der politischen Einstellung ihrer Eltern wusste, wahrscheinlicher erscheint es mir allerdings, dass sie es zumindest geahnt hat, aber (im Nachhinein) nicht wahrhaben wollte. Vielleicht hatte auch Ihre Großmutter selbst nach Ende der Kriegszeit einen Sinneswandel und schämte sich nun für ihre Haltung. Was auch immer die Beweggründe waren – das Bedürfnis der beiden älteren Generationen, dieses Thema ruhen zu lassen, ist offensichtlich.

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Beide Bedürfnisse haben ihre Existenzberechtigung, und niemand wird Ihnen sagen können, welches das Wichtigere ist – das hängt ausschließlich von der Perspektive ab, von der Sie sie betrachten. Auch das Alter Ihrer Mutter ist ein Faktor, der meiner Meinung nach sowohl dafür als auch dagegen spricht, sie mit diesem Thema zu konfrontieren: Ich glaube bei Ihnen die Sorge herauszuhören, dass diese Konfrontation im hohen Alter für Ihre Mutter zu belastend sein könnte. Diesen Gedanken finde ich verständlich.

Andererseits wird es aber aufgrund ihres Alters auch nicht mehr allzu lange die Möglichkeit dazu geben, dieses Thema zu klären. Wenn Ihre Schwester ihre Chance vertut, wird sie das womöglich jahrelang verfolgen. Möglicherweise ist Ihre Mutter ja sogar dankbar, in ihren letzten Jahren noch eine Lebenslüge aufzudecken, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es für sie einfach war, über dieses belastende Thema ihr Leben lang lügen zu müssen. Falls es zu einer Konfrontation kommen sollte, halte ich es für ausschlaggebend, auch empathisch nach dem Grund des Verleugnens zu fragen. Ein Gespräch darüber könnte entlastend für Ihre Mutter sein.

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Sie merken, es gibt vieles, was dafür und doch auch einiges, was dagegen spricht, dieses Thema anzusprechen. Mein Ratschlag an Ihre Schwester ist, gut in sich selbst hineinzuhören, und falls sie sich entscheiden sollte, Ihre Mutter zu konfrontieren, aus einer Haltung des Verstehen-wollens und mit möglichst wenig Vorverurteilung das Gespräch zu suchen.