LINDLAR. Peter Klein hört das Gras zwar nicht wachsen, aber er beobachtet es beinah täglich halmgenau. Kein Unkraut, keine Farbveränderung und keine Unregelmäßigkeit im Wachstum entgehen seinen Augen. Der Mann in dem Parka ist Versuchstechniker für das Feldversuchswesen im Ackerbau und Grünland bei der Dienststelle Rhein-Berg / Oberberg der Landwirtschaftskammer Rheinland.
Auf einem ehemaligen Acker in der oberbergischen Gemeinde Lindlar betreut Peter Klein 3500 Quadratmeter Grünland, das es in sich hat. Auf 136 genau abgegrenzten Parzellen - jede 1,40 mal 9 Meter groß - wachsen hier 17 verschiedene Sorten von Wiesenlieschgras. „Wir untersuchen die Dichte der Grasnarbe, ihre Verunkrautung und Krankheiten am Gras“, erklärt der Versuchsleiter Dr. Frank-Robert Bach. Ziel sei es vor allem, Landwirte bei der Grassorten-Auswahl zu beraten.
Um mögliche Störeinflüsse von der nahen Pferdekoppel und der Landstraße zu vermeiden, umschließen breite Schutzstreifen das Versuchsgelände. Das ist jedoch kein Elfenbeinturm der Forscher. Im Gegenteil: Um verwertbare Ergebnisse zu erhalten, muss viermal im Jahr gemäht werden. Hinzu kommen die Düngung der Versuchsgrassorten und das Freischneiden der Streifen, die die einzelnen Parzellen trennen.
Tiere dürfen während der Versuchslaufzeit nicht auf die Grasflächen. Um jedoch authentische Versuchsbedingungen zu schaffen, wird die Beweidung eines Teils der Versuchsfläche simuliert - dafür mimt ein schwerer Schlepper mit seinen Reifen-Stollen regelmäßig die Hufe von Rindern. Mehrmals im Jahr fährt Versuchstechniker Klein schweres Gerät auf. Mit einem Futterpflanzenvollernter mäht er dann das Gras jeder Versuchs-Parzelle einzeln ab und wiegt die entsprechende Menge. Während das Gewicht der Grasernte im Computer der Lindlarer Dienststelle gleich ausgewertet und registriert wird, geht eine Probe jeder geernteten Grassorte zur landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt (LUFA) in Bonn, wo Spezialisten das Bergische Grünfutter auf Eiweiß, Mineral-und andere Inhaltsstoffe hin untersuchen.
Die Ergebnisse laufen in einer Zentrale am Niederrhein zusammen, werden dort ausgewertet und für die Beratung der Landwirte aufbereitet. Nach drei Jahren Feldversuch hofft Dr. Bach, auch über die 17 bei Lindlar angebauten Wiesenlieschgrassorten eine verlässliche Datengrundlage zu haben. Mit den Versuchsergebnissen berät er dann Landwirtschaftsschüler und Bauern bei Ortsterminen auf deren Höfen. Außerdem werden die Ergebnisse in Fachzeitschriften publiziert.
Alle paar Jahre müssen die Versuche wiederholt werden. Schließlich, so Dr. Bach, gebe es bei den Grassorten wie bei Tierrassen Zuchtfortschritte. Ständig werde weitergezüchtet, um immer leistungsfähigeres Gras zu erhalten, das bei geringerer Düngung einen höheren Ertrag bringe.
Eine bunte Wiese mit 10 bis 15 verschiedenen Pflanzenarten kann den Landwirtschaftsexperten nur wenig verzücken. Die Artenvielfalt sei zwar schön anzusehen, doch der Futterwert einer solchen Wiese sei wesentlich geringer als der einer Grünlandfläche mit einer einzigen Grassorte.