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27 Stunden - Klinikalltag

6 min

Gegen Mammut-Schichten protestierten Ärzte und Medizinstudenten am Dienstag in Köln.

Dr. Uwe Pütz (37) ist Facharzt für Chirurgie an der Uni-Klinik Bonn. Nach acht Stunden Dienst und neun Stunden Bereitschaftsdienst beginnt er um Mitternacht eine Bauch-Operation. Ariane Heller begleitete den jungen Mediziner bei seinem 27-Stunden-Dienst.

5.50Uhr. Der Wecker auf dem Nachttisch von Dr. Uwe Pütz (verheiratet, eine Tochter) klingelt. Nach Dusche und Frühstück macht er sich auf den Weg zur Chirurgischen Abteilung der Bonner Uniklinik auf dem Venusberg.

6:50Uhr. Dr. Uwe Pütz wechselt in seinem Dienstzimmer Alltagskleidung gegen Krankenhaus-Dress. Weiße Hose und ein weißer Kittel mit seinem Namensschild. Er trägt Turnschuhe.

6:59Uhr. Sein Schritt ist schnell und leicht. Über lange Flure geht es zur Morgenvisite mit einem Kollegen und zwei Assistenten. Ein kurzes Klopfen, dann öffnet Pütz die Tür zum Krankenzimmer, schaltet das Licht ein. Viele Patienten werden gerade erst wach. Mit großen Augen blicken sie ihn an. Ängstlich und hoffnungsvoll wechselt ihr Blick von einem Arzt zum anderen. Prognosen, Blutwerte, Entwicklungen werden ausgetauscht. Weitere Behandlungsweisen werden besprochen.

7:30Uhr. 15 Patienten später. Pütz erklärt: „Wir hatten auf unserer Station vor einigen Wochen einen Wasserrohrbruch. Darum sind unsere 28 Patienten auf fünf Stationen verteilt.“ Intern heißt es deshalb scherzhaft „Jagdvisite“. Ein gutes Dutzend Kilometer wird er an diesem Tag auf den Fluren zwischen den Stationen „Gütgemann“, „Zukschwerdt“ und „August Bier“, die nach ehemaligen Ärzten benannt sind, zurück legen.

7:50Uhr. Dienstplanbesprechung im kleinen Hörsaal. Medizinstudenten sind dabei. Sie lernen ein Stück Klinikalltag kennen. „Heute haben wir nur vier statt fünf Operationssäle. Es wird sich wohl alles etwas nach hinten verschieben.“ Durch den Streik des OP-Personals kann weniger operiert werden.

8:25Uhr. Umziehen vor dem OP-Bereich im Keller. Über die blaue Kleidung zieht Pütz die schwere Röntgenschürze. 10 Minuten Händewäschen.

8:55Uhr. Der erste Schnitt. Ein Aneurisma (Ausstülpung) der Bauchschlagader soll mit einer neuen Methode beseitigt werden. Oberärztin Dr. Frauke Verrel und Radiologe Dr. Kai Wilhelm kommen hinzu. Während der Operation wird immer wieder geröntgt.

11:25Uhr. Letzter Stich. Operation geglückt. Eine Minute später sitzt Dr. Uwe Pütz bereits am Computer. Seinen grünen OP-Kittel hat er ausgezogen, die Hände gewaschen. Der Mundschutz baumelt an seinem Hals, während er ein Formular auf den Bildschirm ruft: „Ich verschlüssele jetzt die Operation für die Verwaltung. Das muss halt gemacht werden.“

11:36Uhr. Der Piepser geht: Eine Bettenanfrage. Vier Minuten später kämpft Pütz immer noch mit der Eingabemaske am Computer. Er kann die letzte Eintragung nicht machen. Anruf beim Fachmann: Weiß er Rat?

11:43Uhr. Pütz wechselt den PC und verbringt weitere acht Minuten mit dem Ausfüllen des Formulars: Wer hat wann wie lange in welchem Saal operiert? Was wurde gemacht? Schließlich geht er hinüber in die OP-Küche: Ein Snickers und Kaffee als Stärkung. Auf dem Tisch liegen Infoblätter von Verdi zum 39. Streiktag des OP-Personals.

12:03Uhr. Dr. Pütz bereitet sich auf die nächste Darm-OP vor. Zweieinhalb Stunden später beginnt die dritte Operation.

15:46Uhr. Eine Gallenblase wurde endoskopisch entfernt, Pütz beginnt mit dem Nähen, als sein Piepser piepst: Der Narkosearzt wählt die Nummer, hält Pütz den Hörer ans Ohr, dessen Hände noch voller Blut sind.

16:28Uhr. Auf dem Weg in die Ambulanz. Pütz´ regulärer Dienst war bereits um 15 Uhr beendet. Seitdem hat er Bereitschaft und ist für rund 150 Patienten zuständig. Bis zum nächsten Morgen, 7 Uhr. Zwanzig Minuten lang eilt der Chirurg über die Gänge. Während er auf den Aufzug wartet, piepst es gleich drei Mal aus seiner Tasche. Schwestern der fünf Stationen suchen Rat.

16:35Uhr. In der Ambulanz. Ein Kollege verteilt Süßigkeiten. Mit ihm und einem weiteren Arzt teilt sich Pütz den Bereitschaftsdienst. Wenig später treffen sie sich im Sozialraum: „Ich nehm die 163. Das Schlemmerschnitzel“, plant Pütz sein Abendessen vom Pizzadienst.

16:46Uhr. Übergabe auf der Station. Das Telefon klingelt. Dr. Uwe Pütz berät sich mit Kollegen über den Streik am Dienstag. „Am Montag ist Vollversammlung im Gynäkologischen Hörsaal“, sagt er. Die Fahrt nach Köln muss organisiert werden. 15 Kollegen der Chirurgischen Abteilung können und dürfen streiken. Der Rest bleibt zur Patientenversorgung im Dienst. Immer wieder melden sich Kollegen und wollen mehr über den Streik wissen.

17:09Uhr. Kaffeepause. Er kann nur fünf Minuten sitzen, dann eilt er in die Radiologie. Mit dem Radiologen überlegt er: Was wird aus dem schwarzen Fuß eines Patienten?

17:26Uhr. Pütz sitzt mit einem Kollegen im Dienstzimmer. Sie machen „Kurvenvisite“ mit Daten und Werten der Patienten. Da kommt ein „Notruf“ aus der Ambulanz: „Sollen wir gleich mal das Abendessen bestellen?“, fragt der Kollege. Anschließend geht es zum Vorbereitungsgespräch beim Chef, Professor Dr. Andreas Hirner. Er will am Sonntag operieren.

19:02Uhr. Pütz eilt über die Stationen, an Krankenbetten. Alle fünf Minuten geht der Piepser.

19:55Uhr. Die Bereitschaftsärzte holen das im Backofen warmgestellte Essen hervor. Das Schaumplastikschälchen um Pütz Fritten ist geschmolzen. Er isst sie trotzdem. Dazu gibt es Cola Light.

20:01Uhr. Der Piepser geht: Pauline ist am Telefon. Dr. Uwe Pütz´ Tochter erzählt von der Englischarbeit. Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass er mit ihr spricht. „Du deckst morgen den Frühstückstisch für mich und dann sehen wir, was wir unternehmen“, verabredet er.

20:15Uhr. Eine Visite auf der Wachstation: Der Gallenblasenpatient hat Schmerzen, es geht ihm nach der OP schlechter. Eine Viertelstunde später kommt Pütz wieder. Die Kollegen und Pfleger sind abgespannt.

21:20Uhr. Pütz arbeitet am Computer. Nach 14 Stunden Dienst gähnt er das erste Mal.

22:08Uhr. In der Ambulanz: Dr. Pütz punktiert einen geschwollenen Oberschenkel. Anschließend macht er eine Pause mit einem Eistee aus dem Automaten. „Ich sehe älter aus als ich bin“, sagt er von sich. „Nach der letzten Bereitschaft vorgestern, bin ich gestern in die Sauna gegangen. Ich wusste: Sonst schaffe ich das nicht.“

22:34Uhr. Dem Gallenblasenpatienten geht es noch schlechter: „Es könnte sein, dass wir ihn heute noch aufmachen müssen“. Beratung mit den Kollegen: „Ich bin dafür, eher jetzt reinzugucken, als um drei Uhr“, meint Pütz. Zwanzig Minuten später rufen sie beim Oberarzt zu Hause an. Er entscheidet sich für die Operation und kommt aus dem Feierabend zurück in die Klinik.

23:03Uhr. Dr. Pütz wartet auf den Beginn der OP. „Jetzt kommt der Fressflash“: Zwei Sahnejoghurts und zwei Schokoriegel geben neue Energie. Schnell wirft er noch einen Blick in die Ambulanz: Ein verletztes Augenlid wird versorgt.

23:21Uhr. Pütz gähnt ausgiebig. Er ist seit 16 Stunden im Dienst. Der Gallenblasen-Patient wird in Saal 33 geschoben. Beim Umziehen steigt der Adrenalinspiegel der Ärzte wieder. Sie sind jetzt hellwach.

23:55Uhr. Der erste Schnitt zur OP um Mitternacht. Die Stimmung ist angespannt: An welcher Stelle läuft Blut in den Bauchraum? Um zwanzig vor zwei macht Dr. Pütz den letzten Stich. Die Operation war erfolgreich. Gemeinsam fahren die Ärzte den Patienten auf die Intensivstation.

2:20Uhr. Bettzeit. Pütz hat Glück: Sein Piepser geht in dieser Nacht kein einziges Mal. „Es war ungewöhnlich ruhig. Sonst haben wir hier ab 22 Uhr jede Menge Unfälle.“

6:25Uhr. Der Wecker klingelt. Zehn Minuten gibt sich Pütz für Duschen, Rasieren, Zähneputzen. Dann trägt er wieder seinen Kittel und das blaue Hemd des Vortags.

7:01Uhr. Morgenvisite auf fünf Stationen. Besuch beim Nacht-OP-Patienten.

9:20Uhr. „Jetzt kommt noch die Übergabe und dann nehme ich noch Blut ab. Danach habe ich Feierabend und gehe nach Hause.“ Ab morgen hat er Urlaub. Zum Streik fährt er trotzdem mit.

9:49Uhr. Dr. Uwe Pütz tritt nach 27,5 Stunden das erste Mal ans Tageslicht.