IMMEKEPPEL – Angefangen hat alles mit Russen-Ei. „Als wir 125. Geburtstag im Sülztaler Hof feierten, wünschte sich meine Kusine Russen-Ei“, erinnert sich Seniorchef Josef Selbach. Erstmal hat er geschluckt. Doch die alte Dame, immerhin um die 90, hat den Klassiker der deutschen Nachkriegsküche natürlich bekommen - jedes Jahr seit 2008.
Mittlerweile waren Selbach und sein Sohn Bernd schon infiziert vom Sixtie-Virus. Alte LPs wurden aus dem Keller geholt, von John Lennon bis Ray Conniff oder Tom Jones. Alte Kochbücher gewälzt. Und die Speisekarte konsultiert aus den Zeiten, als es im Sülztaler Hof noch einen Tanzsaal über der Gaststube gab - die selbstverständlich mit Gummibäumen dekoriert und an den Wänden halb mit Holzfurnier vertäfelt war. Flowerpower war noch ganz weit weg.
Erinnerungen werden wach
Kalte Platte, Sardinen in Öl, Schinkenröllchen, Ragout fin und Toast Budapest genoss der bergische Bürger hier in gediegenem Rahmen, Huhn Hawaii, Ochsenbrust mit Leipziger Allerlei und Schellfisch in Senfsauce. Die Suppe kostete um die 1,20 Mark, ein Hauptgericht 9 bis 12 Mark.
Doch trotz der weltläufigen Namen: „Kulinarisch waren die Deutschen damals noch im Zustand absoluter Unschuld“, erinnert sich Josef Selbach. „Bei der modernen Hausfrau galt Dosengemüse als Renner.“ Restaurants, die auf sich hielten, imitierten die traditionelle französische Küche. Der erste Michelin-Stern ging erst 1973 nach Deutschland, und zwar an Eckhart Witzigmann im Münchner Tantris - und der ist Österreicher.
So sind die Erinnerungen von Zeitgenossen an die Köstlichkeiten der Sixties durchaus gemischt. Mit Grausen denkt mancher an den berühmten Vorspeisenteller mit fetten Majonaise-Kartoffeln unter eiskalten Eierhälften, gefüllter Blass-Tomate und blutigen Roastbeef-Röllchen, die um schlaffe, säuerliche Spargelstangen aus der Dose gewickelt waren. Oder an hundemüde gekochten, grätenstrotzenden Schellfisch. Dennoch: Die Klassiker der 60er-Jahre-Küche haben Potenzial, finden die Selbachs. Und darum sind die Gerichte auch nicht neu erfunden, sondern mit besten Zutaten zeitgemäß interpretiert. Die Schinkenröllchen sind mit frischen, grünem Spargel gefüllt, das Russen-Ei ist leicht und zart und von einem Tupfer Bärlauchcreme gekrönt. Für das Leipziger Allerlei wird das Gemüse in hübsche Form gebracht, knackig gegart und in geschlagener Sahne erwärmt. Und die klare „Schildkrötensuppe Lady Curzon“ ist längst artenschutztechnisch nicht mehr von der Schildkröte, sondern vom Ochsenschwanz, wird aber stilecht in den kleinen Schildkrötentassen serviert. Zum Abschluss gibt s Crèpes Suzettes, selbstverständlich mit Cointreau flambiert, und Kaiserschmarren mit Rumrosinen.
Höhepunkt ist der französische Fleischklassiker schlechthin: Rindertournedos, überbacken mit Ochsenmark, in Madeirasauce mit Trüffel, dazu Leipziger Allerlei.
Sechziger-Jahre-Menü 59,90 Euro. Sülztaler Hof, Lindlarer Str. 83, Overath-Immekeppel, Tel. (02204) 97 500, Internet: suelztaler-hof.de. Geöffnet Do-Mo 12-14 Uhr und 18-22 Uhr.
