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Altwald VilleNoch knapp 200 Jahre bis zum Urwald

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Rhein-Erft – Auf den ersten Blick sieht man dem Altwald Ville zwischen Brühl und Erftstadt nicht an, dass er etwas Besonderes ist: Die Bäume - vor allem Buchen und ein paar Eichen - bilden ein dichtes Blätterdach, der Boden ist von altem Laub und Resten der Baumblüte bedeckt.

Auf den zweiten Blick, der nun fachkundig von Forstamtsleiter Uwe Schölmerich gelenkt ist, wird aber klar, dass dort etwas anders ist: Halb tote Bäume und Stümpfe stehen herum, umgekippte Artgenossen liegen samt Wurzelteller niedergestreckt da und kleine Nachwuchspflanzen sprießen aus dem Boden, wo es ihnen gerade passt. Diese Unordnung ist durchaus Absicht, denn der rund 20 Hektar große Altwald Ville ist eine von 75 Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen.

Die Hauptaufgabe der Förster besteht an diesen Orten darin, nichts zu tun. Sie lassen der Natur ihren freien Lauf und beobachten die Entwicklungen, die sich ergeben. Der Altwald Ville ist seit 1971 auf dem Weg zurück zum Urwald. „Da fehlen aber noch 100 bis 200 Jahre“, erklärt Schölmerich lachend. Und auch dann werde es sicherlich nicht aussehen, wie im Urwald von Tarzan. Lianen gibt es in unseren Breiten nicht und viele Bäume und Sträucher haben keine Chance gegen die Macht der Buche.

Diese sei an den dortigen Boden gut angepasst und könne deutlich mehr Schatten ertragen, als etwa die Eiche, erläutert der Experte. Kämpften also Nachkommen von Buche und Eiche um ihren Platz in diesem Wald, stehe die Eiche meist auf der Verliererseite. Dass es den klassischen „deutschen“ Baum bei uns trotzdem in so großer Zahl gibt, ist auf die Mittelwaldwirtschaft zurückzuführen. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde der Wald intensiv genutzt und die Eiche war besonders geeignet, bot sie doch Futter für die Schweine und nutzbares Holz.

Typisch für die Naturwaldzelle sei der hohe Anteil an altem und totem Holz, so Schölmerich. Während im Wirtschaftswald kaputte Bäume entfernt würden und durch die Fällung von Bäumen zur Nutzung des Holzes immer wieder Lücken entstünden, bleibe im Naturwald alles sich selbst überlassen. Buchen würden beispielsweise rund 300 Jahre alt, danach bestehe die Möglichkeit zur natürlichen Verjüngung des Bestandes. Viele der Buchen in der Naturwaldzelle haben um die 180 Jahre in den Stämmen, aber es gibt auch Bereiche mit jüngeren Bäumen.

Hirschkäfer lieben

moderndes Holz

Auch dies sei typisch für natürliche Wälder, berichtet der Forstamtsleiter. Je näher ein Wald dem Urwald-Zustand komme, desto kleinflächiger werde der Wechsel zwischen jungen und alten Bäumen. Wenn alte Bäume sterben und zerfallen, bieten sie einerseits Raum für neue Bäume, andererseits werden sie zum Lebensraum für hunderte von Käfern, Insekten und Spinnen.

Mehr als 4500 Käferarten gibt es in NRW, rund 1600 davon sind an den Altwald gebunden, wie etwa der Hirschkäfer, der seine Eier in zerfallendem Holz ablegt. Fast noch wertvoller seien aber die halb toten Bäume als Biotopbäume, in denen zum Beispiel auch Fledermäuse ein Zuhause fänden, erläutert Schölmerich. Neben den kleinen Tieren fühlt sich auch großes Wild in den Wäldern wohl.

Um den Einfluss der Vierbeiner beurteilen zu können, ist in der Mitte des Altwalds Ville ein Hektar mit einem Zaun abgetrennt und damit vor den Tieren geschützt. So kann verglichen werden, wie sich der Wald mit und ohne größere Bewohner entwickelt.

Auch ansonsten dienen die Naturwaldzellen bei vielen Fragestellungen als Anschauungsobjekt. Anhand der Entwicklungen können die Forstamtsmitarbeiter ersehen, wie die Natur Probleme löst. „Was man von der Natur lernt, kann dann in der Waldwirtschaft nachgeahmt werden“, erklärt Schölmerich.