KÖLN – Mit seinen Stiefeln, der Fellmütze und dem dicken Mantel wirkt Berthold Gehring (70) wie ein Feldherr auf großer Mission. Mit deutlicher, durchdringender Stimme ruft er Kommandos in eine Reithalle nahe des Flughafengeländes in Porz. „Abteilung im Arbeitstempo Trab“, befiehlt er und schaut auf die Pferde und ihre Reiterinnen. „Mitte der langen Seite rechts um, am Spiegel wieder rechts um, dann aufmarschieren“, lautet sein nächstes Kommando. So geht das einige Minuten, die Reiterinnen lauschen konzentriert den Anweisungen.
Mittwochs um 20 Uhr gehört die Reithalle dem Amazonenkorps der „Colombina Colonia“, der ersten Kölner Karnevalsgesellschaft für Damen. Hier trainieren die Reiterinnen das ganze Jahr über für den Rosenmontagszug und andere Auftritte. Vor knapp vier Jahren wurde das Amazonenkorps gegründet, heute nimmt es zum dritten Mal am Rosenmontagszug teil. „Wenn man am Chlodwigplatz wartet und sich der Torburg nähert, ist das wie im Film. Es herrscht eine wahnsinnige Geräuschkulisse, man steht total unter Anspannung“ sagt Susanne Diessner, Gründungsmitglied des Korps. „Waldgeist“, ihr Schimmel, hat die besonderen Anforderungen eines Karnevalsumzugs bislang gut gemeistert.
Wenn die Colombinen durch Köln reiten, sorgen sie für ein imposanten Gemälde in schwarz und weiß. Die 15 Damen tragen schwarze Zylinder, dazu schwarze Gehröcke mit aufgenähten bunten Steinen, und sitzen auf Schimmeln. „Man bekommt auf dem Pferd eine andere Aufmerksamkeit als zu Fuß“, weiß Diessner, oft werde das Amazonenkorps mit Applaus empfangen. Die Pferde der Colombinen stammen von einem Gestüt in Rees am Niederrhein, mit Transportern werden sie Rosenmontag früh morgens nach Köln gebracht. Rund 140 Euro kostet der Transport pro Pferd.Auf dem Rathausplatz mitten in Köln ist die Idee entstanden, ein Amazonenkorps zu gründen. Zur Hochzeit von Prinzenführer Rüdiger Schlott war damals das Reiterkorps der Prinzen-Garde aufmarschiert.
Dieses Bild hatte der ehemaligen Colombinen-Präsidentin Annegret Cremer derart imponiert, dass sie Reittrainer Berthold Gehring fragte, ob er nicht auch Lust habe, neben der Prinzen-Garde auch den Colombinen das Reiten beizubringen. „Die Damen haben sich alle tapfer mit viel weiblichem Ehrgeiz durch die erste Trainingsstunde gebissen“, erinnert sich Gehring. Erfahrung im Sattel hatte bis dahin keine der Frauen. Aufgegeben habe noch keine von ihnen.
Oft fehlender Respektvor den Pferden
Der Rosenmontags-Ritt durch Köln ist eine enorme Herausforderung. Nur speziell ausgebildete Pferde sind zum Zug zugelassen. Jeder Reiter muss 35 Reitstunden pro Jahr nachweisen. „Das ist immer wieder schön, aber auch stressig. Kinder laufen vor die Pferde, um noch Süßigkeiten aufzuheben, manche Leute versuchen, Blumen aus den Eimern am Hals der Pferde zu reißen“, sagt Diessner. Der fehlende Respekt vor den Tieren sei ein Problem, findet auch Reitlehrer Gehring, „das Gros der Besucher verhält sich aber vernünftig.“
Voriges Jahr standen die Pferde vor Beginn des Zuges recht lange am Aufstellplatz. Als eine Straßenbahn klingelnd am Amazonenkorps vorbeifuhr, trat ein Tier vor Schreck eine Delle in den Zug.Manchmal trägt Berthold Gehring auch eine Mülltonne in die Trainingshalle. Dann klappt er den Deckel schwungvoll auf und zu, während die Pferde im Kreis reiten. „Manche Pferde reagieren schon panisch, wenn sie kostümierte Reiter sehen“, sagt er. Solche Pferde bleiben Rosenmontag im Stall. Auch die Körbe mit Wurfmaterial müssen sich die Tiere ohne Widerstand um den Hals hängen lassen. „Wenn sich die Pferde erschrecken, muss der Reiter Gelassenheit und Überlegenheit ausstrahlen“, sagt Gehring. Dies sei enorm wichtig.Für solche Situationen trainieren die Colombinen immer mittwochs. Ein ganzen Jahr lang. Für diesen einen Tag.
