Warum haben Sie ausgerechnet ein Buch über den Tod geschrieben?
Jürgen Domian Der Tod ist das größte Mysterium unserer Existenz und mein Lebensthema schlechthin. Ich habe über nichts so viel und so kontrovers nachgedacht wie über den Tod. Die Gedanken an Sterben und Endlichkeit haben mich schon als Kind umgetrieben. Da war ich mal gerade neun oder zehn Jahre alt. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Zudem begegnen mir diese Themen beinahe täglich in meiner Sendung.
Sie haben sich schon als Kind intensiv mit dem Tod beschäftigt? Woher kam diese Faszination?
Ich war nicht fasziniert, ich hatte große Angst vor dem Tod. Vor dem Tod meiner Eltern und natürlich auch vor meinem eigenen. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass alles, wirklich alles einmal ein Ende hat.
Konnten Sie damals mit jemandem darüber sprechen?
Mein tiefer Glaube, zu dem ich noch als Kind fand, hat mir geholfen, mit der Angst umzugehen. Er gab mir Trost, indem er mir sagte, es geht ja weiter, es gibt ein Paradies und Gott ist bei dir, über den Tod hinaus.
In Ihrem Buch haben Sie den Tod - mit Unterbrechungen - über 173 Seiten "interviewt". Haben Sie ihn sich so vorgestellt? Was hat sie überrascht?
Dass er so viel wusste. Ich konnte mit ihm über alle existenziellen Themen sprechen. Zum Beispiel: Hat der Mensch eine Seele? Können wir auf ein Leben nach dem Tod hoffen? Gibt es Gott? Auf was kommt es im Leben an? Wie soll man mit Schuld umgehen? Wie liebt man richtig? Und ich habe ihn auch Persönliches gefragt, zum Beispiel: Hat der Tod Humor?
Und, hat er?
Der Tod lacht nie, aber er hat überhaupt nichts dagegen, wenn man über ihn lacht.
Wie haben Sie für das Buch recherchiert?
Ich habe Unmengen über das große Thema Tod gelesen. Das Schwierigste allerdings war, dem Tod eine Haltung zu geben. Die habe ich dann bei den großen Mystikern gefunden, bei Meister Eckhart, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Kabir oder Rumi. Ebenso in wichtigen Schriften des Zen-Buddhismus.
Wie lässt sich die Haltung zusammenfassen?
Sie kurz zusammenzufassen ist beinahe unmöglich. Mystik und Zen sind das Gegenteil von Logik und Ratio. Hier gibt es keine Dogmen, keine Systeme, keine Lehrmeinungen. Denn keine Theorie trifft die Wirklichkeit. Schweigen ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen, sagt der Tod zu mir. So sehen es auch die Mystiker und die Anhänger des Zen. Es geht um Einheitserfahrungen und um Erfahrungen einer anderen, nennen wir sie höher geordneten Wirklichkeit.
2006 ist Ihr Vater nach zehnjähriger Krebserkrankung gestorben. Wie haben Sie die letzten Tage und Stunden mit ihm erlebt?
Ich habe sie in schlimmer und sehr trauriger Erinnerung, ich schreibe im Buch darüber. Einen Menschen sterben zu sehen, zählt sicher zu den elementarsten Erlebnissen, die man haben kann.
Können Sie das näher beschreiben?
Es entzieht sich den Worten. Es ist die Erfahrung der absoluten Endgültigkeit. Als ich mich von ihm am Totenbett verabschiedete, dachte ich: Nun wirst du ihn nie, niemals mehr wiedersehen.
Hat sein Sterben Ihre Einstellung zum Tod verändert?
Ich habe seither noch größere Angst vor dem Sterben, nicht vor dem Tod.
Outen Sie sich aus diesem Grund in Ihrem Buch als vehementer Befürworter der aktiven Sterbehilfe? In Deutschland ist sie verboten.
Ich möchte für mich das Recht haben, das Ende meines Lebens verbindlich festlegen zu können, wenn ich es denn will. Und dabei möchte ich weder von einem Arzt noch von einem Geistlichen bevormundet werden. Wenn das Leid zu groß ist, wenn die Schmerzen unerträglich sind, wenn ich austherapiert bin und absolut keinen Lebenswille und keine Hoffnung mehr habe, dann möchte ich sagen können: Erlöst mich, schenkt mir den Tod. Ich proklamiere für mich das Recht auf meinen eigenen Tod.
Gegner der aktiven Sterbehilfe fürchten vor allem ihren Missbrauch: Angehörige könnten zum Beispiel versucht sein, den Sterbeprozess zu beschleunigen, um früher an das Erbe zu kommen.
Wir wären in Deutschland schon sehr viel weiter, wenn zumindest die Beihilfe zur Selbsttötung legalisiert würde. In der Schweiz ist das so. Der ehemalige Fußballer Timo Konietzka hat erst kürzlich diese Art der Sterbehilfe in Anspruch genommen. Alles dürfte natürlich nur auf der Grundlage strengster Regeln passieren: finale Erkrankung, Gutachten von Ärzten und Psychologen, geistige Präsenz des Betroffenen. Dann wäre der Missbrauch weitgehend ausgeschlossen.
Möglich wäre er dennoch.
Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Ich möchte in Deutschland allerdings keine Sterbehilfeorganisationen haben, wie es sie in der Schweiz gibt. Der assistierte Suizid sollte in Kliniken oder im Rahmen hausärztlicher Betreuung möglich sein. Ich habe keine Probleme damit, dass der Arzt sowohl Geburtshelfer als auch Sterbehelfer ist.
Sie sprachen vorhin Ihren tiefen Glauben an. Die Kirchen lehnen aktive Sterbehilfe strikt ab.
Ich bin kein gläubiger Christ mehr. Aber auch als Christ würde ich die aktive Sterbehilfe befürworten. Die Kirchen stürzen die Menschen in einen ungeheuren Gewissenskonflikt, obwohl es in der Bibel keine einzige Stelle gibt, die den Suizid ausdrücklich verurteilt. Außerdem finde ich, in Ausnahmesituationen steht das Gebot der Nächstenliebe über dem Gebot "Du sollst nicht töten".
Sie haben in Ihrer Sendung mit vielen todgeweihten Menschen telefoniert. Ist Ihnen ein Gespräch besonders in Erinnerung geblieben?
Das ist schwer zu sagen, es waren wirklich so viele. Das Gespräch mit einem sterbenden Kind, einem elfjährigen Mädchen hat mich sehr berührt. Besonders als es sagte: Ich möchte noch nicht zu Oma in den Himmel, weil meine Mama dann so traurig wäre.
Was haben Sie dem Mädchen gesagt?
Ich habe durch die vielen Gespräche mit Sterbenden gelernt, dass Zuhören oft die beste Antwort ist. Dennoch muss man natürlich reagieren. Dieses Mädchen hatte überhaupt keine Angst vor dem Tod. Es ging ihr nur um ihre Mama. Ich habe dem Mädchen gesagt: Wenn du irgendwann im Himmel bist, dann ist die Mama zwar traurig, aber sie freut sich auch, weil sie weiß, dass es dir dort gut geht, dir nichts mehr wehtut, und die Oma dich beschützt. Und immer, wenn die Mama in den Himmel guckt, wird sie dir zuzwinkern.
Was empfinden Sie, wenn Sie über Ihren eigenen Tod nachdenken?
Das Schreiben des Buches hat meine Angst vor dem Tod erheblich geschmälert. Ich stehe jetzt mehr im Leben als vorher. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagt: "Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht." Also sollte man intensiv leben, aber im Bewusstsein des Todes.
Sprechen wir in unserer Gesellschaft zu wenig über den Tod?
Ich finde, ja. Wir leben in einem narzisstischen und absolut spaßorientierten Zeitalter. Da gibt es nichts Schrecklicheres als die Endlichkeit, den Verfall oder das Sterben. Als die Menschen noch tief religiös waren, war der Tod akzeptiert als unbedingt zugehörig zum Leben. Heute stellt der Tod so etwas wie einen Störfall dar, der schnell beiseitegeschoben wird.
Wie möchten Sie sterben?
Schnell. Sehr gerne im Schlaf.
Wie möchten Sie bestattet werden?
Im Grunde interessiert mich das nicht. Mögen es die entscheiden, denen ich wichtig bin. Von mir aus irgendwo anonym.
