Abo

Belauschen von GesprächenDas Private ist einfach zu interessant

3 min

Warum kann man bei fremden Handygesprächen einfach nicht weghören? (Bild: dpa)

Frau Emberson, wie sind Sie dazu gekommen, über das Thema der mitgehörten Handy-Telefonate zu forschen?

Meine persönliche Erfahrung. Es hat mich schon als Studentin unglaublich genervt, wenn jemand neben mir eine Unterhaltung am Mobiltelefon führt. Ich habe im Bus gesessen und versucht Texte für meine Seminare zu lesen und konnte mich einfach nicht konzentrieren. Gleichzeitig habe ich mich im Studium mit den Themen Aufmerksamkeit und Konzentration beschäftigt und entwickelte dann so langsam meine These.

Wie lautet diese These?

Dinge nehmen unweigerlich unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, wenn sie unvorhersehbar sind. Deshalb können wir bei einem nur halb mitgehörten Gespräch, einem "Halbalog", wie wir sagen, nicht weghören. Weil wir eine Gesprächshälfte nicht hören, ist es unmöglich abzuschätzen, was derjenige, den wir hören, als Nächstes sagt. Wenn wir beide Gesprächspartner hören, können wir hingegen den weiteren Gesprächsverlauf erahnen und beruhigt weghören. Unser Gehirn geht mit Dingen, die vorhersehbar sind, grundlegend anders um, als mit Dingen, die unvorhersehbar sind.

Können Sie zur Illustration andere Beispiele als den "Halbalog" nennen?

Jeder dreht sich um, wenn er plötzlich ein lautes Geräusch hinter sich wahrnimmt. Wenn man an einer U-Bahn-Linie wohnt, an der alle zehn Minuten die Bahn vorbeirattert, hören wir hingegen sehr schnell gar nicht mehr hin.

Wie haben Sie dann bewiesen, dass es der Mangel an Vorhersehbarkeit ist, der uns bei halb mitgehörten Telefonaten nicht weghören lässt?

Wir haben Paare von Studenten ins Labor gebracht und sie beim Telefonieren aufgenommen. Dann haben wir sie noch einmal dabei aufgenommen, wie sie im Monolog das Telefonat zusammenfassen. Wir hatten nun also Tondateien der einen Dialoghälfte, der anderen Dialoghälfte sowie der Zusammenfassung im Monolog. Wir haben dann Probanden alle drei Varianten vorgespielt und sie gebeten, beim Zuhören bestimmte Aufgaben zu erfüllen, die ihre Aufmerksamkeit verlangen, wie etwa die Simulation einer Autofahrt am Bildschirm.

Und der Test hat Ihre These bestätigt.

Ja. Die Aufmerksamkeit nahm drastisch ab, wenn die Probanden nur eine Hälfte eines Gesprächs hörten. Wenn Sie den Monolog oder das ganze Gespräch hörten, dann konnten sie die Aufgaben jedoch ebenso gut bewältigen wie in einem stillen Raum.

Gibt es denn wirklich keinen Weg, diesen "Halbalog" auszublenden?

Wir haben das mit den Probanden versucht. Sie konnten sich einfach nicht mehr auf ihre Aufgaben konzentrieren. Unsere Fähigkeit, einen Gesprächsverlauf bis zu einem gewissen Grad vorherzusagen, ermöglicht es uns, überhaupt eine sinnvolle Konversation zu betreiben. Dieselbe Fähigkeit unseres Nervensystems ist es sogar, die es uns als Kinder ermöglicht, sprechen zu lernen. Diese Fähigkeit ist es jedoch auch, die uns beim Mithören eines Handy-Telefonats zum Verhängnis wird.

Sie würden also empfehlen, dass an viel mehr öffentlichen Orten das Telefonieren mit dem Handy verboten werden sollte?

Das ist die eine Möglichkeit. Die andere wäre es beispielsweise, die Gespräche auf Freisprechanlage umzustellen, damit man das ganze Gespräch hören kann.

Das klingt nach einem Alptraum.

Es geht sicher gegen die Intuition. Aber unseren Daten zufolge könnte das helfen. Eine simplere Empfehlung wäre es jedoch, Ohrenstöpsel zu benutzen, die zwar Geräusche durchlassen, den Inhalt der Gespräche aber unverständlich machen. Wenn wir nicht wissen, was gesprochen wird, verspüren wir eben auch nicht den Drang mitzuhören. Nur der Lärmpegel ist kein Problem.

Hat sich Ihr Telefonierverhalten durch die Studie verändert?

Ja, ich bin mit dem Telefonieren sehr zurückhaltend geworden, wenn meine Umwelt mir nicht ausweichen kann. Ich habe ja jetzt keine Ausrede mehr.