„Sie haben da was. . .“ Als Fräulein Hildegard hat Evelyn Hamann Fernsehgeschichte geschrieben. Doch die Sache mit der im Gesicht des liebestrunkenen Chefs umher wandernden Nudel im berühmten Sketch mit Loriot („Bitte sagen Sie jetzt nichts, Hildegard“) ist mehr als ein Detail: Sie offenbart das doppelbödige Wesen einer großartigen Komikerin.
Humoristen, sagt man, sind oft Menschen mit wenig persönlichem Mutterwitz, und auf Evelyn Hamann traf dies gewiss zu. Unter Kollegen galt die am 6. August 1942 geborene Tochter des Geigers Bernhard Hamann, der als Konzertmeister des NDR-Sinfonieorchesters bekannt wurde, als verschlossen und schwierig, ein Arbeitstier, das nicht mal mit den anderen einen Drink an der Bar nahm.
Doch gerade diese sprachlose, störrische Sprödigkeit, ja der heilige Ernst, mit dem die Hamburgerin ihre Rollen zelebrierte, machte sie so besonders in einer Comedylandschaft, die mit den Jahren immer krachlederner geworden ist. Und nur vor dieser Folie konnte sich auch jener ganz besondere Charme des peniblen Tolpatschs entfalten, den ihr Partner Vicco von Bülow so perfekt in Szene setzte.
Mit steinerner Miene ließ Hamann - meist grotesk onduliert als spätes Provinzmädchen - ungeschickte Annäherungsversuche über sich ergehen, verhaspelte sich stoisch im Verbalgestrüpp englischer TV-Serien, gab Auskunft über den emanzipatorischen Wert eines Jodeldiploms („Da hat man was Eigenes“) oder ertrug als linkische Hausfrau mit fassungsloser Würde Tiefpunkte familiärer Beschaulichkeit. Dass sie dabei stets im Schatten Loriots stand, schien ihr Schicksal zu sein, obwohl es sie alles andere als erfreute - denn immerhin war sie Mitautorin der berühmten Sketche. So ist es kein Wunder, dass Evelyn Hamann nach dem Ende der Reihe (1976-1979) zwar noch in den - mäßig gelungenen - Filmen „Pappa ante portas“ und „Ödipussi“ mit ihrem Entdecker zusammenarbeitete, sich dann aber nur noch zum ein oder anderen Gala-Auftritt überreden ließ, wenn es wieder einmal galt, dem Großmeister zu huldigen, der schmallippig bekannte: „Sie war tatsächlich fabelhaft.“ Kein Wunder, auch der Herr von Bülow gilt nicht gerade als der überschwänglichste Zeitgenosse. . .
Doch nach und nach gelang es Hamann, sich freizustrampeln als Darstellerin in Fernsehserien von der „Schwarzwaldklinik“ über Gastrollen im „Traumschiff“ oder beim „Landarzt“. Seit 1993 konnte sie sich in über 100 Episoden der Serie „Evelyn Hamanns Geschichten aus dem Leben“ endlich als Solo-Komödiantin präsentieren, die mit chaplineskem Ernst den alltäglichen Wahnsinn zur Schau stellte.
Mit ihrer dunklen Stimme, dem herben Gesicht und einer Statur, die sie wirklich nicht als fröhliche Ulknudel identifizierte, bereitete die gelernte Theaterfrau einer Figur den Boden, die sie dann tatsächlich zur richtig populären Fernseh-Darstellerin machen sollte: Als pfiffige Sekretärin in der Krimiserie „Adelheid und ihre Mörder“ half sie im Stil einer modernen Miss Marple den überforderten Kommissaren aus der Patsche.
Die letzten neuen Folgen der überaus beliebten Serie, die die ARD mit einem durchschnittlichen Marktanteil von immerhin 21 Prozent zum Unterhaltungs-Tafelsilber zählte, liefen Anfang dieses Jahres. Derzeit sind Wiederholungen im NDR-Fernsehen zu sehen (dienstags 21.45 Uhr). Die Ironie der Sache: Ihre wahren Stärken konnte sie in dieser Erfolgsfigur nur andeuten. Die altjüngferlich wirkende Adelheid Möbius war irgendwie skurril, ein bisschen neben der Spur, auf eine eckige Art liebenswürdig - aber weit entfernt von jener fast schon surrealen Erscheinung, die Evelyn Hamann in ihren besten komischen Auftritten verkörperte.
Wer weiß: Hätte sich unser Sinn für Komik nicht so gewandelt und wäre sie selbst etwas offensiver gewesen, vielleicht hätte Evelyn Hamann ja wirklich eine der ganz großen Komikerinnen werden können. So ist die kühle Brünette auf ihre distinguierte hanseatische Art „nur“ eine ganz besondere Erscheinung der TV-Welt geblieben, die - zu Recht - mit vielen Fernsehpreisen und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.
Gestern starb die sehr zurückgezogen im Hamburger Stadtteil Eppendorf lebende Schauspielerin im Alter von 65 Jahren nach „kurzer, schwerer Krankheit“, wie Freunde mitteilten.
