KREIS EUSKIRCHEN – „Es gibt wieder Hinweise, dass es 1945 nicht zu Ende war“, berichtet Dr. Reinhold Weitz. Er weiß, dass es im Kreis Euskirchen wieder Gruppierungen von Rechtsextremen gibt. Doch Einfluss auf das neue Buch des Kreisgeschichtsvereins „Nationalsozialismus im Kreis Euskirchen“ hat das erneute Aufkeimen brauner Strömungen nicht.„Die aktuellen Ereignisse sind Aufgabe der Politik und kein Thema für Historiker“, betont Dr. Gabriele Rünger, Vorsitzende des Kreisgeschichtsvereins.
Der Auftrag, die braune Vergangenheit des Kreises aufzuarbeiten, sei aber sehr wohl aus der Politik gekommen. Dabei handele es sich um einen Kreistagsbeschluss aus dem Jahr 2001.Zwei Bücher sind seitdem veröffentlicht worden und waren im Nu vergriffen. Jetzt folgt das Dritte. „Wir haben in zehnjähriger Forschungsarbeit 1500 Seiten zum Thema verfasst“, so Rünger. In den Vorgängerwerken seien allerdings die Themenbereiche Kultur, Wirtschaft und Tourismus zu kurz gekommen. Das habe man im dritten Band nachgeholt.
Geschichte der Tuchfabrik Müller unter die Lupe genommen
Hans-Gerd Dick, der den Geschichtsverein gemeinsam mit Rünger anführt, erläutert das Konzept: „In anderen Kreisen hat man hauptsächlich auf einen einzigen Autor gesetzt. Das hätte aber im Kreis Euskirchen keiner alleine bewältigen können. Daher ist ein Sammelwerk entstanden.“ Und das kann sich sehen lassen. Rünger hat die Steinbachtalsperre als „Fallbeispiel der nationalsozialistischen Förderung von Wirtschaft und Fremdenverkehr“ skizziert. Der Bau der Talsperre sei keine Idee der Nazis gewesen. Das Ingenieurbüro Blass habe dieses Projekt ausgearbeitet.
„Die Nazis sind dann später auf den Zug aufgesprungen“, so Rünger. Und dabei attestiert die Autorin den braunen Schergen durchaus Größenwahn: „Die Nazis wollten gleich sechs ineinander verzahnte Talsperren zwischen Schönau und dem Flamersheimer Wald errichten.“ Dieses Wasserreservoir sei für die Industrie und die Landwirtschaft gedacht gewesen. Doch dazu kam es nicht. Es gab allerdings 1933 ein Konkurrenzprojekt im Münstereifeler Raum zur Steinbachtalsperre, schreibt die Geschichtsvereins-Chefin.
Benjamin Obermüller hat die Geschichte der Tuchfabrik Müller unter die Lupe genommen. Fest steht, dass der Fabrikant vorwiegend Tuch für Uniformen produziert hat – für die SS, die Polizei, die Wehrmacht und laut Obermüller auch für die Insassen des KZ in Dachau.Drei Biografien sind ebenfalls im Buch enthalten. Dick widmete sich dem Euskirchener „Kindersoldaten“ Heinz Petry. Er wurde im Alter von 16 Jahren als „Spion der Nazis“ zum Tode verurteilt. Eine Schwadron der 9. US-Armee erschoss ihn am 1. Juni 1945 in einer Kiesgrube bei Braunschweig.
