Rhein-Berg – Mit einem Schmunzeln, das nichts belächeln will, erinnert sich Claudia Schall heute an ihre Zukunftspläne von einst, die keineswegs immer geradlinig verliefen. Auch wenn Geradlinigkeit ihr im Journalismus immer das Wichtigste war. „Mein Vorbild war schon damals Günter Wallraff“, sagt Schall. „Deshalb war mein Ziel, Menschen zu helfen, indem ich Missstände aufdecke.“
Mit 16 Jahren fiel die gebürtige Düsseldorferin einer Zeitungsredaktion durch eine Geschichte auf. „Ich habe mit Begeisterung geschrieben“, erinnert sich die Chefredakteurin an ihre ersten journalistischen Sporen, die sie sich neben der Schule als freie Mitarbeiterin bei der „Rheinischen Post“ verdiente. Für eine gute Geschichte wagte sie viel. „Gelegentlich habe ich mir dafür auch ziemlichen Ärger eingehandelt“, erinnert sich die heute 47-Jährige unter anderem an eine Geschichte über die „Blumenmafia“.
Aber Abitur zu machen, um Journalismus zu studieren? Daran dachte die Jugendliche damals noch nicht. Bereits in Jugendjahren war trotz harmonischen Familienlebens für Claudia Schall klar: „Ich wollte mein eigenes Geld verdienen, frei und unabhängig sein.“ Deshalb erklärte sie kurzerhand nach der Mittleren Reife ihre Schullaufbahn für beendet und absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin. Der Berufsstart war alles andere als rosig. Ihre Vorgesetzte sei „wirklich fies“ gewesen, erinnert sich die Powerfrau, die deshalb direkt nach der Lehre wieder zur Schule ging, Abitur machte - um dann als Sekretärin bei der Illbruck GmbH in Leverkusen anzufangen.
Den Journalismus verlor sie nicht aus den Augen. Auch wenn sie 1985 nicht schnurstracks ein reines Journalismus-Studium begann: Germanistik und Psychologie hatte sie sich ausgesucht. Um das Studium zu finanzieren, jobbte sie in der Event-Branche, hinter der Bühne. Bis bei einer Veranstaltung die Moderatorin ausfiel - und Claudia Schall einsprang. „Irgendjemand hat damals vermutlich geahnt, dass ich ein gewisses Moderations-Talent habe“, sagt sie heute. In der Folge wechselte sie auf die Bühne, moderierte Industrieveranstaltungen und Galas, vertonte Werbespots und Dokumentarfilme. Ihre Stimme war bald so begehrt, dass das Studium reichlich kurz kam. Zumal als Tochter Navina zur Welt kam. „Zu dem Zeitpunkt habe ich halt nachts gelernt und an meiner Magisterarbeit geschrieben“, erinnert sie sich.
Das Studium an den Nagel gehängt
Als dann noch die Anfrage des damaligen Chefredakteurs von Radio Leverkusen kam, ob sie nicht als freie Moderatorin anfangen wollte, musste sie sich entscheiden - und hängte das Studium kurz vor dem Abschluss an den Nagel. „Ich hab mir gesagt, das Examen machst du dann irgendwann mal, wenn du Zeit hast“, erinnert sich die Journalistin. „Auch wenn das heute unglaubwürdig klingt - aber es ist mir zu keinem Zeitpunkt darum gegangen, eine Karriereleiter zu erklimmen. Ich habe immer das gemacht, was mir Freude machte und mich ausfüllte.“ So bekam die bis dahin ausschließlich als freie Moderatorin für Radio Leverkusen tätige Journalistin im Jahr 2000 den Chefsessel angeboten. Keine drei Jahre später wurde sie Chefredakteurin des in punkto Sendegebiet 21 Mal größeren Lokalsenders Radio Berg.
„Nach zehn Jahren Leverkusen dachte ich zuerst: Gruselig, jetzt verliere ich ein Zuhause“, sagt die Chefredakteurin nachdenklich, bevor sich ihre Miene wieder aufhellt, „aber dann habe ich hier ein neues Zuhause gefunden - und ein wunderbares Team.“ Claudia Schall ist eine Kämpferin: „Schwierigkeiten sind dafür da, sie aus dem Wege zu räumen. Ich glaube, ich bin eine ganz gute Krisenmanagerin“, sagt die Frau, die Radio Berg in der Hörergunst noch ein großes Stück nach vorn gebracht hat.
Wie jetzt beim Wechsel zu Radio Köln, so übernahm Claudia Schall auch bereits in Leverkusen und bei Radio Berg den Chefredaktionsposten von einem Mann. Damals nicht ohne kritische Blicke - auch von Frauen. Doch Claudia Schall überzeugte ihre Kritiker, als Teamarbeiterin und engagierte Streiterin für die Sache. „Ich glaube, als Frau ist es leichter Kritik zu äußern - sofern man nicht zickig ist“, sagt sie, „und Rumzicken ist nun wirklich nicht meins.“ Ihr Rezept: „Teamwork, immer die Sachebene einhalten und vor allem sich selbst nicht so wichtig nehmen.“