Die Oma. Für Ines war sie der liebste Mensch der Welt. Sie hat sich gefreut, wenn die Enkeltochter bei ihr war, hat für sie gekocht, Zeit gehabt, Schönes mit ihr zu unternehmen, und überhaupt war sie immer nur: nett. Aber dann, als Ines elf Jahre alt war, änderte sich alles. Schon länger ging es der Oma nicht gut, der Alltag war verwirrend geworden für sie. Helfen lassen mochte sie sich nicht: „Lass mich in Ruhe, du alte Hexe!“, herrschte sie Ines an, die jetzt auf sie aufpassen musste. Dass ihre Oma an Demenz erkrankt war und sich deshalb so verhielt, war für die Elfjährige zuerst nur schwer zu ertragen.
Wenn Großeltern demenzkrank sind, betrifft das die ganze Familie - natürlich auch die Enkel. Ihre Eltern müssen jetzt Betreuung und Pflege organisieren, dabei fällt es ihnen selbst sehr schwer, mit den Veränderungen zurechtzukommen. Doch für die Enkel können der Kontakt und auch das Zusammenleben mit einem demenziell erkrankten Großelternteil eine Bereicherung sein.
Als Leiterin eines Gesprächskreises für Angehörige hat Elisabeth Philipp-Metzen oft pflegenden Müttern zugehört, die über die wenige Zeit klagten, die ihnen für die Kinder bleibt, und ihr schlechtes Gewissen deswegen. Für ihre Doktorarbeit hat die Gerontologin Enkelkinder von demenzkranken Großeltern befragt, darunter auch die heute 16-jährige Ines. Die Kinder bewerteten viele Erfahrungen rückwirkend als positiv, andere als problematisch - einen großen Teil des Erlebten empfanden sie aber schlicht als selbstverständlich. „Selbst wenn sich Großeltern eigenartig verhalten haben oder anspruchsvoll in der Betreuung waren - das war dann eben so“, sagt Philipp-Metzen. Wenn nicht die Großeltern, sondern ein Elternteil erkrankt sei, sei die Situation allerdings ungleich schwieriger.
Kinder empfinden sich dabei oft als Mitglied des familiären „Pflege-Teams“ - und wollen dementsprechend einbezogen werden.
Das ist aber nicht bei allen Kindern und in allen Fällen so - Eltern müssen dann die Grenzen ihrer Kinder akzeptieren, sagt Elisabeth Philipp-Metzen. Das gilt insbesondere, wenn die Krankheit die Großeltern schwierig werden lässt oder das Verhältnis schon vorher nicht gut war. Zwang sei immer kontraproduktiv, selbst wenn pubertierende Jugendliche sich weniger für die Großeltern als für die eigene Clique interessierten: „Das ist ein Teil der Entwicklung.“
Für Ines etwa waren die Besuche bei ihrer Oma eine Zeit lang einfach zu belastend. Zu sehr machten der Großmutter ihre Krankheit, der Enkelin die damit verbundenen Stimmungswechsel zu schaffen. „Irgendwann war ich richtig krank deswegen, und ich war auch oft nicht in der Schule“, erzählt Ines. Ihre Mutter zog schnell die richtigen Schlüsse - und sorgte dafür, dass Ines mit der Oma erst einmal nicht mehr allein war.
Das größte Problem ist für Kinder jedoch, wenn die Pflege die Familie überfordert, es keine Zeit mehr für Urlaub oder gemeinsame Freizeit gebe. Für pflegende Eltern ist es deshalb noch wichtiger, sich früh Hilfe zu suchen: „Die Familie muss in Balance bleiben“, sagt Elisabeth Philipp-Metzen.
Dann können die Kinder für die Großeltern eine wichtige emotionale Stütze sein: „Kinder rühren an, jenseits des Verstehens. Die Gefühlswelt von Demenzkranken bleibt ja bestehen“, sagt Christoph Besta, Fachberater im Gerontopsychiatrischen Zentrum in Köln-Nippes, und erzählt von einer Großmutter, für die die eigene Versorgung längst zu viel geworden war, die aber die Apfelsinen für den kleinen Enkel immer noch sauberzupfte, bis sie spiegelglatt waren. „Da strahlte dann der Enkel die Oma an, sie strahlte zurück - das war eine Szene, die ohne Worte funktioniert hat, für die Oma aber eine absolute Aufwertung der eigenen Person war“, sagt Besta.
Solche Kontakte, betont Besta, können für Kinder und Jugendliche Schlüsselerlebnisse sein - und zwar dafür, welche Qualitäten ein Mensch auch jenseits seiner Geisteskraft noch hat. Diese Fähigkeiten wertschätzen zu lernen ist gerade für die Enkelgeneration wichtig: „Die Menschen werden immer älter, und von den über 90-Jährigen erkranken statistisch gesehen etwa 35 Prozent an einer Demenz. Die Welle baut sich also erst noch auf. Die Kranken gehören aber eingebunden in die Gemeinschaft.“
