SIEGBURG. Von einem mittelalterlichen Kriminalfall, in dessen Verlauf 18 Siegburger Juden ermordet wurden, erzählt ein Bilderstock, der lange Zeit auf einem Grundstück an der Luisenstraße, Ecke Augustastraße gestanden hat und nun einen Platz im Siegburger Stadtmuseum fand: Das Denkmal vom Johänneken, um das sich mysteriöse Legenden ranken.
1772 hatte Abt Godefried den Bilderstock gestiftet, der dank einer Spende des Vereins der Freunde und Förderer des Stadtmuseums gründlich restauriert und nun im Erdgeschoss des Stadtmuseums, gleich neben dem historischen Stadtmodell, aufgestellt wurde. Das verstorbene Ehepaar Sybilla und Albert Bierther, auf dessen Grundstück der Bilderstock stand, hatte den Stein der Stadt testamentarisch hinterlassen.
Die mysteriöse Geschichte des Johänneken geht zurück ins Jahr 1287. Überliefert ist, dass ein Junge aus Troisdorf mit Namen Johänneken die Klosterschule der Minoriten in Seligenthal besuchte, die um das Jahr 1230 gegründet wurde. Täglich ging er von Troisdorf über Siegburg und am Haus zur Mühlen, dem heutigen Altenwohnheim am Rande des Kaldauer Felds, vorbei zur Schule und nachmittags wieder nach Hause.
An einem Sommertag im Jahr 1287 wurde er auf seinem Heimweg unter nie geklärten Umständen ermordet. Den toten Jungen fand man in der Nähe des Gutshofes. Obschon jeglicher Beweis fehlte, waren die angeblichen Sündenböcke schnell gefunden: Juden, so wurde einmal mehr die Legende von einem Ritualmord gestrickt, hätten den Jungen getötet, um sein Blut für rituelle Zwecke zu verwenden und zugleich Christus zu verhöhnen, erläutert Dr. Heinrich Linn, der ehemalige Kreisarchivar, in seinem Buch Juden an Rhein und Sieg.
Obschon die Päpste seit dem ersten Kreuzzug (1096) mit Regelmäßigkeit unter Androhung des Kirchenbanns die Schonung von Leben und Eigentum von Juden gefordert und dem jüdischen Kult Freiheit und Schutz zugesichert hatten, kam es auch im Mittelalter immer wieder zu blutigen Übergriffen, so auch in Siegburg am 4. September 1287, wie aus der Niederschrift des Isaak Samuel von Meiningen aus dem Jahr 1296 hervorgeht. Der Chronist nennt 16 ermordete Juden, darunter alle Kinder einer Familie und zwei nicht namentlich genannte Jungen, wie Dr. Heinrich Linn weiter darlegt. In anderen Unterlagen ist sogar von 25 jüdischen Todesopfern die Rede, doch halten Historiker diese Zahl für zu hoch gegriffen, da im 13. Jahrhundert nur wenige Juden im Einzugsbereich der Vogtei Siegburg lebten, zu der auch Troisdorf gehörte.
Die Sage vom Johänneken geht indes weiter. Sie erzählt, dass der tote Klosterschüler auf einem Fuhrwerk nach Troisdorf gebracht werden sollte. Doch die Pferde des Leichenkarrens sollen gestoppt und die Hand des Toten auf den Michaelsberg gezeigt haben. Dort will ich begraben werden , so sei der Fingerzeig gedeutet worden, und in der Tat ist die Hand des Ermordeten als Reliquie des Klosters aufgeführt. Im 30-jährigen Krieg wurden die Reliquien nach Bonn gebracht. Sie tauchten später wieder in Siegburg auf, wo sie in den Altar der Servatiuskirche eingelegt wurden, gleichwohl aber heute verschollen sind. Weil der Junge als Märtyrer verehrt wurde, ließ Abt Godefried von Schaumburg 1772 den Bilderstock an der Luisenstraße errichten. Ebenso findet sich am Haus zur Mühlen eine Wegekapelle, die an Johänneken erinnert.