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„Der Christ kann das nicht garantieren“

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Seine Mutter kommt mit seiner Entscheidung immer noch nicht zurecht. Drei Jahre ist es her, dass Kai Lühr mit seiner Frau zum ersten Mal sein neues Glaubensbekenntnis sprach: „Es gibt nur einen einzigen Gott, und Mohammed ist der Prophet Gottes“. Für seine Mutter war das der große Bruch mit dem christlichen Glauben, für Kai Lühr eine Rückkehr. Statt „Konversion“ könne man „Reversion“ sagen, Rück-Wendung. Islam bedeute wörtlich Ergebenheit in Gottes Willen - und so werde ja jeder Mensch geboren.

„Unser Elternhaus war sehr gläubig“, berichtet der Kölner Arzt. Die Familie gehörte zu einer evangelischen Freikirche. „Mein Großvater war Priester, es war selbstverständlich, dass wir jeden Sonntag zur Kirche gingen und manchmal auch Mittwochs. Aber je älter ich wurde, desto mehr sah ich, dass die Kirche mir Antworten schuldig blieb.“ Schon als Achtjähriger kam er nicht damit zurecht, dass Jesus als „Sohn Gottes“ bezeichnet wird. Bestätigt sah er sich dann Jahrzehnte später durch den Islam: Jesus sei ein großer Prophet, aber eben ein Mensch.

Später kam eine ganz andere Frage dazu. Das Kind einer Freundin bekam einen Gehirntumor und starb mit vier Jahren. „Warum lässt mein Gott das zu“, fragte Lühr. Und auch darauf, sagt er, habe kein Christ ihm eine befriedigende Antwort gegeben. Ein muslimischer Gesprächspartner sagte schließlich: „Weißt du, dass die Frau ganz glücklich sein darf?“ Jedes Kind, das bis zur Pubertät sterbe, komme ins Paradies und dürfe auch seine Eltern nachholen. Zwar wird kein christlicher Theologe bezweifeln, dass das Kind bei Gott lebt. Aber der Christ, sagt Kai Lühr, „der Christ kann das nicht garantieren“. Und dann, auf einer Reise nach Dubai, war die Frage keine Frage mehr. „Kai, Du darfst nicht immer fragen“, sagte ein muslimischer Bekannter: „Es gibt Dinge, die gehen in unseren Kopf nicht hinein.“

Die Dubai-Reise war der Schlüssel. Weil er mehr über islamische Kultur wissen wollte, unterhielt er sich vorab mit einem arabischen Patienten. „Hier war endlich eine Religion, die Antworten auf alle meine kritischen Fragen hatte. Und das an einem Abend.“ Auch wenn es Ereignisse wie den Tod des Kindes gibt, wo das Fragen aufhört. Anderes wurde geklärt. „In vielen Kirchen habe ich erlebt, dass über das Geld geschimpft wurde. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mir einen teuren Pulli kaufe.“ Im Islam, sagt Lühr, werde der Erfolg sogar gewünscht. „Nur wer erfolgreich ist, kann gute Taten tun.“

Das führt zum nächsten Unterschied. Paulus, Luther, Ratzinger - christliche Theologen bestehen darauf, dass der Mensch das Heil nicht durch eigenes Verdienst erwerben kann. Das ist im Islam anders. „Natürlich muss man sich das Paradies selbst erwerben“, sagt Kai Lühr spontan. Gute Werke erhöhen die Chancen auf Erlösung, wenngleich selbst Mohammed gesagt haben soll, auch er komme nur dank der Gnade Gottes ins Paradies. Es gibt gebotene Werke wie das Gebet und verdienstvolle, aber nicht vorgeschriebene Taten. Dem steht das „schlechte Gefühl“ gegenüber, wenn der gläubige Mensch etwas Verbotenes getan hat - und verboten ist nach den Überlieferungen des Islam eine Menge. Auch dieses schlechte Gewissen spornt an, sagt Lühr. Das ganze System wirkt ein bisschen wie Bonuspunkte sammeln oder Sparen für die Altersvorsorge. Kai Lühr findet das „faszinierend“.: „Wenn ich was Gutes tue, dann belohnt mich Gott.“

Eine Frage ist geblieben, bei der auch Kai Lühr „Schwierigkeiten“ hat. Was ist das für ein Gott, der manche Gewalttaten sogar ausdrücklich angeordnet haben soll? „Zu 90 Prozent bin ich damit durch“, sagt Lühr. Er argumentiert historisch - Mohammed habe seine Gegner nicht zur Annahme des Islam gezwungen, sondern durch Kriege Einnahmen gesichert - und damit, dass viele Verse des Koran eben nur für den Kriegsfall gelten. „Ich bin ein friedlicher und harmoniesüchtiger Mensch.“

Eine Zeit lang hatte Lühr Kontakt mit dem Prediger Pierre Vogel, den hat er gelöst. „Ich gehe meinen eigenen Weg“, sagt er, „nicht konfrontativ, sondern verbindend“. Er besucht die Kölner Abu-Bakr-Moschee, übernimmt aber keine Vereinsfunktion. Islam, das sei eine Angelegenheit zwischen dem Einzelnen und Gott. „Schau auf die Religion selbst, nicht auf die Gläubigen“, sagt er. Aggressive Polit-Predigten sind ihm zuwider, und „wenn wir einiges vom menschlichen Verhalten unter Muslimen gewusst hätten, wären meine Frau und ich vielleicht nie übergetreten“. Kai Lührs Frau trägt kein Kopftuch, „Gott schaut auf das, was im Kopf ist und nicht auf das, was man drüber trägt“. Er spricht nur ein paar Brocken Arabisch und rezitiert den Koran auf Deutsch: „Gott versteht mich auch, wenn ich deutsch spreche.“