Es klappert gar nicht. Es stampft vielmehr, so als marschiere der „Vulkanexpress“ das Brohltal herauf. Aber hier schnauft keine Dampflok, es stampft die Brohl selbst. Träge kriecht der Bach unters Mühlenhaus, stürzt dann jäh in die Schaufeln des Wasserrads und schiebt es mächtig an. Und was ist mit dem Klappern am rauschenden Bach? „Nee“, sagt Müller Rainer Mosen, „wenn was klappert, stimmt was nicht.“ Die Mosenmühle kauert gleich hinter der Schweppenburg, die hoch über das wildromantische Brohltal ragt. Burg und Bach und Mühle gehören zusammen seit 1365. Seit 300 Jahren sitzen die Freiherrn von Geyr auf der Schweppenburg, und die Mosens sind ihre Pächter in der vierten Generation. „Getreide“, sagt der Müller, „ist das täglich Brot der Könige wie auch der Bettler.“ Doch bis aus Getreide Brot wird, muss der Müller richtig ran.
Sonnenlicht fällt schräg in den Schacht und lässt die Sprüh um das sieben Meter hohe Wasserrad wirbeln. „Ein oberschlächtiges Rad“, ruft Rainer Mosen gegen das Stampfen an. „Das Wasser fällt also von oben in die Schaufeln.“ So kann er die Mühle selbst bei Niedrigwasser betreiben. Mosen nickt anerkennend. Das Rad hat schon seinem Großvater gedient, seinem Vater, ihm selbst und hoffentlich auch noch einem seiner beiden Söhne, wenn, ja wenn einer in die Zukunft blicken könnte.
40 PS seit fast 100 Jahren
Wir sind im ersten Stock einer 15 Meter hohen Maschine. Es dröhnt und wummert und surrt. Kein Mehl auf den Holzdielen, kein Mehl auf den Schultern des Müllers. Ein sauberer Arbeitsplatz, aber auch ein tückischer. Vor Jahren wollte ein Müller einen austreibenden Riemen zurück auf die Welle schieben, verfing sich, wurde mitgerissen und im Räderwerk regelrecht zerstückelt. Der Zeitungsausschnitt hängt mahnend an der Wand.
Am Morgen kam die erste Fuhre neuer Weizen - die Ernte 2010. Ein kritischer Augenblick für Mosen. Wenn es kurz vor der Ernte heftig regnet oder schwül-warm ist, kann der Keimling in der Frucht sprießen. „Wenn der dann so Schwänzchen hat, ist das Korn nur noch Viehfutter. Zum Backen jedenfalls ungeeignet.“ Müller Mosen riecht am Korn, knabbert daran, sucht nach verstecktem Auswuchs, misst die Feuchtigkeit. Aber der Landwirt hat gute Qualität geliefert, und Mosen lässt den Mühlenkeller voll Weizen laufen. Von dort fahren es Förderschnecken, Becherwerke, Schüttelrinnen hinauf zum Sichterboden, wo Spreu, Strohteile, Schmachtkörnchen aussortiert werden. Dann geht's auf die Waage. Bauer und Müller wollen wissen, was später zu zahlen sein wird. Ein Teil Getreide wandert in den Silo, der andere erneut in die Becher zur weiteren Reinigung. Bis hierhin ist alles noch Getreide. Vom ersten Mahlgang an aber gibt es nur noch Schrote, Grieße, Dunste, Mehle. Die fahren Achterbahn durch die Mühle, werden per Luftdruck von Stockwerk zu Stockwerk geblasen.
Und Rainer Mosen wuselt hinterher, von morgens acht bis abends zehn, vom Keller auf den Boden und wieder hinab. „Das Geschäft ist beinhart geworden“, erzählt er. Als Mosen 1980 mit 24 Jahren Müllermeister wurde, gab es in Deutschland noch 2560 Mühlen. Heute sind es noch 308. Wobei die Mosenmühle zu den 185 kleinen Mühlen gehört, die im Jahr unter 5000 Tonnen Getreide vermahlen. Gemeinsam halten sie nur vier Prozent Marktanteil. Den großen Happen teilen sich fünf Dutzend Großmühlen wie die Ellmühle im Köln-Deutzer Hafen. Mit 360.000 Tonnen Vermahlung im Jahr ist sie die größte Mühle Deutschlands und gehört ihrerseits zur größten Mühlen-Holding Europas. „Aber selbst die kleinen Mengen, die ich vermahle, sind den Großen ein Dorn im Auge“, sagt Mosen. „Die umwerben meine Lieferanten und meine Kunden.“ Wenn das Mühlensterben so weitergehe, dann brauche kein Sohn das Handwerk mehr lernen. „Dann mahlen eine Handvoll Großmühlen das Mehl für 80 Millionen Menschen. Die bestimmen den Preis für die Bauern und den Handel.“ Der Müller schüttelt den Kopf. „Gut kann das nicht sein.“
Das Betriebsgeheimnis: Winkel und Druck
Mit den schweren Mühlsteinen mahlt Mosen nur noch Viehfutter. Zwei Doppelwalzenstühle lassen daneben die Böden erzittern. Da drinnen steckt Müller Mosens Betriebsgeheimnis: Winkel und Druck, mit denen die Stahlwalzen ihre Riffelungen gegeneinander pressen. Zwischen ihnen soll das Korn nicht zerquetscht, sondern aufgeschnitten werden, erklärt Mosen, damit der Mehlkörper möglichst schonend von der Hülse getrennt wird. „Der Drall muss stimmen“, ruft Mosen und lässt die Hand unter der ersten Walze voll dunkles Pulver laufen. „Weizenschrot“, ruft er. „So ähnlich wie Haferflocken, nur eben vom Weizen.“ Im letzten Walzenstuhl rinnt puderweiches, weißes Mehl kühl in die Hand. „Kühl ist wichtig“, sagt Mosen. Dadurch zeichne sich das schonende Mahlen aus. „So bleiben die Inhaltsstoffe des Korns - Proteine, Stärke, Vitamine, Mineralien - in ihrer Güte erhalten.“
Im Mühlenlädchen gibt es Mosen-Mehle: Dinkelvollkorn-, Bioroggenvollkorn-, Weizenvollkorn. Die Lebensmittelketten bieten Aurora-, Diamant-, Bio- oder Ja-Mehle zu Kilopreisen zwischen 0,25 und 1,19 Euro. Da hält Mosen mit seinen Mehlen das Mittel. Aber nicht wegen der Preise, wegen der Qualität seiner Mehle halten viele Privatkunden auch aus Köln oder Düsseldorf bei ihrem Ausflug nach Maria Laach an der Mosenmühle im romantischen Brohltal. Und das möge so bleiben, jedenfalls solange die Brohl unter dem Mühlenhaus stampft.
