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Der Seele des Menschen auf der Spur

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HÜRTH. „Psychiaterin wurde ich zufällig“, sagt Sibylle Schreckling. Familiär sei sie diesbezüglich zwar schon vorbelastet gewesen, doch den entscheidenden Anstoß für den Schritt in die Neurologie habe ihr damaliger Chefarzt in der Würzburger Universitätsklinik gegeben. „Eigentlich wollte ich nämlich Kinderärztin werden“, erzählt die Frau aus Hürth. Nachdem sie sich mit organischen Krankheiten beschäftigt hatte, wandte sie sich in Würzburg der Psyche des Menschen zu.

Wieder kam ihr das Schicksal in die Quere, denn obwohl die angehende Fachärztin nie heiraten wollte, ließ sie sich zur Ehe überreden. „Mein Mann ist einer der Glückfälle in meinem Leben“, schmunzelt die zierliche Frau jetzt nach 33-jähriger Ehe. Durch ihren Mann sei sie dann auch nach Köln gekommen, wo sie nicht nur ihre Facharztausbildung für Neurologie und Psychiatrie beendete. Fern der Heimat schlug sie auch Wurzeln und eröffnete in Hürth bereits 1974 ihre eigene Praxis.

Dass auf ihrem Praxisschild in großen Buchstaben der Name Schreckling steht, hat sie nie gestört. „Der Name ist ganz passabel“, lacht sie und erklärt: „Darüber lässt sich doch wenigstens mal ein kleines Witzchen machen, und außerdem spornt er an, positiv zu überraschen.“

Im Rhein-Erft-Kreis habe sie allerdings sehr schnell festgestellt, dass es mit der Versorgung psychisch Kranker haperte. Und so dauerte es nicht lange, bis Sibylle Schreckling handelte. Auf eigene Kosten stellte sie zunächst eine Sozialarbeiterin ein. „Ihre Aufgabe war es, die Angehörigen von psychisch Kranken aufzuklären - ihnen etwa das Krankheitsbild zu erklären“, schildert Dr. Schreckling die Anfänge der Arbeitsgemeinschaft für psychisch Kranker im Erftkreis e.V.

Diese Aktivität sei nicht uneigennützig gewesen, gibt die Psychiaterin heute zu. Sie selbst hätte den Patienten nur medikamentös und durch genau vorgeschriebene Gesprächseinheiten helfen können. Diesbezüglich habe sich in den vergangenen 25 Jahren auch kaum etwas geändert, 40 Minuten stünden jedem Patienten maximal im Quartal zu. „Viel zu wenig, um wirklich helfen zu können.“

Von einer ausreichenden Nachversorgung nach der Medikamenten- und Gesprächsbehandlung sei die Behandlung Ende der 70er Jahre noch weit entfernt gewesen. Und diesem Notstand gehorchend, habe sie ein Wohnheim aufgebaut. Ehrenamtler und Honorarkräfte hätten ihr geholfen. Für ihre Patienten wollte sie mehr als die konfliktzentrierte Behandlung, die ohnehin in den meisten Fällen überhaupt nicht ausreicht.

Dauerhaft sollte den psychisch Kranken geholfen werden, mit dem Ziel, allen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und wenigstens einigen wieder zur Teilnahme am normalen Leben zu verhelfen.

Tagsüber arbeitete die Medizinerin in der Praxis, nachts schrieb sie ihr Konzept: Die ambulante Nachversorgung, aufbauend auf den Erfahrungen von Professor H. J. Haase, dem ehemaligen Direktor der Pfalz-Klinik Landeck. Und Dr. Schreckling überzeugte. Sie riss den Modellverband des Gesundheitsministeriums in ihren Bann - ihr Projekt wurde gefördert.

Das alles liegt jetzt schon 25 Jahre zurück. Aus den damals zwei halben Personalstellen sind inzwischen mehr als 50 Mitarbeiter geworden. Viele ehrenamtliche Helfer unterstützen nach wie vor die Idee der Psychiaterin und engagieren sich in den verschiedenen Selbsthilfegruppen und bei der Betreuung von derzeit mehr als 500 Patienten, Tendenz steigend.

Den Alltag stets

positiv betrachtet

„Ich bin ein Durchbeißertyp“, redet sich Dr. Schreckling selbst Mut zu, wenn sie gelegentlich an ihre eigenen Grenzen stößt. Positives will sie in dem oft grauen Alltag sehen und weitergeben. Immer noch nimmt sie es sehr mit, wenn junge, aber auch ältere Menschen in ihrer Ausweglosigkeit den Freitod wählen. Und es ärgert sie sehr, wenn Gutachten geschrieben werden, die Triebtätern den Schritt in die Freiheit ermöglichen. „Bei Triebtätern ist generell eine spezielle Unterbringung und Nachsorge erforderlich“, sagt sie.

Nachdenklich versichert Dr. Schreckling: „Wenn ich noch einmal 20 Jahre alt wäre, dann würde ich mit der Kenntnis von heute in die Politik gehen.“ Dann schnürt sie ihre Inliner an und gleitet los, um selbst ein bisschen von dem inneren Druck abzubauen, der durch ihre Arbeit entsteht.