Abo

Der „Sir“ genießt das ruhige Leben in Olef

4 min

Was macht ein „Sir“, wenn er in Rente ist? Jeden Tag ist der 72-Jährige drei Stunden mit seinem weißen Labrador „Roy“ unterwegs. Nach vier Bypässen muss er sich viel bewegen. „Da er mit „einem Buch auf die Welt gekommen ist“, widmet er viele Stunden dem Lesen, vornehmlich geschichtlicher Sachbücher. Die römische und napoleonische Zeit, das Mittelalter, die deutsche Historie von 1870 bis 1945 und die holländische Geschichte haben es ihm angetan.

„Sir“ Georg „Schorsch“ Keßler (international auch Georg Kessler), der unter anderem als Trainer der niederländischen Nationalmannschaft weltbekannt wurde, lebt seit 1998 fest in Olef, wo er 1977 das Haus seines Schwiegervaters Hans Förster kaufte, der die SG Oleftal als Trainer groß machte.

Viele rätseln, ob der Fußballstratege nun Deutscher oder Niederländer ist. „Ich bin Bayer“, antwortet der weißhaarige Schorsch Keßler. Er wurde am 23. September 1932 in St. Ingbert bei Saarbrücken geboren. „Die Südost-Saarländer wie mein Vater waren Bayern“, seine Mutter Niederländerin. Als Schorsch viereinhalb Jahr alt war, verunglückte sein Vater tödlich. Als Schorsch sieben war, heiratete seine Mutter den Niederländer HuubRutten , „er war mein bester Freund“. Später zogen sie nach Sittard in den Niederlanden und der Spielmachertyp Huub Rutten, dessen Stil an Felix Magath oder Franz Beckenbauer erinnerte, führte ihn an den professionellen Fußball heran. Mit 14 spielte der Techniker in der Jugend, ab 1954 als Profi. Schon mit 17 spielte er in der 1. Mannschaft. Er entwickelte sich zum ausdauernden, taktisch starken Spielmacher, der die 40-, 50-Meter-Pässe beherrschte.

„Ich habe mich nie für eine Position beworben, ich bin immer gefragt worden“, blickt er zurück. Hennes Weisweiler , Sepp Herberger und Dettmar Cramer waren auf ihn aufmerksam geworden und holten ihn als Verbandstrainer beim Fußballverband Mittelrhein nach Duisburg-Hennef, wo Karl-Heinz Heddergott und Helmut Schön ihm „gute Kollegen“ waren. Vom 9. bis 13. April 1962 befand er sich auf Trainerlehrgang in der Eifel und wohnte im Schleidener Hof in Schleiden. Dort traf er Kreisübungsleiter Hans Förster wieder, den er von Hennef her kannte. Bei Kaffee und Kuchen im Hause Förster lernte er auch dessen Tochter Ingeborg , deren Schwester Ursula und Sohn Jochen kennen. Ende 1962 fand die Verlobung von Schorsch Keßler und Ingeborg Förster statt, am 4. Mai 1963 die kirchliche Trauung in Olef.

1965 folgte er dem Ruf als Nationaltrainer der Niederlande, wo er sechs Jahre lang mit Mittelfeldstar „König Johann“ Cruyff arbeitete. 1970 wurde er mit Sparta Rotterdam Dritter. Starreporter Rudi Michels kommentierte: „Der spielt sie alle weg.“ Mit Anderlecht wurde der „Sir“ Meister. Er hatte gerade den FC Zwolle übernommen, da rief 1974 Hertha BSC Berlin um Hilfe. Er löste Trainer Dettmar Cramer ab. 1975 wurde er mit Hertha Vizemeister. 1978 führte Keßler Wacker Innsbruck ins Viertelfinale im Europapokal der Meister. Im Achtelfinale verlor man in Glasgow 2:1. Keßler hatte seinen Mannen gesagt, sie sollten es ruhig angehen. Die Glasgower verspotteten die österreichischen Alpen-Farmer, bei deren Spiel sogar Tauben über den Platz spazierten. Das habe tatsächlich gestimmt, erinnert sich der „Sir“. Dann kam „Sir“ Keßlers Rache. Zuhause fegten die Innsbrucker Celtic Glasgow mit 3:0 sensationell aus dem Rennen, schieden dann gegen Mönchengladbach aus.

Es folgte das Wunder von AZ Alkmaar, einer Stadt mit 85 000 Einwohnern nördlich von Amsterdam. Vier Jahre arbeitete Georg Keßler dort und führte den AZ 67 1981 zur Meisterschaft. Alkmaar war der letzte Titelträger, der nicht zum traditionellen holländischen Spitzentrio Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam zählte. Alkmaar wurde unter Georg Keßler zu einer Spitzenmannschaft mit sieben Nationalspielern. Keßler brachte die nötige Disziplin in die Mannschaft. Das Team gewann sogar bei Feyenoord mit 5:1 und scheiterte im UEFA-Pokalfinale nur knapp an Ipswich Town. „Sir“ Georgs Geheimtipp: Die Mannschaft wurde so gut, weil er über Jahre mit den selben Spielern arbeitete.

Bekannt wurde Georg Keßler im Rheinland vor allem auch als Trainer des 1. FC Köln, wo er 1986 trainierte. Mit den Kölnern schaffte er Platz zwei im UEFA-Cup.