BONN. Auf dem Rasen neben dem Reihenhaus liegt ein Teddybär mit der Nase nach unten im Gras. Auf der Treppe stehen zwei alte Kinderwagen, die Haustür ist über und über mit gebasteltem Weihnachtsschmuck beklebt. Kein Zweifel, in diesem Haus wohnen Kinder. Viele Kinder: 14 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 22 und einem Jahr gehören insgesamt zur Familie Schmitz, zehn von ihnen leben mit den Eltern Gertrude und Werner noch unter dem Dach des Reihenhauses in Geislar. Das Wohl dieser Kinder beschäftigt seit Monaten das Bonner Familiengericht.
Vanessa ist abgehauen, sagt Gertrude Schmitz. Sie sitzt auf dem Sofa ihres Wohnzimmers und nimmt einen nervösen Zug aus der Zigarette. Eigentlich sollte ihre 11-jährige Tochter um diese Zeit in einem Heim in Königswinter sein, wo sie seit knapp vier Wochen lebt - nachdem sie selbst einem psychologischen Gutachter gegenüber den Wunsch dazu geäußert hatte. Zwei weitere Söhne der Familie, Kevin (6) und Dennis (8), wohnen bereits seit einem Jahr im Heim. Vor Gericht streiten die Eltern um ihre Sprösslinge. Insgesamt haben wir das Aufenthaltsbestimmungsrecht für zehn Kinder beantragt, erklärt eine Sprecherin der Stadt Bonn. Über die Gründe möchte man sich öffentlich nicht äußern. Beobachtungen von Nachbarn hatten die Behörden auf den Plan gebracht: Die Kinder würden betteln, hätten ständig Hunger und seien nicht warm genug gekleidet, könnten kaum lesen oder schreiben. Kurz: sie seien verwahrlost. Ein psychologisches Gutachten soll nun klären, ob die Eltern erziehungsfähig sind oder nicht.
Derweil sitzt Vanessa wieder auf dem heimischen Sofa, knibbelt an ihrem Pullover und sagt: Ich will da nicht mehr hin. Für einen kurzen Moment ist es still in dem Wohnzimmer. Nur noch das Surren einer Fernsehkamera ist zu hören - das Familienleben ist zum Medienereignis geworden, eine Kamera des WDR begleitet das Geschehen seit Monaten. Warum bist du aus dem Heim abgehauen?, fragt die Reporterin. Es geht mir nicht gut da, antwortet Vanessa leise. Ihre Mutter nickt in die Kamera, zieht an der Zigarette.
Auf 124 Quadratmetern leben Gertrude Schmitz und ihr Mann Werner (37) mit ihren Kindern. Zu wenig Platz, das ist den Räumen deutlich anzusehen. Die jüngsten drei Kinder, Marvin (3), Dustin (2) und Justin (1) schlafen mit den Eltern in einem Zimmer. Die anderen teilen sie je zu dritt oder viert ein Schlafzimmer. Jeden Morgen klingelt um fünf Uhr der Wecker. Die älteren Kinder stehen auf, verbringen den Tag in Schule und Kindergarten sowie in betreuten Nachmittagsgruppen. Vater Werner arbeitet als Müllwerker, seine Frau Gertrude wird täglich von einer Haushaltshilfe und zwei pädagogischen Fachkräften unterstützt - als erstes Ergebnis der Auseinandersetzungen vor dem Familiengericht. Vier Maschinen Wäsche müssen Tag für Tag gewaschen, drei Einkaufswagen voll Essen pro Woche zubereitet werden, dazu jeden Monat ein halbes Schwein.
Am Nachmittag trudeln die Kinder nach und nach wieder ein. Auf dem Sofa wird es eng, die beiden Kleinsten sitzen im Laufstall, brüllen. Wir haben nicht so viele Kinder bekommen, damit sie im Heim aufwachsen, sagt Getrude Schmitz. Ich habe selbst im Heim gelebt, ich weiß, wie das ist. Die Vorwürfe des Jugendamtes, sie sei mit der Erziehung der Kinder überfordert, weist sie 39-Jährige zurück. Die vom Amt haben sich an uns festgebissen.
Ratlos blickt Vanessa in die Runde. Noch am selben Abend wird sie wieder in das Heim gebracht. Ihre Flucht hat Folgen: In dieser Woche muss die Familie erneut vor dem Richter erscheinen.