WIPPERFÜRTH. Georg Eck, heimatgeschichtlich interessierter Wipperfürther, sammelt fast alles, was mit der Eisenbahngeschichte Wipperfürths zu tun hat.
Er zaubert die Kopie eines alten Schriftstücks aus einem Ordner: Am 23. Mai 1914 schreibt der damalige Wipperfürther Bürgermeister Fröhlich einen Brief an einen gewissen Herrn von Grabowski, Guts- und Brennereibesitzer in Dohrgaul. Von Grabowski war zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der Vorsitzende des Komitees für die Ausführung des Bahnprojektes Wipperfürth - Lindlar. Der Bürgermeister klingt zuversichtlich in seinem Schreiben an von Grabowski: Nachdem die Eisenbahn Wipperfürth - Bergisch Gladbach nun gesichert ist, möchte ich Ihnen als dem Vorsitzenden des Komitees für die Ausführung des Bahnprojektes Wipperfürth - Lindlar zur Erwägung anheim geben, ob es angebracht wäre, die Arbeiten für das neue Projekt in Angriff zu nehmen. Meines Erachtens dürfte es vorläufig am richtigsten sein, alle Arbeiten im Stillen zu tun, um zu verhüten, dass Gummersbach gleichfalls mit der Gegenarbeit beginnt.
Das Schreiben ist aufschlussreich. Zur Gegenarbeit von Gummersbach wie von Wipperfürths Bürgermeister Fröhlich befürchtet, ist zu sagen, dass es auch ab 1917 favorisierte Vorschläge gab, die Sülztalbahn von Lindlar über Frielingsdorf, durchs Leppetal und weiter über Wegescheid, Hülsenbusch und Gummeroth nach Gummersbach zu verlängern. Doch auch dazu kam es nicht.
Viel weiter gediehen waren die Planungen für die Strecke Wipperfürth - Bergisch Gladbach. Die notwendigen Vorarbeiten waren bereits in Auftrag gegeben Mit dem Reichsbahnanleihengesetz von 1914 wurden sogar bereits Mittel für den Bahnbau in Höhe von 11,4 Millionen Mark beschafft. Der Bau sollte 1914 beginnen, der Ausbruch des Krieges kam dazwischen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurden 1919 die Vorarbeiten wieder aufgenommen und die Kosten mit 17 Millionen Mark neu berechnet. Doch die Inflation zehrte diesen damals offenbar zur Verfügung stehenden Betrag vollständig auf.
Wanderkarte
zeigt Bahnlinie
Doch im Frühjahr 1914 war das noch nicht abzusehen. Kurz zuvor, am 30. Juni 1910 wurde eine Eisenbahnverbindung zur Wuppertal-Bahn nach Anschlag eröffnet. Damit bestand ein Anschluss in die märkische Region zur Volmetalbahn. Es lag im Interesse der Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufstrebenden und schnell wachsenden Industriestadt Lüdenscheid, eine schnelle Verbindung zum Rhein, nach Köln über Bergisch Gladbach zu erlangen. Eine Wanderkarte aus dem Jahr 1912, heraus gegeben vom damaligen Wipperfürther Verschönerungsverein, zeigt in optimistischer Erwartung den Verlauf der Bahnlinie nach Gladbach: Danach zweigt von der seit 1876 / 77 bestehenden Eisenbahnstrecke von Wipperfürth nach Hückeswagen auf Höhe des heutigen Flugplatzes Neye ein Gleis ab, überquert die Wupper, führt durch Hilgersbrücke und an Ritzehaufe vorbei Richtung Süden, verschwindet kurz vor Kluse in einem knapp einen Kilometer langen Tunnel. Der endet auf der anderen Seite des Höhenrückens über den die heutige B 506 führt, im Tal der Kürtener Sülz. Von dort aus folgt die projektierte Bahnlinie im Wesentlichen der Sülz. Zwischen Kohlgrube und Ahe, sowie bei Junkermühle / Nassenstein und in Kürten sind auf der Karte bereits Bahnhöfe eingezeichnet, für Jörgensmühle / Furth war ein Haltepunkt vorgesehen. Die wohl beste Gesamtdarstellung über beide Strecken hat Gerhard Peterhänsel in einer 1986 erschienen Publikation (Die Sülztalbahn, Zug um Zug - Die Eisenbahnen im Sülztal und im Aggertal) des Geschichtsvereins Rösrath geschrieben.
Pläne wurden
wieder aufgegeben
Noch vor dem Ersten Weltkrieg war geplant, die Eisenbahnstrecke der Sülztalbahn, die im Dezember 1912 bis Lindlar fertig gestellt worden war, über Hartegasse, Frielingsdorf und über den Berg nach Dohrgaul und weiter nach Wipperfürth zu führen. Doch auch dieses Vorhaben wurde wegen des Ersten Weltkrieges nicht realisiert. 1927 wurde der Plan zur Verlängerung der Sülztalbahn über Lindlar hinaus nach Wipperfürth zugunsten der Strecke Wipperfürth - Kürten - Bergisch Gladbach fallen gelassen - aber auch sie wurde nie realisiert. Die Gründe für die Aufgabe beider Vorhaben liegen im Kontext der Zeitgeschichte auf der Hand: Der Erste Weltkrieg band Kapital und Arbeitskräfte, nach 1918 / 19 musste Deutschland aufgrund des Versailler Friedensvertrages immense Reparationszahlungen leisten, 1923 kam die Inflation. Und 1930 und in den Folgejahren verhinderte die Weltwirtschaftskrise und ihre weit reichenden Auswirkungen den Baubeginn. Bald danach versetzte die beginnende Motorisierung auf den Straßen den Bahn-Neubauprojekten den Todesstoß.
Klaus Strack schreibt dazu in dem 2005 vom Arbeitskreis Oberbergischer Eisenbahngeschichte heraus gegebenen Buch Eisenbahnen im Oberbergischen: Ein letzter Ruck ging 1927 durch den deutschen Behördenapparat, als sich der preußische Landtag aufgrund von Vorschlägen des Westausschusses noch einmal ausführlich mit der Frage weiterer Bahnlinien im Bergischen Land beschäftigte. Der Reichsregierung wurden seinerzeit unter anderem folgende Strecken zur weiteren Förderung empfohlen: Bergisch Gladbach - Wipperfürth und Lindlar - Wipperfürth. Die ernster werdende Weltwirtschaftskrise machte aber auch diese letzten Hoffnungen auf einen weiteren Bahnbau zunichte(...). Die Zeit des Bahnbaus war vorbei, keine 20 Jahre später begannen im Bergischen die ersten Streckenstilllegungen.