BEDBURG-KIRCHTROISDORF. Wenn Josef Görgens heute im Rhein Energie Stadion sitzt und die Heimspiele des 1. FC Köln kritisch beobachtet, weiß er genau, wie sich 90 Minuten Kampf gegen den Gegner und sich selbst anfühlen. Nur ansehen kann es ihm niemand. Äußerlich völlig gelassen blickt er stur in Richtung Rasen und spricht kaum ein Wort.
Dass Görgens kein üblicher Fußballfan ist, und nicht ins Stadion kommt, um zu fachsimpeln oder sich mal so richtig schön aufzuregen, merken seine Sitznachbarn trotzdem. Dann nämlich, wenn sich seine leisen Kommentare wie der wird in fünf Minuten ausgewechselt, oder wenn die nächste Ecke kommt, fällt der Ausgleich, mal wieder ruck, zuck bewahrheiten. Die gucken mich verdutzt an und überlegen, woher ich das weiß, erzählt der gelernte Schlosser, der seit vielen Jahren als Schichtleiter tätig ist.
Hätten die Spielbesucher vorher einen Blick auf drei Blätter mit der Überschrift Mein sportlicher Lebenslauf geworfen, wäre ihnen das schnell klar. Dreimal Deutscher Amateurmeister mit dem Verein Jülich 1910 steht da geschrieben. Das war 1969, 1970 und 1971. Eine Wahnsinnszeit, erinnert sich Görgens. Unglaublich hart. Wir haben immer alles gegeben und waren bereit, uns zu quälen. Das kann man mit heute nicht vergleichen. Einmal sei er nach dem Sieg im Endspiel so geschafft gewesen, dass er den Pokal nicht mal mehr für ein Foto hätte hochheben können. Jupp, der Unermüdliche nannten ihn die Journalisten.
Extrem laufstark sei er schon immer gewesen erzählt der in Linnich geborene Kirchhertener. Während seiner Kindheit hatten darunter die Nachbarskinder zu leiden: Wir haben ständig auf der Straße gekickt, aber nicht wie üblich zwei gegen zwei, sondern immer drei gegen mich.
Einige Jahre später bekamen die jungen Spieler, die Josef Görgens im Anschluss an seine aktive Zeit bei verschiedenen Vereinen im Rheinland höchst erfolgreich trainierte, zu spüren, was er von Fußballspielern erwartet: Alles geben. Entweder man ist einer mit Haut und Haaren oder nicht. Genau deshalb machte es ihm vor rund sechs Jahren auch keinen Spaß mehr, mit Spielern zu arbeiten, die mehr leisten könnten, aber mit ihren Gedanken ganz woanders sind. Als einer der jungen Sportler mit Piercing im Ohr ihm sagte, dass seine Freundin entscheidet, wo und ob er spielt, hatte Görgens endgültig die Schnauze gestrichen voll. Das hätte es bei uns früher nicht gegeben. Das war nicht mehr meine Welt. Seitdem hat er sich nie wieder auf einem Sportplatz rund um seinen Wohnort Kirchtroisdorf blicken lassen: Das war dann vorbei. Bei mir gibt es nur ganz oder gar nicht. Vermissen tut er trotzdem nichts: Meine Prioritäten haben sich geändert. Ganz fehlen darf der Sport in seinem Leben aber nicht. Rund 15 Kilometer Radfahren stehen regelmäßig auf dem Programm. Beim Anblick alter Fotos, die ihn mit Helmut Schön und anderen Fußballgrößen zeigen, bekommt Görgens feuchte Augen. Ich würde alles wieder so machen. Vielleicht sogar noch intensiver. Im Herzen bin und bleibe ich halt Fußballer, sagt er leise. Jeder, der ihn kennt, weiß das. Und sicher haben die rund 90 Gäste, die mit Geburtstag feiern, keine andere Einladung erwartet: Nach dem Spiel fix und sechzig, steht, wen wundert s, auf einem schwarz-weißen Ball.