AUS DEM KREIS. Was sich hinter dem zunächst so sachlichen Titel "Mein Vater Robert Ley - Meine Erinnerungen und Vaters Geschichte" des in den nächsten Tagen im Nümbrechter Galunder-Verlag erscheinenden Buches an Lebensschicksal verbirgt und sich dem Leser öffnet, deutet sich in dem Interview auf diese Seite schon an. Dr. Renate Wald (81), renommierte und seit 1987 emeritierte Professorin für Gesellschaftswissenschaften an der Universität Wuppertal, ist das älteste Kind Robert Leys aus dessen erster Ehe mit Elisabeth Schmidt (1895 - 1967), aus deren Linie auch der kommende Woche aus dem Amt scheidende Bundespräsident Dr. Johannes Rau stammt. Um nach dem Kriege überhaupt studieren zu können, musste die Tochter Leys einen anderen Namen annehmen. Ihre jeweiligen Lebenswelten voneinander zu trennen, sollte bestimmend bleiben.
Als beherrschend in je unterschiedlicher Weise hat sich aber auch das Bewusstsein erwiesen, Tochter dieses Vaters zu sein, der sich schließlich als einer der Angeklagten vor dem Hauptkriegsverbrecher-Tribunal in Nürnberg noch vor Beginn der Verhandlungen das Leben genommen hat. Dass ihr Vater in den Tagen der Nürnberger Haft jedoch zum christlichen Glauben zurückgefunden und die Verworfenheit seines Weges im Dritten Reich erkannt und bekannt habe, das will Renate Wald auch der Nachwelt hinterlassen. Als eine der wenigen Nazi-Größen habe Robert Ley seinen Anteil an der Schuld eingestanden, hält selbst der Bericht des Interrogation Centers der 7. US-Armee am 29. Mai 1945 fest.
"Sie meint", so resümiert Dan Bar-On, Professor für Psychologie an der Ben-Gurion- Universität in Beer Sheva, nach zwei Begegnungen mit ihr, "ihr Vater werde von den Historikern nach dem Kriege in einer entstellten Weise beschrieben, und es sei ihre Pflicht, seine wahre menschliche Natur zu enthüllen." Über weite Strecken sei sie dabei von einem "freundlichen Kindheitsbild" besetzt. Jedoch habe Renate Wald in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen "eine Menge geleistet": "Ich bin dankbar dafür, miterleben zu können, was ein solcher Kampf bedeuten kann."
Wohl gewonnen hat Prof. Wald ihren Kampf gegen das Gerücht, Robert Ley habe seine zweite Frau ermordet. Sie hat dem Bundesarchiv Dokumente zuführen können, die inzwischen auch in die wissenschaftliche Literatur Eingang gefunden haben und belegen, dass die zweite Ehefrau Leys ihrem Leben selber ein Ende gesetzt hat.
Seit Abschluß ihrer Arbeiten an den Lebenserinnerungen wird Renate Wald von einer lebensbedrohlichen Krankheit heimgesucht. Einen ersten gesundheitlichen Einbruch hatte sie bereits im Gefolge der Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung der Geschichte des Dritten Reiches im Oberbergischen in den 80-er Jahren zu verkraften, als sie persönlich übelst in Anspruch genommen wurde.
Dabei braucht sie sich weiß Gott nicht zu verstecken - weder als Wissenschaftlerin noch als Bürgerin, die sich links-liberal bekennt. Unter anderem zusammen mit Kollegen von Hans Albert bis Erwin K. Scheuch gehört sie zu den Autoren der biographisch angelegten Notizen "Wege zur Soziologie nach 1945".