Weil eine Frau seine Freundin liebte, musste Bert Simon beinahe sterben. Noch heute leidet er unter den Folgen des Mordversuchs.
EUSKIRCHEN. Für einen, der 36 Kilometer von Köln aus zu Fuß nach Euskirchen gegangen ist, biegt Bert Simon verdammt pünktlich an der Kölner Straße zum Haupteingang des Rathauses ein. Simon ist auf dem Weg von Hannover nach Santiago de Compostella. Also wieder so einer, der seinen Kerkeling gelesen hat, und es dem TV-Star nun gleich tut?
Mitnichten: Bert Simon ist bereits zum sechsten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs. Dieses Mal aber mit einer ganz besonderen Absicht. Er ist als Botschafter des Weißen Ringes unterwegs. Denn ohne die Opferschutzorganisation, so sagt der 37-Jährige, wäre ich nicht mehr am Leben.
Im Büro des Bürgermeisters wird Simon vom Ersten Beigeordneten Thomas Huyeng empfangen: Kurzer Smalltalk, dann erzählt der 37-Jährige seine Geschichte - eine Geschichte, die ihn über vier Jahre seines Lebens nicht zur Ruhe kommen ließ, die er um ein Haar mit seinem Leben bezahlt hätte - und die ihn heute noch niemals mehr als drei Stunden pro Nacht schlafen lässt. Rückblende:
2001: Bert Simon, ein erfolgreicher Fotograf, lernt Christine kennen. Die an Mukoviszidose erkrankte Frau lebt mit der Lunge eines Toten: Sie war richtig tough, erzählt Simon. Sie verlieben sich ineinander, gründen eine Hilfsorganisation für Lungentransplantierte und merken schnell, dass sie mit dieser Hilfe bei Hunderten von Patienten eine offene Tür einrennen: Wir hatten nachher 18 Wohnungen, in denen 300 Familien für gewisse Zeit wohnten.
Ende 2002 tritt Christine dann in der ARD-Talkshow Beckmann auf und erzählt von ihrer Krankheit, dem Leben mit einer fremden Lunge und der Arbeit ihrer Organisation. Irgendwo in Bayern sitzt zu dieser Zeit eine Frau namens Tanja vor dem Fernseher: Auch sie ist an Mukoviszidose erkrankt. Kurz nach der Sendung nimmt Tanja Kontakt zu Christine und Bert auf, sie wolle in ihrer bayrischen Heimat für die Organisation arbeiten. Was beide nicht wissen: Die lesbische Tanja hatte sich via TV in Christine verliebt - eine Liebe mit unabsehbaren Folgen.
Denn schon wenige Zeit später zieht Tanja von Bayern nach Hannover, den Wohnort von Christine und Bert Simon. Eine Stalking-Geschichte nimmt ihren Lauf: Sie saß in unserem Stammlokal, konsultierte den selben Zahnarzt - möglichst zu den gleichen Terminen. Bis zu 60 Anrufe am Tag, 20 SMS und 2500 E-Mails im Laufe der folgenden Jahre machen das Leben von Bert Simon und seiner Lebensgefährtin zur Hölle. Während Tanja Christine aus Liebe nachstellt - zum Teil mit körperlicher Gewalt -, fällt auf Bert ihr Hass: Verleumdungen, er habe sie vergewaltigt sowie Auskundschaften im Freundeskreis, sind zu Tanjas einzigem Streben geworden: Wir haben damals im sehr handverlesenen Kreis Christines 40. Geburtstag gefeiert, und ich habe - obwohl ich eigentlich Nichtraucher bin - mal eine Zigarette geraucht. Wie auch immer, Tanja hatte es erfahren: Na, hat die Zigarette geschmeckt?, mailt sie noch in derselben Nacht. Wir sind damals nicht in den Urlaub gefahren, wir sind in den Urlaub geflüchtet., erinnert sich Simon.
3. August 2006: Bert Simon sitzt allein auf dem Balkon, als Tanja an der Tür läutet. Sie wolle zurück nach Bayern ziehen, sagt sie. Bert Simon sieht das Ende aller Qualen nahen - eine trügerische Hoffnung. Denn was dann kam, sollte sein Leben grundlegend verändern: Nach einem zweistündigen ruhigen Gespräch gibt Tanja vor, sie wolle aufbrechen: Bert Simon geht vor, um sie zur Tür zu bringen: Zwei Meter und zwei Sekunden später stand ich plötzlich am Ground Zero, schreibt Simon auf seiner Internetseite: Tanja schlägt ihm von hinten mit einem Hammer auf den Kopf. Er verliert viel Blut, kann sich kaum noch bei Bewusstsein halten: In diesem Moment habe ich die Energie der folgenden Monate verbraucht. Er kann die Angreiferin aufhalten, ruft wie im Trance eine Bekannte an und es gelingt ihm, Tanja auf den Flur zu zerren. Doch dort zieht die gelernte Fleischereifachverkäuferin plötzlich ein verdeckt getragenes Messer mit einer 25 Zentimeter langen Klinge: Sie stach mir zuerst in meinen Oberschenkel und durchtrennte ein Sechstel der Oberschenkelmuskulatur. Als sie auf sein Herz zielt, bohrt sich das Messer in seine Rippe. Erst ein vom Lärm aufgeschreckter Nachbar kann die Frau unschädlich machen. Er rettet Bert Simon das Leben.
12. Januar 2007. Bert Simon ist einen langen Genesungsweg gegangen, sechs Monate verbrachte er in Krankenhäusern, als das Schicksal erneut zuschlägt: Seine Verlobte Christine stirbt unerwartet. Zu dem Trauma des Mordversuches gegen mich kam nun auch noch die Trauer, erzählt er.
Seit dem 14. März ist er nun unterwegs, macht Stationen, um für den Weißen Ring zu werben, der ihm geholfen und ihm die Traumatherapie besorgt habe. Ohne die Hilfe des Weißen Ringes, sagt er, hätte ich mir mit Sicherheit schon das Leben genommen. Seine Tage seien grau, seine Nächte immer noch kurz. Nach drei Stunden Schlaf, wenn die Verdrängungsmöglichkeiten des Tages verschwunden sind, kehre ich automatisch im Schlaf an den Tatort zurück. 23 Kilogramm hat er seit der Tat abgenommen: Essen finde ich manchmal zum Kotzen. Anfangs habe er einen Waschzwang gehabt - eine psychische Folge des Tatortanblicks voller Blut.
Belastet ihn da das ständige Wiederholen der Geschehnisse nicht zu sehr? Natürlich tut es weh, sagt der 37-Jährige, aber es nicht zu erzählen, täte auch weh. Er habe sich schon kurz nach der Tat geschworen, aus dieser furchtbaren Geschichte etwas Positives zu gewinnen: die Werbung für den Weißen Ring.
Und die Täterin? Tanja ist unter anderem des versuchten Mordes verurteilt worden. Zunächst soll sie acht Jahre hinter Gittern, doch diese Strafe hält selbst Bert Simon für zu hart: Auch sie ist Mukoviszidose krank. Acht Jahre hieße in ihrem Falle also lebenslang. Dass sie nun in letzter Instanz aber nur zu vier Jahren verurteilt wurde, bereitet Simon wieder große Angst. Nach der zwei Drittel-Strafe bei guter Führung und der Verrechnung der Untersuchungshaft könnte sie schon Ende des Jahres wieder frei kommen. Reue habe sie nie gezeigt, eher weiterhin ihren Hass gegen Bert Simon bekundet.
Ich weiß, sagt der 37-Jährige leise, sie wird beenden wollen, was sie bei mir begonnen hat . . .
Seine Wanderung zurück ins Leben dürfte in Santiago de Compostella noch lange nicht zu Ende sein.