AACHEN. Wer war der beliebteste Deutsche in diesem Jahr? Für die meisten belgischen und niederländischen Getränkeverkäufer im Dreiländereck ist die Sache klar: Jürgen Trittin, schließlich steht der grüne Umweltminister für die Einführung des Dosenpfand-Systems. Während die Dosen hierzulande aus den Regalen der Warenhäuser fast völlig verschwunden sind, tauchen sie in den niederländischen und belgischen Märkten stapelweise auf. Der Dosen-Tourismus blüht.
Im Einkaufscenter C 1000 in Vaals muss man sich im Eingangsbereich an den Paletten beinah vorbeizwängen. „Kein Dosenpfand“ steht in roter Schrift auf Plakaten über Tausenden von Dosen. Herr über die roten Dosen ist René Geersten. „Alles paletti“, sagt der 21-jährige Verkäufer lachend und hebt eine Palette mit 24 Dosen auf einen Wagen. „Eine Extra-Bestellung, 32 Paletten für einen Mann aus Aachen. Das geht hier den ganzen Tag so.“ Und Geschäftsführer Maurice Vogely kann sein Glück kaum fassen: „Tut mir Leid für die Deutschen, für uns ist die Einführung des Dosenpfands ein Segen.“
Im C 1000 stieg der Verkauf von Cola-Dosen von 24 500 Paletten im Jahr 2002 auf 46 800 im vergangenen Jahr. „Ich bestelle 900 Paletten pro Woche, die werden teilweise mit dem Lkw hier abgeholt“, sagt Vogely. Geerd Hartzmann von der Coca-Cola-Pressestelle in Berlin bestätigt den Rückgang der Dose auf dem deutschen Markt: „90 Prozent der Cola wird inzwischen in Mehrwegflaschen abgefüllt“, sagt er. Alternativ zum 0,33-Liter-Dosenklassiker bietet das Unternehmen seit neuestem eine 0,33-Liter-Mehrweg-Plastikflasche an. Die ist in den Geschäften der Region für durchschnittlich 0,49 Cent zu haben - plus 25 Cent Pfand, versteht sich.
Doch genau für diese 25 Cent nehmen viele Kunden den Weg in den niederländischen oder belgischen Supermarkt auf sich. „Das ganze Hantieren mit dem Pfand bleibt mir so erspart“, sagt Klaus Wolke, der regelmäßig nach Belgien fährt, um sich den Einkaufswagen mit Cola-Dosen zu füllen. Zu denen, die vom Dosen-Boom profitieren, gehört auch Alain Vrancken, Geschäftsführer im AD Delhaize im belgischen Eynatten. Zwar kostet die Dose bei ihm sogar einen Cent mehr als die 0,33-Liter-Plastikfalsche in Deutschland, doch dafür entfällt der „Pfand-Stress“. Vrancken steigerte den Verkauf von Cola im Dosenformat von 6000 Paletten im Jahr 2002 auf 12 000. „Die kommen in Scharen und holen die Dosen“, sagt er.
Und die Aussichten sind noch besser: Da in Belgien ab April die Mehrwertsteuer auf nichtalkoholische Getränke von 21 auf sechs Prozent fällt, könnten die Preise weiter sinken. Die Verfechter von Dosen freuen sich. Umweltminister Trittin hatte sich das aber sicher ganz anders gedacht.
Die Deutsche Umwelthilfe zieht eine positive Bilanz des Dosenpfands: Die Einführung des Pflichtpfandes auf Getränke-Einwegverpackungen zum 1. Januar und 1. Oktober 2003 habe den seit 1997 andauernden Zusammenbruch der Mehrwegquote gestoppt. Die Lenkungswirkung des Pfandes sei eindrucksvoll: Durchschnittlich jede zweite Dose oder PET-Einwegflasche wurde dauerhaft durch die umweltfreundlichere Mehrwegflasche ersetzt. (rzp)
