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Die Krankheit heruntergespielt

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Der französische Präsident Jacques Chirac ist nach einer Durchblutungsstörung im Auge in das Pariser Militärkrankenhaus Val-de-Grace eingeliefert worden.

PARIS. Seit Freitagabend liegt Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac im Pariser Militärkrankenhaus Val de Grace. Wegen leichter Sehstörungen, hieß es offiziell. Und seit diese Nachricht mit 14-stündiger Verspätung in Frankreich publik gemacht wurde, bemühen sich Regierungsspitzen, Vertraute des Präsidenten sowie die Krankenhausleitung, den Zwischenfall herunter zu spielen. Demnach soll der 72-jährige in bester Form sein und spätestens Ende dieser Woche wieder völlig auf dem Damm.

Vorerst allerdings musste er alle Termine, darunter heute ein Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, absagen. Als Ursache der Sehstörung, die angeblich innerhalb weniger Tage von selber verschwinden wird, führen die Ärzte ein Gefäßproblem an. Es bestehe nicht der geringste Anlass zu Beunruhigung.

Doch selbst wenn letzteres stimmen sollte, so wird den Franzosen bestenfalls die halbe Wahrheit mitgeteilt. Dass sich hinter dem „Gefäßproblem“ wohl ein leichter Schlaganfall verbirgt, mag niemand aussprechen. Auch dass der Präsident nun gründlichen Untersuchungen wegen des Verdachts einer Arterienverkalkung im Gehirn unterzogen wird, können Frankreichs Bürger bestenfalls dem Studium der Auslandspresse entnehmen.

Solche Schönfärberei hat an der Seine Tradition und hinter ihr verbarg sich in der Vergangenheit oft genug gezielte Täuschung. Unvergessen ist, wie der schwer krebskranke Präsident François Mitterrand die Nation über Jahre mit gefälschten Gesundheitsbulletins hinters Licht führte.

Entsprechend misstrauisch reagieren nun viele Bürger auf die offiziellen Beschwichtigungsversuche. Schließlich muss sich ihr Präsident - nach allem, was man weiß - zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren in einem Krankenhaus behandeln lassen. Chirac hat bislang stets sein Bestes getan, um mindestens 10 Jahre jünger zu erscheinen als er ist. Schlank, das schüttere Haar dunkel gefärbt und selbst im Winter immer sorgfältig höhensonnengebräunt unterhielt der Hausherr des Élysée-Palasts den Ruf seiner gesundheitlichen Unverwüstlichkeit, die mit größter Arbeitsenergie und einem legendären Appetit einhergehen soll. Selbst die Tatsache, dass der Präsident zunehmend unter Schwerhörigkeit leidet, wurde lange Zeit eisern dementiert.

Der Grund für all diese Anstrengungen und Verrenkungen ist freilich weniger seine Eitelkeit als die Tatsache, dass er nach wie vor mit der Kandidatur für eine dritte Amtszeit liebäugelt. Keine Frage - Chirac dürfte die Sehstörung sehr viel weniger Sorgen bereiten als der Umstand, dass jetzt sein Alter doch noch in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion geraten ist.

Der nicht zu vertuschende Krankenhausaufenthalt bedroht die Zukunftspläne stärker als das ihm persönlich als Niederlage angekreidete Referendums-Nein zur EU-Verfassung. Ein Dilemma, welches die linksliberale Zeitung „Liberation“ mit einer mitleidslosen Karikatur auf den Punkt brachte. Da hocken zwei Geier am Fußende des Krankenbetts von Chirac, der die Bettdecke entsetzt bis unter die Nasenspitze hochgezogen hat. Die Geier tragen die Köpfe von Regierungschef Dominique de Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy. Beide bürgerliche Politiker werden derzeit als Chiracs mögliche Nachfolger im Präsidentenamt am höchsten gehandelt.