„Die Jungs, die gut aussehen und ’ne große Klappe haben, die haben im Ring nichts drauf. Die Stillen sind die Gefährlichen.“ Kirmesboxen hat seine eigenen Regeln, und Johann Heinen kennt sie genau. Schließlich hat er selbst sechs Jahre lang im Ring gestanden, mit 16 zum ersten Mal eine Prämie von hundert Mark verteidigt, die auf ihn ausgesetzt war. Seit fünf Jahren hat der erst 28-Jährige die Boxhandschuhe an den Nagel gehängt und leitet seine eigene Kirmes-Boxbude, die größte von nur noch drei Stück bundesweit. Noch bis 4. Mai stellen sich seine sieben Boxer auf dem Deutzer Frühlings-Volksfest den Besuchern.
Rar geworden auf Volksfesten, sind Boxbuden eines der traditionellen Schaustellergeschäfte, deren Gesicht sich mit der Zeit kaum verändert hat. Das mag an den einfachen Zutaten liegen: ein Ring, ein Mann, der boxen kann, und einer, der denkt, dass er es kann. Auch die Boxbude der Heinens aus Düren ist ein Familienbetrieb. Johann Lemoine, Spross einer Artistenfamilie, übernahm Mitte der 50er Jahre die Boxbude vom Schwiegervater, die dieser nach dem Krieg gegründet hatte. Lemoine ist der Großvater von Johann Heinen und leitet mit ihm das Geschäft.
Auf der Deutzer Kirmes ist die Attraktion zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder und erstaunt so manchen Besucher. „Viele sind erstaunt, dass es so etwas noch gibt“, erzählt Heinen. Das Besondere sei, dass man nicht nur passiv bedient werde, wie bei den Fahrgeschäften, sondern wirklich mitmischen kann. Ob mutig oder wahnsinnig, jeder kann sich an einem der sieben Boxer versuchen, bei einem K.-o.-Sieg gibt es - je nach Gewichtsklasse - eine Prämie zwischen 100 und 300 Euro.
Ein Ausgang, der eher unwahrscheinlich ist, denn die wenigsten der mutigen Kirmesbesucher können wirklich boxen. Das macht es für Heinens Recken - wechselnde Amateurboxer aus Boxvereinen - nicht einfacher. „Die müssen natürlich ein bisschen Show bringen und sich zurückhalten“, sagt er. „Gegen einen Gegner, der nicht boxen kann, bringen die nur 30 Prozent.“ Aber auch das kann in die Hose gehen. „Einer, der nichts konnte, hat nach zig Schlägen in die Luft zufällig unseren Mann getroffen und k.o. gehauen. Der Sieger war überraschter als wir.“ Meist jedoch brächten sich die Gegner mit wilden Schlägen so schnell selbst aus der Puste, dass man sie nach zwei Runden fast umpusten könne.
Manchmal kommt auch einer, der es wirklich kann. „Am ersten Tag in Deutz war ein ehemaliger Profiboxer hier, der hat meinen Mann umgehauen und wollte direkt noch mal kämpfen.“ Probleme mit aggressiven Kneipenschlägern gibt es kaum. Vorfälle wie der am Wochenende (wir berichteten) sind die Ausnahme. „Wenn so einer im Ring ein paar auf die Schnauze kriegt, ist der ganz schnell ruhig“, sagt Heinen und lacht. „Aber im Ernst, wenn man die Leute mit Fingerspitzengefühl behandelt, gibt es keinen Ärger.“ Tabu ist der fünf mal fünf Meter große Ring für Betrunkene, Minderjährige und aktive Profi- und Amateurboxer.
Wer die Rummelboxer noch nicht gesehen hat, sollte sich beeilen, denn nach Deutz wird Heinen so schnell wohl nicht mehr kommen. „Wir gehen nur zu den ganz großen Festen regelmäßig, obwohl ich finde, dass eine Boxbude auf jede Kirmes gehört.“